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Posto gefasst, den Schaum der Zeit von mir weichen sehen und Mut bekommen, mir ein liebes häusliches Verhältnis zu gründen. Denn in dem volk sind die Grundbezüge der Menschheit noch wach, da ist das richtige Verhältnis der Geschlechter noch fest ausgeprägt, da gilt das Geschwätz noch nichts, sondern das Gewerbe und der Beruf, den jeder hat, da folgt der Arbeit in gemessener Ordnung die Ruhe, da ist von den Vergnügungen das Vergnügen noch nicht verbannt. hören Sie den jubel in der Stadt oder auf dem land bei sonntäglichen Tänzen, bei Hochzeiten und Scheibenschiessen, und urteilen Sie, ob der Spass so bald in der Welt aussterben wird, wie die grämlichen Jünglinge der Gegenwart meinen? Es gibt Müssiggänger, schlechte Ehen und böse Weiber auch hier in Stadt und Land, aber sie heissen bei ihren und nicht bei vornehm umgebogenen Namen. Jene Mischungen von Langeweile und Begeisterung endlich, wie sie mir einst ein Freund treffend nannte, aus denen in den sublimierten Kreisen der Gesellschaft manches Perverse hervorgeht, und aus deren einer derselbe Freund auch die blutige Tat der armen, schönen, bejammernswerten Frau ableitete, deren Unglück darin bestand, einen mittelmässigen Dichter und grossen Selbstling geheiratet zu haben, liegen dem volk ganz fern. Das ganze potenzierte und destillierte Genre, der Hermaphroditismus des Geistes und Gemütes, welchen die Musse eines langen Friedens hie und da erzeugt hat, wird dem Stock und Stamm der Gemeinschaft immer fremd bleiben.

In dieser ortopädischen Anstalt gerader und normaler Verhältnisse legten sich denn meine etwas verbogenen Glieder auch wieder zurecht. Freilich muss man in der Stille und Abgeschiedenheit von den brausenden Strömungen der Gegenwart auf sich wachen, denn die Gefahr des Verbauerns steht auch nahe, indessen noch hange ich durch stille aber feste Fäden mit dem Weltganzen zusammen, nur mit dem Unterschiede, dass sie sich jetzt bloss um die Gegenstände schlingen, zu denen mich ein geistiges Bedürfnis hinweist, während ich mir früher manches geistige Bedürfnis, wie es so manche unserer Zeitgenossen machen, einzubilden wusste."

Der Jäger ging nach dieser Rede des Diakonus schweigend und mit gesenktem haupt neben ihm her. "Was ist Ihnen?" fragte sein Bekannter nach einer Pause.

"Ach", sagte jener, "Ihr Bild vom deutschen volk ist wahr, und es macht mich nur traurig, dass teilweise über dieser Grundfläche ein so wenig entsprechender Gipfel steht. Dieses tüchtige Volk würde bei weitem mehr ausrichten, es würde weit entschiedener Front machen, wenn in den höheren Ständen eine gleiche Tüchtigkeit lebte! Schlimm, dass ich, ich selbst sagen muss: Dem ist nicht so."

"Leider", erwiderte der Diakonus, "sind unsre höheren Stände hinter dem volk zurückgeblieben, um es kurz und deutlich auszusprechen. Dass es viele höchst ehrenwerte Ausnahmen von dieser Regel gebe, wer wollte es leugnen? Sie befestigen aber eben nur die Regel. Der Stand als Stand hat sich nicht in die Wogen der Bewegung, die mit Lessing begann und eine grenzenlose Erweiterung des gesamten deutschen Denkens, Wissens und Dichtens herbeiführte, getaucht. Statt dass vornehme Personen geboren sind, die Patrone alles Ausgezeichneten und Talentvollen zu sein, halten bei uns noch viele Grosse das Talent für ihren natürlichen Feind, oder doch für lästig und unbequem, gewiss aber für entbehrlich. Es gibt ganze Landstriche im deutschen vaterland, in welchen dem Adel, ein Buch zu lesen, noch immer für standeswidrig gilt, und er statt dessen lärmende, nichtige Tage abhetzt, wie in den zeiten jener Bürgerschen Parforcejagd-Ballade. Das Aufallendste hiebei ist, dass selbst nach der ungeheuren Lehre, welche die Weltkriege den Privilegierten erteilt hatten, diese noch nicht eingesehen haben, es sei mit dem leeren Scheine nunmehr für immer vorbei, und der erste Stand müsse notwendig sich in sich selber gründlich fassen und restaurieren. Es war seine erste Obliegenheit, dies zu begreifen, es war die Lebensfrage für ihn, ob er sich mit dem Heiligtume deutscher Gesinnung und Gesittung nunmehr inniglich verbünden, allem wahrhaftquellenden geistigen Leben der Gegenwart Schirm und Schutz geben möchte, damit das Zauberbad dieses Lebens seine altersstarren Glieder verjünge. Er hat seine Stellung und diese Frage nicht verstanden, hat in allerhand kleinen Hausmittelchen seine Erkräftigung gesucht, und ist darüber obsolet geworden. Nie und zu keiner Zeit hat ein Stand anders als durch Ideen existiert. Auch den ersten haben Ideen geschaffen und erhalten, anfänglich die der Kampfestapferkeit und Lehnstreue, demnächst die der besonderen Ehre. Gegenwärtig ist durch die Errettung des Vaterlandes, welche von allen Ständen ausging, die höchste Ehre ein Gemeingut geworden; weshalb denn die oberen Stände das Protektorat des Geistes hätten übernehmen müssen, wenn sie wieder etwas Besonderes sein und vorstellen wollten."

"Ich habe", sagte der Jäger kleinlaut, "in einer hohen und vornehmen Familie, die ich vor kurzem auf meinen Streifereien kennenlernte, die zwanzigjährigen Töchter auf gut schwäbisch mit der 'Iphigenie' bekannt machen müssen, welche sie noch nie gelesen hatten, weil die Eltern Goete für einen jugendverführerischen Schriftsteller hielten."

"Und wer weiss, ob das Haupt dieser Familie, welche ich übrigens nicht kenne, nicht eine von den Figuren ist oder sein wird, welcher man Bahnen der Kultur anvertraut?" sagte der Diakonus. "Der unbefangene Beobachter hat in dieser Hinsicht zuweilen die erschreckendsten Kontraste anzuschauen. Nun müssen Sie einräumen, dass ein französischer Marquis oder Duc, von dem eine gleiche Barbarei gegen einen Klassiker seiner Nation verlautete, in der Pariser Sozietät für Lebenszeit verloren wäre."

"Das Beispiel