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geben, ihn auf einige Tage in der Stadt zu besuchen. Darauf gingen sie nach verschiedenen Richtungen auseinander.

Eilftes Kapitel

Die fremde Blume und das schöne Mädchen. Die

Gelehrte Gesellschaft

Die Sonne stand noch hoch am Himmel, und dem Jäger war es nicht gelegen, so früh in den Oberhof zurückzukehren. Er trat auf eine der höchsten Wallhekken, sah sich in der Gegend um und meinte, dass er eine Hügelgruppe, welche in geringer Entfernung ihre buschichten Häupter erhob, wohl noch durchstreifen und doch vor spät abends wieder in seinem Quartiere sein könne. Das Wiederfinden des Diakonus und sein Gespräch hatte manche Erinnerungen der früheren zeiten in ihm aufgeweckt; er war unruhig und sehnte sich in dieser Stimmung nach Pfaden, die er noch nicht betreten, nach Bergen und Bäumen, an deren Anblick er sich noch nicht gewöhnt hatte. Tief, tief seine heisse Seele in das kühle Waldesdunkel, in den feuchten Dunst bemooster Felsen, in den begeisteten Schaum springender Quellen zu tauchen, danach lechzte er; danach schmachtete er aus der brütenden Wärme der Kornfelder.

Der Anblick des Diakonus hatte ihm wohl und wehe gemacht; ihre erste Bekanntschaft war durch die unerschrockene Gymnastik des Geistes, in welcher die Jugend ihre ersten überschwellenden Kräfte zu tummeln liebt, bezeichnet gewesen. Jener, älter, und wie erwähnt worden, schon Führer eines jungen vornehmen Schweden, hatte sich dennoch als ein immer fertiger Disputant und Opponent zu den Studenten gehalten, und manche Stunde der Mitternacht war dem Jäger mit ihm in eifrigem Kämpfen und Ringen vergangen. – "Ja", rief er, indem er immer fürbass den Hügeln zuschritt, "du, mein deutsches Vaterland, bleibst doch der ewig geweihte Herd, die Geburtsstätte des heiligen Feuers! Überall, auf jedem Fleckchen in dir wird dem Dienste des Unsichtbaren geopfert, und der Deutsche ist ein Abraham, der dem Herrn den Altar baut allerwege, wo er auch nur die Nacht über gerastet hat." – Er gedachte der Reden seines Bekannten und der Situation, in welcher sie vorgefallen waren. – "Das wird auch anderwärts nicht vorkommen, dass ein armer Pastor, hinter seiner Hühnerkarre herschreitend, sich an der unsterblichen idee der Nation begeistert", sagte er. "Lächerlich und erhaben! Lächerlich, weil das Erhabene auch durch das Ärmlichste und Kleinste bei uns hindurchsieht und die Formen des Geringen siegreich zerbricht! Wie reich bist du, mein Vaterland!"

Sein Fuss betrat frisches, feuchtes Wiesengrün, besäumt von büsche, unter denen ein klares wasser rann. Dieser vollen, gesunden, jungen Seele taten noch symbolische Handlungen not, sich und ihrem Drange zu genügen. In kurzer Entfernung zeigten sich kleine Felsen, über die ein schmales, schlüpfriges Pfädchen lief. Er ging hinüber, klomm zwischen den Klippen nieder, streifte den Ärmel auf, ritzte das Fleisch seines Armes und liess das Blut in das wasser rinnen, indem er ein stilles, frommes Gelübde ohne Worte sprach. Er legte den Arm in das wasser, die Flut kühlte ihm mit anmutigem Schauder das heisse Blut ab. So, halb knieend, halb sitzend an dem feuchten, dunkeln, umklippten Orte blickte er seitwärts in das Offene; da wurden seine Augen von einer prachtvollen Erscheinung gefangengenommen. Zwischen den Gräsern waren alte Baumtrümme verweset und starrten schwarz aus dem umgebenden lustigen Grün. Einer derselben war ganz ausgehöhlt, in seinem Inneren hatte sich der Moder zu brauner Erde niedergeschlagen, und aus dieser und aus dem Trumm, wie aus einem Krater, blühte die herrlichste Blume empor. Über dem Kranze sanfter runder Blätter erwuchs ein schlanker Stengel, der grosse Kelche von unnennbar schöner Röte trug. Tief in den Kelchen stand ein geflammtes zartes Weiss, welches in leichten grünen Äderchen nach dem rand zu auslief. Es war offenbar keine hiesige, es war eine fremde Blume, deren Samenkorn, wer weiss, welcher? Zufall in den durch die Verwesungskräfte der natur bereiteten Gartenboden getragen, und eine günstige Sommersonne auch hier zum Wachsen und Blühen gebracht hatte.

Der Jäger erquickte sein Auge an diesem reizenden Anblicke, der ihn belohnte, als er das Gelübde getan hatte, mit Leib und Seele dem vaterland angehören und zeitlebens keine Götter haben zu wollen, als die heimischen. Trunken von der Magie der natur lehnte er sich zurück und schloss in süssen Träumereien die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatte sich die Szene verändert.

Ein schönes Mädchen in einfachem Gewande, den Strohhut über den Arm gehängt, kniete vor der Blume, hielt deren Stengel zärtlich, wie den Hals des Geliebten umschlungen, und blickte, die holdeste Freude der Überraschung in den Augen, tief in einen der roten Kelche. Sie musste, während der Jäger zurückgebeugt lag, leise herbeigekommen sein. Ihn sah sie nicht; die Klippen verdeckten ihn, und er hütete sich wohl, eine Bewegung zu machen, welche ihm die Erscheinung verscheuchen konnte. Aber, als sie nach einer Weile atmend von dem Kelche emporschaute, fiel ihr blick seitwärts in das wasser, und sie gewahrte den Schatten eines Mannes. Nun sah er sie sich verfärben, die Blume aus ihren Händen entlassen, übrigens aber regungslos auf den Knieen bleiben. Er erhob sich mit halbem leib zwischen den Klippen, und vier junge, unschuldige Augen trafen einander mit feurigen Strahlen. Nur einen Augenblick! denn alsobald stand das Mädchen, Glut im Antlitz, auf, warf den Strohhut über das Haupt und war mit drei raschen Schritten hinter den büsche verschwunden.

Er kam nun auch aus den Klippen