", sprach der Hofschulze, "so musste es sich wenden. Allzuscharf macht schartig, der Bogen, welcher zu sehr gespannt wird, bricht, und hinter heissem Wetter kommt kühles. Aber Ihnen will ich doch eine gute Lehre geben, junger Herr. Wenn Sie inkognito bleiben, und wie Sie sich mir verkündiget haben, für den Sohn von Bürgersleuten gelten wollen, so müssen Sie mir keine geschichte erzählen von Jagdschlössern und fürstlichen Banketten und goldenen Uniformen und Bedienten und Reitknechten."
"Ach, die Lehre kommt zu spät!" rief der junge Jäger lustig. "Das Verstellen hilft mir nichts, ich sehe es wohl ein, und wenn ich auch wie der Vogel Strauss den Kopf wegstecke, man erblickt mich dennoch. Verratet mich aber nicht; ich habe meine Gründe zu der Bitte, die Ihr mit gutem Gewissen erfüllen könnt, denn ein Verbrechen habe ich nicht begangen."
"Nein, das soll wohl sein, Sie sehen nicht danach aus", sagte der Hofschulze lächelnd.
"Jetzt nehmt von meiner Seite eine Lehre an. Ihr seid ein alter, gesetzter Mann, dem mehr daran liegen muss, seine Absichten für sich zu behalten, als mir. Wenn Ihr Eure Geheimnisse, welche Ihr zweifelsohne habt, vor mir und meinem Nachspüren bewahren wollt, so müsst Ihr meine Aufmerksamkeit nicht selbst rege machen, müsst mir nicht das Schwert Karls des Grossen mit so feierlicher dunkler Rede zeigen."
Der Hofschulze richtete sich in die Höhe. Seine grosse Gestalt schien noch zu wachsen, und der Mond, welcher inzwischen aufgegangen war, warf seinen Schatten lang in den Hof. Er sagte mit tiefem Tone und mit einem Nachdruck, der dem andern durch Mark und Bein ging: "Wehe dem, welcher die Geheimnisse des Schwertes Caroli Magni sieht oder hört, wenn es dergleichen gibt!" – Darauf setzte er sich nieder, schenkte seinem gast das letzte Glas ein, und tat, als ob nichts vorgefallen sei.
Dieser schwieg verlegen. Er merkte, dass mit dem Alten in manchen Dingen nicht zu scherzen sei. Um wieder ein Gespräch in gang zu bringen, sagte er endlich: "Ihr verspracht drei Moralen aus meiner geschichte, habt aber bis jetzt mir nur zwei mitgeteilt."
"Die dritte", versetzte der Hofschulze, "ist keine Rede, sondern eine Handlung und Verrichtung." Mit diesen Worten deren Sinn er nicht weiter aufklärte, ging er in das Haus.
Neuntes Kapitel
Der Jäger erneuert eine alte Bekanntschaft
Am folgenden Tage zur Mittagsstunde hörte der Jäger unter seinem Fenster ein Geräusch, sah hinaus und bemerkte, dass viele Menschen vor dem haus standen. Der Hofschulze trat in sonntäglichem Putze soeben aus der tür, gegenüber aber hielt am Eichenkampe ein zweispänniger Karren, auf welchem ein Mann in schwarzen Kleidern, anscheinend ein Geistlicher, zwischen mehreren Körben sass. In einigen derselben schien Federvieh zu flattern. Etwas hinterwärts sass eine Frauensperson in der Tracht des Bürgerstandes, welche steif vor sich hin auf dem Schosse ebenfalls einen Korb hielt. Vorn bei den Pferden stand ein Bauer mit der Peitsche, den Arm über den Hals des einen Tiers gelegt. Neben ihm hielt sich eine Magd, auch einen Korb, mit schneeweisser Serviette überlegt, unter dem arme.
Ein Mann in weitem, braunem Oberrocke, dessen bedächtiger gang und feierliches Antlitz ohne Widerspruch den Küster erkennen liess, schritt mit Würde von dem Wagen dem haus zu, stellte sich vor den Hofschulzen hin, lupfte den Hut und gab folgenden Reimspruch von sich:
Wir sind allhier vor Eurem Tor,
Der Küster und der Herr Pastor,
Des Küsters Frau, die Magd daneben,
Die Gift und Gabe zu erheben,
So auf dem Oberhofe ruht;
Die Hühner, Ei'r, die Käse gut.
So sagt uns an, ob alles bereit,
Was fällig wird zur Sommerszeit.
Der Hofschulze hatte bei Anhörung dieses Spruchs den Hut tief abgenommen. Nach demselben ging er zum Wagen, verbeugte sich vor dem Geistlichen, half ihm in ehrerbietiger Stellung herunter und blieb dann mit ihm seitwärts stehen, mancherlei Reden wechselnd, welche der Jäger nicht hören konnte, während die Frau mit dem Korbe auch abstieg und sich nebst dem Küster, dem Bauer und der Magd wie zu einem zug hinter jenen beiden Hauptpersonen aufstellte. Der Jäger ging, um den Zusammenhang dieses Auftritts zu erfahren, hinunter, sah im Flur weissen Sand gestreut, und die daranstossende beste stube mit grünen Zweigen geschmückt. Die Tochter sass darin, ebenfalls sonntäglich geputzt, und spann, als wolle sie noch heute ein ganzes Stück Garn liefern. Sie sah hochrot aus und blickte von ihrem Faden nicht auf. Er ging in das Zimmer und wollte eben bei ihr Erkundigung einziehen, als schon der Zug der Fremden mit dem Hofschulzen die Schwelle vom Flure aus betrat. Voran ging der Geistliche, hinter ihm der Küster, dann der Bauer, dann die Küsterfrau, dann die Magd, zuletzt der Hofschulze; alle einzeln und ungepaart. Der Geistliche trat auf die spinnende Tochter, welche noch immer nicht emporsah, zu, bot ihr freundlichen Gruss und sagte: "So recht, Jungfer Hofschulze, wenn die Braut noch so fleissig ihr Rädchen dreht, da kann sich der Liebste volle Kisten und Kasten erwarten und verhoffen. Wann soll denn die Hochzeit sein?" – "Auf Donnerstag über acht Tage, Herr Diakonus, wenn es erlaubt ist", versetzte die Braut, wurde womöglich noch röter, als zuvor, küsste dem