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von Frankreich fordert hier von selbst zur Frage auf", sagte der Jäger. "Wie kommt es nur, dass sich dort ganz natürlich gemacht hat, was bei uns nie zustande kommen will, nämlich: ein beständiger Kontakt der Grossen mit den Geistern und mit dem geist der Nation, eine zarte achtung vor dem geistigen Ruhme der Nation, und eine unbedingte Anerkennung der Literatur, als der eigentlichen Habe der Nation?"

"Die französische Nation, ihr Geist und ihre Literatur haben und sind Esprit", versetzte der Diakonus. "Der Esprit ist ein Fluidum, welches die natur unter den zu seiner Erzeugung günstigen Voraussetzungen an ganze Länder und Völker austeilen kann. Es ist also dort in Frankreich eine natürliche brücke von dem Volksgeiste und von der Literatur zu dem geist der vornehmen Klassen geschlagen, letztere ergreifen in ihrem Interesse ohne Anstrengung nur das ihnen Gleichartige. Wir haben keinen Esprit. Unsere Literatur ist ein Produkt der Spekulation, der freiwaltenden Phantasie, der Vernunft, des mystischen Punkts im Menschen. Die Gaben dieser von Grund aus gehenden Arbeit des Geistes sich anzueignen sind eben nur wieder Geister, welche die Arbeit stählte, vermögend. Mit Leichtfertigkeit ist deutscher Art nicht beizukommen. Die Vornehmen arbeiten aber nicht gern, sie ziehen es bekanntlich vor, zu ernten, wo sie nicht gesäet haben. Deshalb ist es wieder natürlichwenn auch das Verwerfungsurteil über die Barbarei des ersten Standes bei Kräften stehenbleibtdass er locker mit deutschem geist zusammenhängt; zu einem näheren Bündnisse hätte er sich über Gebühr anstrengen müssen."

"Zu leugnen ist doch auch nicht, dass gerade durch die Absonderung des deutschen Geistes von dem Atem der hohen Sozietät ihm manche Tugenden erhalten worden sind", sagte der Jäger; "seine Frische, seine eigensinnige herbe Jungfräulichkeit, sein rücksichtsloses Um- und Vorgreifen. Denn jede Erfindung der schaffenden Seele, welche vor Augen haben muss, mit gewissen Forderungen der Gesellschaft zusammenzutreffen, wird notwendigerweise mechanisiert. Unsere Wissenschaft, unsere Philosophie, unsere Literatur sind Töchter Gottes und der natur; mit welchen andern möchten sie einen Tausch solches Stammbaums eingehen?"

Hier wurden diese gespräche von einem heftigen Schreien, ja Brüllen unterbrochen, welches sich an der Zinskarre erhob. Hinzueilend sahen sie den Küster in entsetzter Stellung, die arme wie Wegweiser ausgebreitet, das Gesicht braun und weiss gesprenkelt, den Mund wie Laokoon aufgesperrt. Um ihn her standen die Frauenspersonen und der Kolonus, der seine Karre zum Stehen gebracht hatte. Die Küsterin klopfte dem Küster den rücken, die Magd hatte ihm den Rock halb aufgeknöpft, aus welchem das Federkissen gefährlich hervorhing. Der Diakonus forschte nach der Ursache des Auftritts und erfuhr von seiner Magd (denn der Küster war noch immer sprachlos), dass der Küster von der Karre abgestiegen sei, um, wie er gesagt, der lieben Verdauung wegen etwas zu gehen, da sei ein grosser schwarzer Hund dicht an ihm vorbei quer über den Weg hinübergeschossen, der Küster habe aber sofort jenes Geschrei oder Gebrüll erhoben, so dass beinahe die Pferde scheu geworden seien.

In diesem Augenblicke gab die Küsterin ihrem mann, bei dem das klopfen nicht verfangen wollte, mit den Worten: "Wenn alles bei der Maulsperre vergebens ist, so hilft das!" aus Leibeskräften eine Ohrfeige. Alsobald flogen die Kinnbacken des entsetzten Mannes zusammen wie Torflügel, er wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte zu seiner Frau: "Ich danke dir, Gertrud, für diese Backpfeife, durch welche du mich von schweren Leiden kuriert hast." Und zum Diakonus sich wendend: "Ja, Herr Diakonus, ein wütender, ein toller Hund! Schweif eingeklemmt, rote und dabei triefende Augen, Schaum vor der Schnauze, blaue Zunge, heraushängend, taumelnder gang, kurz alle Kennzeichen der wasserscheuen Wut!"

"Um Gottes willen, wo hat er Euch gebissen?" rief der Diakonus erblassend.

"Nirgend, mein Herr Diakonus", versetzte der Küster feierlich, "nirgend; dem Allmächtigen sei Dank dafür. Aber wie leichtlich hätte er mich beissen können. Ich habe das Ungeheuer, wie andere einen grimmen Wolf durch Geigenspiel in die Flucht schlugen, durch den Ton meiner stimme, die mir Gott gegeben, verscheuchet und verjaget, als es eben im Anspringen auf mich begriffen war. Er stutzete und schwang sich seitswärts die Wallhecke hinauf. Mir aber blieben von der übermenschlichen Anstrengung jenes heilsamen Angstrufes die Kinnbacken in der Maulsperre verfangen und verfestiget, bis meine gute Ehefrau, wie Sie gesehen, mir die wirksame Backpfeife verordnete. Das ist ein Zinstag, an welchen ich gedenken werde!"

Der Diakonus und der Jäger hatten Mühe, ein lachen zu verbeissen. Die Magd sagte, sie glaube nicht, dass der Hund toll gewesen sei, er möge wohl nur seinen Herrn verloren gehabt haben, in welchem Falle die Kreaturen sich immer sehr ungebärdig anstellten. Wirklich sah man den Hund in einiger Entfernung auf einem Feldwege ruhig und schweifwedelnd hinter einem Packenträger hergehen. Der Küster, dem diese Bemerkung mitgeteilt wurde, liess sich nicht aus der Fassung bringen, sondern sprach ernstaft: "Wie leichtlich hätte der Hund toll sein können!"

Der Diakonus liess ihn und sein Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzen und trennte sich an dieser Stelle von dem Jäger, da, wie er sagte, ihr Gespräch doch gestört sei, und der Kolonus es ihm verdenken werde, wenn er dessen Gesellschaft auf dem ganzen Heimwege meide. Bei dem Abschiede musste der junge Schwabe seinem Bekannten das Versprechen