Las Cases und andern, welche zu dieser Autorenreihe gehörten.
Dennoch hatte er die Mahnung seines Begleiters nicht ganz verstanden und wollte ihn eben um nähere Erläuterung bitten, als der Hauptmann das Zimmer betrat. Es war ein ältlicher Herr in blauem Oberrock, das rote Band im Knopfloch. Durch das hagere Gesicht zogen sich unzählige Runzeln und auch einige Schmarren. Er begrüsste seine Gäste mit trockener Höflichkeit, lud sie zum Sitzen und liess sich den Namen des Jägers nennen, den der Diakonus ohne Arg aussprach, ehe sein Träger es verhindern konnte. "Ich habe", sagte der Hauptmann, indem er nachsann, "einen dieses Namens bei den Württembergern in Russland gekannt. Der Zufall führte uns mehrmals zusammen, bei Smolensk gerieten wir beide in Gefangenschaft, halfen uns aber bald wieder heraus."
"Das war mein Oheim", erwiderte der Jäger. – Diese Entdeckung gab ihm sogleich einen näheren Bezug zu dem Hauptmann, dessen ganzes Gesicht sich erheiterte. Er drückte dem Neffen seines alten Kameraden die Hand und liess sich nun in seinen Kriegserinnerungen bis zur Schlacht von Leipzig ungemessen gehen. Dort aber bekamen sie einen Halt und stockten, sozusagen, hinter einem Schlagbaume, über den sie nicht hinwegsprangen. Am Schlusse seiner Erzählungen sagte er: "Es ist um einen grossen Mann eine eigene Sache, und die Menschheit schaufelt sein Bild aus dem Schutte hervor, mag das Unglück diesen noch so hoch über ihm aufgetürmt haben. Was haben alle die Siege, die zweimal nach Paris führten, den Siegern in betreff des Nachruhmes geholfen? Nichts. Es sind Tatsachen geblieben, die alle Welt kalt anhört und weitererzählt, aber der Kaiser, der Kaiser bleibt die einzige Gestalt jener Tage. Er hat die Menschen gequält, und dennoch vergöttern sie ihn, ei, ein wenig Qual ist dem Menschengeschlechte nützer als allzu schlaffes Wohlleben! Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: An den gusseisernen Monumenten mit den spitzigen Kirchendächern werden die Invaliden wachen und die Gegitter den reisenden Engländern aufschliessen, aber nur an der Vendômesäule werden jeden fünften Mai frische Immortellen liegen."
Der Diakonus erhob sich; der Hauptmann fragte, ob er den Fremden nicht noch anderweit zu sehen bekomme, was der Diakonus bejahte, da, wie er hinzufügte, sein junger Freund ihm das Vergnügen machen werde, an der Gelehrten Gesellschaft teilzunehmen. "In ihr hoffen wir diesmal stark auf Sie, liebster Hauptmann", sagte er. – "Ich werde euch aus den Papieren meines seligen Freundes einen Beitrag liefern, welcher euch zeigen soll, welche Jüngelchen den grossen Kaiser geschlagen haben wollen", versetzte der Hauptmann ironisch.
"Das ist ja ein wütender Bonapartist", sagte der Jäger draussen zum Diakonus. "Tageweise", versetzte dieser. "Johann, können Sie uns nicht das preussische Zimmer zeigen?" mit diesen Worten wandte er sich an den begleitenden Diener. Der Mensch sah sich ängstlich um, nach einigem Schweigen antwortete er: "Der Herr wird wohl gleich ausgehen; treten Sie nur sacht hinein, ich will hier auf Posten bleiben." – Der Diakonus ging mit seinem gast über den Flur nach der andern Seite des Hauses und tat ihm ein Zimmer auf, vor dessen Fenstern Weinranken einen grünen Schimmer verbreiteten und welches eine anmutige Aussicht auf blühende Gartenbeete hatte. Das erste, was dem Jäger auffiel, weil es der tür gerade gegenüberstand, war ein Tropäon auf hohem Postamente, zusammengefügt aus Kanonen, Waffen, Fahnen, Kriegesgerät. An dem Postamente glänzten in goldenen Ziffern die Jahreszahlen 1813, 1814, 1815 und über dem Tropäon an der Wand prangten in einer Einfassung von goldenen Sternen die Namen der Befreiungsschlachten auf weissem grund. Die Wände dieses Zimmers waren von den Büsten der verbündeten Herrscher und ihrer Feldherrn geschmückt. Da sah man den Abschied der Freiwilligen, Blücher und Gneisenau in ihren Regenmänteln nach der Schlacht an der Katzbach über die Heide reitend, den Einzug in Paris, die Plane von Leipzig und Belle-Alliance. Und um den symmetrischen Gegensatz zu dem französischen Zimmer zu vollenden, so fehlte auch hier eine kleine Sammlung von Kriegsbüchern nicht, von Deutschen in deutschem Sinne geschrieben.
"Nun sagen Sie mir, was bedeutet das?" fragte der Jäger, welcher die Gegenstände umher mit Verwunderung betrachtete. "Ist Ihr Hauptmann ein Amphibium?" – "Ein Stück davon", erwiderte der Diakonus. "Ich höre eben die tür klinken, er hat das Haus verlassen, ich kann Ihnen mit Musse die Kontraste auslegen, über welche Sie erstaunen."
Er nötigte seinen Gast auf ein Canapé, dann fuhr er so fort: "Unser Hauptmann ist ein rechtwinklichter, schroffer und unvermischter Charakter. Deshalb haben sich seine Erinnerungen wie zwei matematische Figuren auseinandergelegt. Er diente bei den Franzosen mit grosser Auszeichnung; Sie haben gesehen, dass ihm unter jenen Adlern das rote Band zuteil geworden ist. Nach der Schlacht von Leipzig wurde sein Corps aufgelöst, er war als Deutscher sich selbst und den vaterländischen Verhältnissen zurückgegeben. Indem nun das Kriegsgetümmel weiter raste, und alle Welt gegen Frankreich zog, wäre es unnatürlich gewesen, wenn der alte Degen hätte zurückbleiben sollen; er nahm daher preussische Dienste, und kämpfte mit so vielen andern Tausenden nun auf derselben Seite, welche er noch vor wenigen Monaten zu vernichten sich bestrebt hatte. Auch unter diesen Fahnen war seine Tapferkeit belobt, namentlich soll er späterhin in den mörderischen niederländischen Schlachten wie ein Löwe gestritten haben. Er empfing zu dem Kreuze der Ehrenlegion das Eiserne, jenem