ganz neue Figurationen hervorgebracht, so dass das Gebäude wenigstens stellenweise aussah, als sei es nicht aus des Menschen, sondern aus ihrer Hand hervorgegangen. – "Wie sonderbare Symbole werden oft um uns her gestellt!" rief der Jäger. "Hier steht die Kirche, an welcher, mindestens an deren Ornamenten sich nicht unterscheiden lässt, was davon der Baumeister gewollt, und was Zeit und Wetter hinzugefügt haben, und gestern erschien mir an einer Blume im wald ein schönes Mädchen."
Der Diakonus fragte näher nach, und der Jäger erzählte ihm mit glänzenden Augen und bewegter stimme sein Waldabenteuer. "Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen, sind Sie mit der blonden Lisbet zusammengetroffen", sagte jener. "Das liebe Kind streift im land umher, ihrem alten faselnden Pflegevater Geld zu verschaffen; sie war auch bei mir vor einigen Tagen, wollte sich aber nicht verweilen. Wenn sie es war, so hat Ihnen die natur wirklich ein Symbol gezeigt, denn auch das Mädchen ist in Moder und Verfall aufgeblüht, wie Ihre Wunderblume aus dem alten Baumtrumm. Über ihr halten schirmende Geister die hände, sie ist das liebenswürdigste Aschenbrödel und ich wünsche ihr nur den Prinzen, der sich in ihren kleinen Schuh verliebt."
Auf dem Rückwege sollten der Sammler und der Reisende besucht werden, beide waren aber nicht zu haus. In der wohnung des Diakonus hatten sich dagegen bei der Frau mehrere Freundinnen eingefunden, anscheinend zufällig, eigentlich jedoch wohl in der Absicht, den jungen hübschen Fremden in Augenschein zu nehmen. Sein munteres trauliches Wesen brachte ihn bald mit allen den Frauenzimmern, unter denen keine einzige Hässliche war, in naive Berührung, und es schadete ihm bei ihnen nicht, dass sie hin und wieder über seine Zischlaute heimlich lächeln mussten.
Er hatte sich bei Tische seiner Verschwiegenheit gerühmt. Als man aufgestanden war, zog ihn die Wirtin rasch beiseite und flüsterte ihm zu: "Sagen Sie den beiden" – sie zeigte auf zwei ihrer Freundinnen, welche zum Essen geblieben waren – "nichts vom heutigen Abende, es soll daraus eine Überraschung für sie gesponnen werden." – "Sie meinen", versetzte er, "die Gelehrte Gesellschaft des heutigen Abends." – "Dieselbe", erwiderte die Frau schalkhaft, "und verschweigen Sie, wenn Sie sich auch sonst verschnappen sollten, wenigstens den Ort der Zusammenkunft, wie heisst er doch nur gleich?"
Er nannte ihr harmlos den Ort, den er zufällig auch bereits vom Diakonus erfahren hatte. "Richtig!" rief die Frau, eilte zu ihren Freundinnen, und alle drei verliessen flüsternd und lachend das Zimmer.
Zwölftes Kapitel
Brief und Antwort
Der Oberamtmann Ernst an den Jäger
Wenn Du mich Mentor nennst, so steckt Pallas Atene in mir, und wenn ich dann trotz meiner Göttlichkeit immer noch an dem unfolgsamen Telemach hange, so muss wohl das unerbittliche Schicksal daran schuld sein, dem Götter und Menschen sich beugen.
Sage mir, was bist Du? Wo fängt bei Dir die Vernunft an, und wo hört die Torheit auf – Mischwesen? Willst Du ewig ein Kind bleiben? kommt es denn immer in Dir nur zu Blüten und setzen sich nie Früchte ab? Ich dächte, man würde alles müde, absonderlich dummer Streiche, und Du hättest den Reiz der Neuheit in dieser Materie allgemach überwunden.
Allerdings glaube ich, dass der Mensch von dunkeln Instinkten manches zu erdulden hat, und insonderheit mag Deinem Blute durch die schwärmende und übertriebene Zärtlichkeit Deiner Eltern, welcher Du Deine Entstehung verdankst, der Kitzel eingeimpft worden sein, von Abenteuern zu Abenteuern fortzustrudeln. Wenn Du aber meinst, dass aus solchen instinktelierenden Anstössen irgend etwas Grosses, ja dass nur etwas Gutes und Gescheites daraus hervorgehen könne, so bist Du gewaltig im Irrtum, ich habe immer die Handlungen der Menschen erst anfangen sehen, wo diese Region dämmriger Willkürlichkeiten hinter ihren Füssen lag. Von der geschichte Deines Ludwigsburger Granatensuchers hast Du das Ende vergessen. Der Mensch gewöhnte sich nach dem kleinen Glücke, welches ihm sein Raptus gebracht, das Trinken an, ging oder taumelte einmal bei später Abendzeit in der Gegend umher und fiel in den Neckar, aus dem man am andern Morgen seine Leiche zog. Ihr Ritter der Nachtseite der natur greift aber immer aus den Tatsachen nur das heraus, was in euren Kram passt, und woran ihr kapuzinerhaft euren Spruch demonstrieren könnt.
Dein Umherschweifen hat Dir manche schöne Stunde und viele tausend Gulden unnütz geraubt, mit Deinem verwünschten Schiessen wirst Du einmal übel ankommen; was Deine Verehrung der Frauenzimmer betrifft, so ist diese Andacht für mich eine neue Bekanntschaft, ich hatte bis jetzt in der Hinsicht nichts Absonderliches an Dir verspüren können. – Beinahe krank bin ich aber von Deinem Briefe geworden, denn es gibt nichts Verhängnisvolleres, als wenn ein Mensch in Deinen Jahren und Verhältnissen noch Streiche macht, die man kaum einem heimatlosen Studenten verzeiht. Die Leute glauben nicht an die Torheit, sie suchen und finden in solchen Eulenspiegeleien Gründe und Absichten. Was die Deinige zur Folge gehabt hat, will ich Dir kurz und praktisch vorhalten. Man steht bei Deinem einmal hingeworfenen Worte fest, Du seist schon im Auslande versprochen, man setzt Deine Reise mit diesem Geschwätz in Verbindung, sagt, Du habest nur einen Vorwand ergriffen, um zu entrinnen, und werdest unversehens mit einem aufgelesenen alten akademischen Liebchen wiederkehren. fräulein Clelia ist durch Deine Ritterschaft aufs äusserste blossgestellt und ganz trostlos. So erzählte mir Pfleiderer, der von Stuttgart hier durchreiste. Ausserdem hat die