1836_Immermann_045_83.txt

Sache verblümt schon im "Merkur" gestanden, und was der "Merkur" weiss, dass weiss bekanntlich ganz Schwaben.

Ich habe mich nun kurz resolviert. Deiner seligen Mutter versprach ich einst, für Dich sorge tragen zu wollen bei allen Exzessen, zu denen Dich Dein stürmisches Temperament verleiten möchte; und als guter Geschäftsmann will ich mein Wort halten. Die Sommerferien stehen vor der Tür, eine Bewegung tut mir auf die ewige Schreiberei auch not, der Ärger, wenn ich Dich treffe, wird die Motion verstärkenkurz, in acht Tagen schliess' ich mein Oberamt zu, reise den Rhein hinab, biege nach Deiner Tacitischen Germania, wo Du unter Bohnen, Schweinen und Bauern so genussreiche Tage verlebst, hinüber, fasse Dich, wo ich Dich finde, und will dann sehen, ob Du mich wirst allein zurückreisen lassen.

übrigens bin ich, wie immer

Dein Freund Ernst

*

Der Jäger an den Oberamtmann Ernst

Ich sende Dir diese Zeilen nach Stuttgart entgegen, wo sie in Wilhelms Händen für Dich beruhen bleiben, denn Du wirst als ein wahrer Glaubiger gewiss erst in unserer National-Kaaba Dein Gebet verrichten, bevor Du hinausziehst in die Fährlichkeiten des falschen Auslandes.

Nun ist mir erst wohl. Du hast mir die Lektion gegeben, und so steht alles in gehöriger Ordnung. Dass Du mir nachrennst, entzückt mich, denn ich sehe daraus, dass Torheit ansteckt und mächtiger ist, denn Vernunft. Wenn Du kommst, will ich mit Dir, geduldig wie ein Lamm heimreisen, sofern sich nicht inzwischen der Schrimbs oder Peppel noch findet, wozu freilich wenig Anschein. Könnte ich nur des alten Jochem erst wieder habhaft werden! Wer weiss, wo der arme Kerl umherrennt? Ich habe schon in verschiedenen öffentlichen Blättern nach ihm Erkundigung getan, jedoch bis jetzt vergebens.

Hier in dieser altertümlichen Stadt verweile ich seit mehreren Tagen bei einem guten Bekannten, den ich unversehens wiedergefunden habe. Eine gar hübsche Häuslichkeit und ein angenehmer Kreis umgibt ihn. Auch hier habe ich närrische Sonderlinge kennengelernt, welche doch dabei gute, schätzbare, unterrichtete Menschen sind, so dass man über sie lächeln und ihnen zugleich von Herzen zugetan sein kann. Welche Masse von Bildung, Wissen und Eigenartigkeit ist bei uns überallhin verbreitet! Wenn diese Reise auch weiter keinen Nutzen hat, so wird sie mir schon dadurch, dass sie mir jene Überzeugung recht in die Hand gab, heilsam sein.

Der Gipfel unserer Geselligkeit war der vorgestrige Abend, wo ihre Gelehrte Gesellschaft (lache nicht!) eine Sitzung hielt. Sie haben eine Akademie zusammen gestiftet, in welcher die verschiedenartigsten Aufsätze vorgelesen werden. Diese sind aber statutenmässig bis auf weiteres aller Veröffentlichung durch den Druck streng entzogen. Jeder muss Strafe zahlen, der sich zur Unterstützung einer vorgetragenen Meinung auf eine Flugschrift oder ein Zeitblatt beruft, und von den Zusammenkünften bleiben die Frauen ausgeschlossen. In dieser Gesellschaft brachte ich einen wahrhaft platonischen Abend zu, denn wenn wir alle auch lange nicht so schön redeten, wie die Griechen, so kam doch so viel Urteil, Beobachtung, Scherz und Laune zum Vorschein, dass Du Dich verwundern wirst. Ich schreibe nämlich in den Morgenstunden die geschichte dieses Abends unter dem Titel: "Ein Gastmahl", für Dich nieder. Eine unvermutete Wendung hatte ich der Sache zubereitet, indem ich in meiner Unschuld gegen die Frauen zum Verräter der Zusammenkunft geworden war, und diese dem Abende einen phantasievoll humoristischen Abschluss gaben.

Ach, Lieber! es ist mir zumute, als stehe mir die Poesie des Lebens so nahe, dass ich sie hinter jedem Busche jetzt und jetzt werde mit Händen greifen, aus jedem Blumenkelche in mich hineinsaugen können! Da, dort, überall guckt die Elfe hervor und sieht mich mit Liebesaugen an. Ward denn jegliches Dasein bestimmt, wie eine der verwickelten algebraischen Gleichungen nur annäherungsweise ein Analogon von Auflösung darzubieten, oder gibt es nicht auch schlichte, plane Existenzen, die aus sehnsucht und Erfüllung ein reines Fazit ziehen? – Und was denkst Du Dir bei diesen geschraubten Worten, die da unwillkürlich meiner Feder entflossen sind?

Ich bin so wenig ein Dichter, als Du ein Schwarzwälder Uhrmacher bist, aber bisweilen bricht die Poesie aus jedem, wie die Träne aus der Rebe im Lenz. Das sind dann schicksalsschwangere Momente, Momente, in denen unsere Sterne sich rühren, und dadurch die Kräfte unsres kleinen Selbstes rühren und regen. Ich schrieb Dir von dem Spessarter Märchen, welches ich da hingeworfen, und nun ist's sonderbar, dass sich einzelne Elemente dieser Erfindung, z.B. das unvermutete Treffen eines Freundes, ein kurioses Waldabenteuer, körperlich hinstellen, freilich ganz verschieden von meinem Poem, aber im innersten Sinne doch verwandt, so dass es ist, als wollten mich meine Spessarter Zauberfiguren mit Wirklichkeit nekken.

Hiebei musst Du Dir gar nichts Besonderes vorstellen; es gibt nur so wunderbare Stimmungen, in denen man mehr seine Gedanken, als sein Leben lebt. So will mir das Waldgefühl nicht aus dem Sinn, es flutet grün und kühl mit frischem Borkengeruch durch meine Seele, und gelbe Funken kreuzen den stillen, tröstlichen Schein.

In Leben und Tod, mein alter Ernst,

Dein Narr

N.S. Die arme Clelia dauert mich herzlich. Wie schlecht, dass ich ihrer erst jetzt gedenke! Was mich betrifft, so mögen sie von mir schwätzen, was sie wollen.

Dreizehntes Kapitel

Der Jäger schiesst und trifft

Immer wurde unser junger Schwabe von seinen schwärmerischen Empfindungen wieder durch einen äusseren Eindruck