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, von dem sie sich beim Erwachen nur einer schönen grünen Uniform, worin sie meinen Vater gesehen, und dass ihn in derselben ein Unglück betroffen, zu erinnern wusste. Nun fielen ihr alle die Geschicke, die sich auf Jagden ereignen können: scheugewordene Pferde, unvermutet losgegangene Schüsse, Eber, die den Schützen anrennen, und was dergleichen mehr war, ein, und sie liess sich daher von meinem Vater das Wort geben, nie diesem verhängnisvollen Genusse wieder frönen zu wollen. Er willfahrte ihr gern, denn er sah ihre Liebe zu ihm, und war überhaupt dem Weidwerke nicht leidenschaftlich ergeben, obschon er es, wie ihm sonst nach seinen Verhältnissen zukam, getrieben hatte.

Mehrere Jahre der Ehe blieben kinderlos. Endlich fühlte meine Mutter ihren Schoss gesegnet. Sonst pflegt, wie man mir gesagt hat, in diesem Zustande die Neigung der Frau zu dem mann abzunehmen, und sich der verborgen reifenden Frucht zuzuwenden, meine Mutter machte aber von dieser Regel eine Ausnahme. Ihre Liebe zu dem Vater wuchs noch, wenn sie eines Wachstums fähig war. Zugleich stellte sich die Erinnerung an den früher gehabten und seitdem fast vergessenen Traum wieder bei ihr mit Heftigkeit ein, dessen eigentliche Bilder ihr jedoch nicht deutlich werden wollten, obgleich sie stundenlang sich damit abmühte, sie hervorzurufen. Nochmals musste mein Vater sein früheres Gelübde in ihre Hand wiederholen.

Inzwischen rückte der Sankt Hubertus-Tag heran, an welchem der Fürst, mit dem mein Vater eng zusammenhing, die jährliche grosse Jagd zu veranstalten pflegte. Es war in seiner Umgebung schon verwundernd viel davon geschwätzt worden, warum mein Vater sich in den Jahren zuvor unter allerhand Vorwänden von den Jagden zurückgehalten habe, endlich hatte man den wahren Grund aufgespürt, und der etwas rohe und leichtfertige Kreis mag sich trefflich über den gehorsamen Ehemann lustig gemacht haben. Der Fürst, derb und zufahrend, wie er war, nahm sich vor, den Gehorsam zu Falle zu bringen. Es war so Sitte, dass schon an dem Tage vor Hubertus ein lustiges Bankett auf dem Jagdschlosse gegeben wurde. Der Saal, in welchem es stattfand, war an den Wänden mit Hirschgeweihen, Armbrüsten und alten Jagdspiessen ausgeziert. Da wurde denn, wie man bei uns zu sagen pflegt, tapfer gebürstet, d.h. gezecht, und wer an dem Bankette teilnahm, konnte sich natürlich von der Hubertusjagd nicht lossagen.

Mein Vater würde also um keinen Preis einen Partner des Schmauses abgegeben haben, wenn ihn nicht der Fürst durch eine List nach dem Jagdschlosse zu ziehen gewusst hätte. Er liess ihn nämlich unter dem Vorwande eines Geschäfts berufen und hielt ihn in langen Gesprächen hin, bis der Lakai meldete, dass serviert sei. Da wollte mein Vater fortreiten, aber ein zweiter Lakai brachte, ausgesandt, die Nachricht, der Reitknecht habe verstanden, der Herr bleibe zur Tafel, und sei bis auf den Abend mit den Pferden nach haus geritten. 'Nun, da es so ist, lass dir's gefallen und nimm hier vorlieb', sagte der Fürst. 'Du kannst doch nicht die zwei Stunden zu Fuss nach haus gehen.' – Was sollte mein Vater beginnen? So unlieb es ihm war, er musste bleiben. Bei Tafel, als es ziemlich lärmend zu werden anfing, warf einer die Frage hin, ob er morgen mit zur Jagd komme?

Ohne seine Antwort abzuwarten, rief ein anderer: 'Nein, er darf nicht, seine Frau hat es ihm streng verboten.' – 'Ist es wahr', fragte der Fürst laut über die ganze Tafel hin, 'dass dir deine Frau befohlen hat, kein Gewehr mehr abzudrücken? Wenn dem so ist, und du gehorchst, so bist du ja ein wahrer Mustermann für Stadt und Land.' Ein schallendes Gelächter folgte diesen Worten, obgleich darin nicht viel Lachenswertes steckte.

Mein Vater ärgerte sich, nahm sich aber zusammen und versetzte, dass dem nicht so sei; wie man denken könne, dass seine Frau ihm so etwas befehlen werde? und dergleichen mehr, was ein jeder in seiner Lage und in einer so wilden Gesellschaft entgegnet haben würde. – 'Topp!' rief der Fürst, 'das ist recht, so hilfst du uns also morgen Sankt Hubert Devotion erzeigen' – und als mein Vater sich mit einer Reise, mit Besuch, mit Unpässlichkeit entschuldigen wollte – 'Oho! die Frau Gemahlin steckt doch dahinter! Nun, der Sache müssen wir auf den Grund kommen! Erinnert mich das nächste Mal, wo ich mit der Gestrengen zusammentreffe, dass ich ernstlich danach bei ihr anfrage.'

In diesem Augenblicke fasste mein Vater seinen Entschluss. Er hielt es für nötig, der Mutter einen ärgerlichen Auftritt, wie er von des Fürsten Derbheit immer zu besorgen stand, zu ersparen, und sagte daher: 'Damit jedermänniglich sehe, dass an all dem Argwohn nichts sei, so werde ich die Jagd morgen mitmachen.' Ein Beifallsklatschen erscholl, unter Getöse wurde die Tafel aufgehoben; der Fürst rief mit etwas schwerer Zunge: 'Bist du aber morgen nicht um sechs Uhr am Versammlungsplatze, so holen wir alle dich in corpore aus den Federn.' – Mein Vater nahm kurz und trocken seinen Urlaub, fuhr den lügnerischen Lakaien, der draussen im Vorgemache ihn verschmitzt lächelnd befragte, ob er nun die Pferde befehle? barsch an, und ging die Treppe hinunter über den Hof selbst nach dem Stalle, wo er den Reitknecht mit den Pferden fand,