der Herr Diakonus, ich, meine Frau und die Pastorsmagd. Vom Reimannskotten wird, jedoch auf höfliches Suchen und Erbitten, die Karre gestellt, welche das liebe Gut lädt, und der Kolonus geht mit und verlässt den Herrn Diakonus nun und nimmer, setzt sich auch, wie Sie gesehen haben, einzig und allein mit ihm zu Tisch. Den ersten Hühnerkorb nahmen wir aus der Stadt mit, da dieser aber bei dem ersten hof schon voll wird, so leihet nunmehr letzterer einen neuen für den zweiten, und so fort bis hieher. Der Kolonus füttert hier seine Pferde mit einem Scheffel Hafer, der vom Balstrup erhoben und mitgenommen worden ist, und die Magd, welche die Teller und Schüsseln vor den Augen des Herrn Diakonus wieder rein waschen muss, erhält dafür ihre drei und einen halben Stüber, gleichfalls heute zu diesem Zweck und Ende erfallen und empfangen auf dem kleinen Beek, Bauerschaft Branstedde."
"Und die Sprüche, die Sie so laut und vernehmlich vortrugen, Herr Küster, rühren diese auch von alters her?" fragte der Jäger.
"Ja freilich", versetzte der Küster. "Indessen", fuhr er wohlgefällig fort, "habe ich einiges, was darin an die finstern zeiten erinnerte, weggelassen oder verbessert, wie es sich für die Gegenwart schicken will. So lautet der Text in der Danksagungsrede eigentlich zum Schluss:
Wenn ihr aber uns verkürzen wollen,
So soll euch alle der Teufel holen,
Und fehlt am Käs' ein einzig Lot,
So kriegt ihr gar die Schwerenot!
Diese unschicklichen Reime habe ich nach und nach eingehen lassen, indem ich Jahr für Jahr einen nach dem andern bei mir behielt, oder so tat, als ob ich den Husten dabei kriegte, und was dergleichen Anschläge mehr waren, denn mit den Bauern muss man freilich bei allen Neuerungen langsam zu Werke gehen. Es hat doch Widerspruch abgesetzt, und einige von den Dorfmicheln wollen durchaus diese Grobheiten nicht fahren lassen, weil sie sagen, dass selbige einmal dazugehören. Sie entrichten die Zinsgebühr nicht, wenn ich ihnen den Teufel und die Schwerenot nicht anwünsche; der Hofschulze ist darin vernünftiger."
Der Küster wurde abgerufen, denn die Karre war angespannt, und der Geistliche nahm von dem Hofschulzen und seiner Tochter, die jetzt ebenso ehrerbietig und freundlich vor ihm standen, wie bei allen übrigen Verhandlungen dieses Tages, mit herzlichen Händedrücken und Worten Abschied. Nun schwankte der Zug einen andern Weg, als den er gekommen war, zwischen Kornfeldern und hohen Wallhecken fort. Der Kolonus mit der Peitsche vor seinen Pferden, die Karre langsam hinterdrein bewegt, auf ihr jetzt ausser den beiden Frauenspersonen der Küster sitzend zwischen den Körben, und der Fürsorge wegen wieder das Federkissen vor die Magengegend gestopft.
Der Jäger hatte sich bei der Abfahrt bescheidentlich zurückgehalten, war aber, als die Zinskarre sich eine Strecke weit entfernt hatte, mit raschen Sprüngen nachgeeilt, und fand den Diakonus, welcher ebenfalls hinter seinem eingesammelten Gute zurückgeblieben war, auf einem anmutigen Baumplatze schon seiner harren. Hier, frei vom Zeremoniell des Oberhofes, umarmten sie einander, und der Diakonus rief lachend: "Das hätten Sie wohl nicht gedacht, in Ihrem ehemaligen Bekannten, der in jener grossen Stadt seinen jungen schwäbischen Grafen so säuberlich auf dem schlüpfrigen Boden der Wissenschaft und des eleganten Lebens umherführte, eine Figur wiederzufinden, welche Sie an Ehr'n Lopez in dem 'Spanischen Pfarrer' von Fletcher erinnern muss?"
"Ihr Küster ist, wenn auch kein lustiger Diego, doch ein ganzer Mann", versetzte der Jäger. "Er hat mir wie ein wahrer Zeremonienmeister der Zinspflicht das ganze Ritual ausgelegt, und sich bei dem Empfangen, Verwahren und Spruchsprechen mit solcher Würde und Klugheit benommen, dass ich ihn jedem bevollmächtigten Minister, welcher eine verwickelte Angelegenheit seines Hofes zu schlichten hat, als Muster empfehlen möchte."
"Ja", sagte der Geistliche, "das ist heute sein Ehrentag, auf den er sich schon sechs Wochen vorher freut. Überhaupt gibt es unter den Küstern noch viele komische Figuren, welche sonst so sehr jetzt abnehmen. Das beständige Anhören hoher und erbaulicher Worte von ihrem Standpunkte der Dienstbarkeit dabei, das Läuten, das Ansagen der Geburten und Sterbfälle gibt ihrem Wesen einen wundersamen Schwung, mit welchem nun wieder ihr glücklicher Appetit, oder besser zu sagen, ihre masslose Fressgier seltsam kontrastiert. Denn da sie zu haus nicht viel zu beissen und zu brechen haben, so versorgen sie sich auf Kindtaufen, Hochzeiten und Leichenschmäusen für ganze Wochen, und verschlingen die ausserordentlichsten Portionen, aber immer mit einem Anstriche von Salbung, und nicht selten die hellen Tränen der Mitfreude oder Mittrauer in den Augen. Der meinige hat nun zu allen diesen Standeseigenschaften noch den Privatcharakter der Feigheit; er ist ein ausgemachter Poltron und ich habe mit ihm auf einsamen nächtlichen Wanderungen zu Kranken oder Sterbenden schon die lustigsten Szenen erlebt.
Doch lassen wir den Küster und seine Narrheiten. Was die Prozedur betrifft, welcher Sie heute beiwohnten, so ist es unumgänglich notwendig, dass ich mich ihr in person unterziehe; mein ganzes Verhältnis zu den Leuten wäre gebrochen, wenn ich zu ekel wäre, die alte Sitte mitzumachen. Mein Vorgänger im amt, der nicht aus hiesiger Gegend war, schämte sich der terminierenden Fahrten, und wollte schlechterdings nichts damit zu tun haben. Was war die Folge davon? Er geriet in die übelsten Zwistigkeiten mit diesen Landgemeinen, welche selbst auf den Verfall des Kirchlichen und des Schulwesens Einfluss hatten. Zuletzt