der sich keinen Augenblick vom Jagdschlosse entfernt hatte.
Hieraus ersah nun mein Vater, dass das Ganze ein angelegter Plan gewesen sei. Beim Heimreiten überlegte er den seinigen. Sich von dem gegebenen Worte zurückzuziehen, war unmöglich, denn dann hätte er wirklich am nächsten Morgen den ganzen Schwarm vor dem haus gehabt zu Ängsten und Schrecken der Mutter. Er beschloss daher die Jagd wirklich mitzumachen, jedoch sobald als nur möglich sich zu entfernen, und um sein Absein eine Zeitlang vor den übrigen zu verbergen, seinen guten Freund, den Oberjägermeister, dessen finsteres Gesicht Missbilligung der getriebenen Scherze ausgedrückt hatte, zu ersuchen, dass ihm der entfernteste Stand angewiesen werde, von dem er bei günstiger gelegenheit entkommen zu können hoffte. Um aber für die Zukunft dem Fürsten und der ganzen Gesellschaft Respekt einzuflössen, sollten tages darauf schriftliche Erklärungen an die ärgsten Schreier des Jagdschlosses abgehen, welche diese entweder einstecken, oder worauf sie zu Pistolen greifen mussten.
Zu haus zog er einen alten verschwiegenen Diener in sein Vertrauen, liess die prächtige Jagduniform, in welcher jeder Kavalier bei den grossen Hofjagden erscheinen musste, heimlich aus dem Schranke nehmen, und verspürte, wie er selbst lange Jahre nachher, wenn diese geschichte wieder auf das Tapet kam, zu erzählen pflegte, trotz seines Missmuts ein geheimes Behagen, als er das grüne, schimmernde Collet mit den blitzenden Knöpfen, der goldenen, reichen Stickerei, den Achselschnüren, den schweren Epauletts aus dem umgelegten Seidenpapier, und das prächtige Couteau mit glänzenden Steinen am Griff aus dem Futteral hervorkommen sah, nachdem er so lange den Anblick dieser Gegenstände entbehrt hatte. Meiner Mutter sagte er irgendeinen gleichgültigen Grund, weswegen er den folgenden Tag über von haus entfernt sein werde. Es gelang ihm, sie zu täuschen; sie legte sich ruhig an seiner Seite schlafen.
In der Nacht aber hatte sie den früheren ängstlichen Traum, auf dessen Einzelheiten sie sich seiter im Wachen nicht zu besinnen vermocht hatte. Sie sah meinen Vater sich vom Lager erheben, einen blick der Bekümmernis auf sie, die Schlafende, werfen, leise auf den Zehen aus dem Zimmer schleichen. Der Traum führte sie hierauf nach der Garderobe. Dort legte mein Vater Stück vor Stück die prächtige grüne Uniform an. Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er kam ihr gar zu schön vor, und doch beschwor sie ihn inständigst und mit der äussersten Herzensangst, von seinem Vorhaben abzustehen. Er liess sich aber nicht hindern, schnallte das Couteau um, und in dem Augenblicke wieherte ein Pferd. Nun zerbrach blitzschnell das bisherige Traumgesicht, und mit Entsetzen sah sie meinen Vater blutigen Hauptes unten im hof auf dem Pflaster liegen. Ehe sie noch sich zu ihm helfend hinbeugen konnte, wieherte das Pferd, welches sie wunderbarerweise nicht sah, zum zweiten Male, und – sie erwachte, wie es ihr vorkam, von einem wirklichen Pferdewiehern aus den Schrecknissen des Traumes geweckt. Schlaftrunken tastete sie umher, um des Vaters Wange sich zur Beruhigung zu streicheln, aber der Taumel ihrer Sinne wich der angstvollsten Erinnerung, denn das Bett neben ihr war verlassen, die Decke zurückgeschlagen. Sie schellte dem Mädchen, fragte, wo der Herr sei? Diese, welche ihn im Gange verstohlen an sich hatte vorüberschlüpfen sehen, antwortete zögernd: 'In der Garderobe.' Nun war sie nicht länger zu halten, eiligst warf sie ein Nachtgewand über und begab sich mehr laufend als gehend nach der Garderobe. Dort die tür geöffnet, hatten beide Eltern voreinander den gleichen Schreck und meinten zu Boden sinken zu müssen. Der Vater stand, wie ihn die Mutter geträumt hatte, prächtig geschmückt, in seinem Glanz und Flimmer von der roten Morgensonne umspielt, und schnallte eben das Couteau an. Es folgte ein heftiges fragen und erklären, die Mutter wollte ihn durchaus nicht ziehen lassen, bis er auf die eindringlichste Weise ihr erwiesen hatte, dass für dieses Mal schlechterdings an dem Vorhaben nichts zu ändern sei. Indem sie noch miteinander stritten, wieherte des Vaters gesattelt stehendes Reitpferd unten vom Hof herauf zum dritten Male. Sie stürzte an das Fenster, sah das feurige Tier in den Boden hauen und sich heben, das böse Ende ihres Traums trat ihr vor die Augen, sie beschwor meinen Vater bei dem Lebendigen unter ihrem Herzen, wenigstens nicht zu reiten, da sie die bestimmte Ahnung habe, dass ihm heute damit ein Unglück begegnen werde, sich vielmehr des leichten Wagens zu bedienen. Höchst verstimmt rief er dem Bedienten zu: 'So lass anspannen!' drückte die Mutter sanft nach der tür zu und bat sie um Gotteswillen, sich doch nur wieder niederzulegen, da sie ja in ihrem leichten Gewande von der Morgenkälte schwer krank werden könne, und sprang dann, als er sie auf dem Wege nach dem Schlafkabinett glaubte, rasch die Haupttreppe hinunter, um nur zu Ross und an diesem vermaledeiten Tage vom hof zu kommen.
Aber meine Mutter, einmal argwöhnisch gemacht, schlüpfte eine kleine Seitentreppe hinab, die ebenfalls auf den Hof führte, um sich zu versichern, ob auch der Wagen genommen werde. Indem sie nun unten anlangte, sah sie, dass mein Vater schon zu Pferde sass, und mit dem Tiere, welches er in seinem Verdrusse heftig behandelt und dadurch unruhig gemacht hatte, kaum zurechtkommen konnte. Mit einem lauten Geschrei flog sie durch die tür auf den Hof; das Pferd, von der plötzlich erscheinenden weissen Gestalt bis zur Wut gesteigert, drehte sich wie toll auf den Hinterfüssen um, geriet auf eine schlüpfrig-