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hervor und streckte den blutigen Arm nach den büsche aus. War der Geist der Blume lebendig geworden? Er sah diese wieder an, sie wollte ihm nicht mehr so schön bedünken, wie wenige Augenblicke zuvor. "Eine Amaryllis", sagte er kalt, "ich erkenne sie jetzt, ich habe sie im Gewächshause." Sollte er dem Mädchen nachfolgen? Er wollte es, eine geheime Scheu fesselte aber seinen Fuss. Er fasste an seine Stirne; geträumt hatte er nicht, das wusste er, "und das Ereignis", rief er endlich mit einer Art von Anstrengung, "ist auch so absonderlich nicht, dass es geträumt werden müsste! Ein hübsches Mädchen, die des Weges daherkommt und sich auch an einer hübschen Blume erfreut, das ist das Ganze!"

Er strich zwischen unbekannten Bergen, Tälern, Geländen umher, solange ihn die Füsse tragen wollten. Endlich musste er an den Rückweg denken. Spät, im Dunkeln, und nur mit hülfe eines zufällig gefundenen Führers erreichte er den Oberhof.

In diesem brummten die Kühe, der Hofschulze sass auf dem Flure mit Tochter, Knechten und Mägden zu Tische und wollte moralische gespräche beginnen. Aber dem Jäger war es unmöglich, darauf einzugehen, es kam ihm alles verwandelt, roh und ungefüge vor. Er suchte rasch seine stube, nicht wissend, wie er noch länger in das Ungewisse hin hier werde verweilen können. Ein Brief, den er oben von seinem Freunde Ernst aus dem Schwarzwalde fand, vermehrte noch sein Missbehagen.

In dieser Stimmung, welche einen teil der Nacht dem Schlummer raubte und die sich selbst am folgenden Morgen noch nicht verloren hatte, war es ihm sehr erwünscht, dass ihm der Diakonus ein kleines Wägelchen schickte, ihn nach der Stadt abzuholen.

Schon von weitem zeigten Zinnen, hohe Mauern und Bastionen, dass der Ort, einst ein mächtiges Glied im Bunde der Hansa, seine grosse, wehrhafte Zeit gehabt habe. Der tiefe Graben war noch vorhanden, wenngleich zu Baumpflanzungen und Küchengärten verwendet. – Sein Fuhrwerk bewegte sich, nachdem das dunkle, gotische Tor durchfahren war, etwas mühsam auf dem zerschrotenen Steinpflaster und hielt endlich vor einer freundlichen wohnung, an deren Schwelle ihn schon der Diakonus empfing. Er trat in einen heitern, behaglichen Haushalt ein, belebt von einer munteren, hübschen Frau, und einem Paar lebhafter Knaben, die sie ihrem Eheherren geboren hatte.

Nach dem Frühstück machten sie einen gang durch die Stadt. Die Strassen waren ziemlich menschenleer. Zwischen alten Schwibbögen, Türmchen, Kragsteinen, Fragmenten von Steinfiguren zeigten sich nicht selten Sumpfstellen, Baumplätze, Grasflecke. Um ein altes Gebäude, mit vier zierlichen Spitzsäulen an den Ecken und einer Kränzung von Rauten und Rosen aus Sandstein sprang ein mutwilliges Wässerchen; Efeu und wilder Wein hatte sich in den Ritzen des Mauerwerks eingenistet. Ringsumher die tiefste Einsamkeit. "Ist es nicht, als ob man den Geist der geschichte leibhaftig weben und spinnen sieht?" sagte der Jäger an dieser oder einer anderen ihr ähnlichen Stelle. "Ja", versetzte der Diakonus, "man wird hier, wie von selbst, zum Altertume hingeführt, und eine erinnernde Stimmung bemächtigt sich der Seele. Dazu kommt, dass auch ein teil der Bevölkerung aus menschlichen Ruinen besteht."

"Wieso?" fragte der Jäger.

"Weil es hier sehr wohlfeil leben ist, ferner wegen der Stille des Orts und vielleicht auch wegen seiner dem menschlichen Alter ähnlichen Physiognomie ziehen sich hieher viele bejahrte Leute aus Amt und Geschäft zurück, ihre letzten Tage unter diesem verwitternden Gemäuer zuzubringen", sagte der Diakonus. "Greiser Beamten und Offiziere, welche hier ihre Pensionen verzehren, betagter Rentner, welche das Comptoir jüngeren Händen überlassen haben, gibt es hier eine Menge. Wenn nun auch viele dieser Ausruhenden nur langweilige alte Tröpfe sind, so stösst man doch auch auf manchen, der sich umgetan hat, einen reichen Schatz von Erfahrung bewahrt und von dem man Dinge zu hören bekommt, die nicht so allgemein bekannt sind. So erzählen gewissermassen die steinernen Trümmer geschichte und die Menschentrümmer, welche darunter umherwanken, Memoiren. Hier sollen Sie gleich ein solches Fragment kennenlernen, einen alten Hauptmann; nur bitte ich Sie, widersprechen Sie ihm in nichts, denn Widerspruch kann er nicht ertragen."

Er klingelte an der tür eines ziemlich gut aussehenden Hauses, welches hinter Kastanien beschattet lag, ein Diener öffnete und führte mit steifer militärischer Haltung den Besuch in ein Zimmer, welches von Sauberkeit glänzte. Dann ging er den Herrn zu rufen, welcher, wie er sagte, die Hühner füttere. Der Diakonus blickte sich flüchtig im Zimmer um und sagte dann rasch zum Jäger: "Der Hauptmann ist heute französisch, also um Gottes willen keine patriotische deutsche Aufwallung, er mag vorbringen, was er will!" Der Jäger hatte sich gleichfalls im Zimmer umgesehen. Alles atmete darin das Andenken an die Taten des Empire. Napoleon stand als ganze Figur im bekannten Oberrocke, die arme gekreuzt, auf dem Schreibschranke, ausserdem war er mehrmals in Büsten und Medaillons vorhanden. Da hing Murat in dem bekannten Teaterkostüme zu Ross, Eugen, Nei, Rapp. Es fehlte nicht der General bei dem Besuche der Pestkranken zu Jaffa, der erste Konsul zu St. Cloud und der Kaiser bei dem Abschiede von den Garden zu Fontainebleau. Viele, diesen gemässe Darstellungen reihten sich ihnen an. In einer Ecke des Zimmers sah der Jäger ein Bücherbrett mit den Werken von Ségur, Gourgaud, Fain,