, sein Korn schneidet, und dabei über die Seinigen unumschränkt herrscht und richtet. Nie ist mir eine kompaktere Mischung von Ehrwürdigem und Verschmitztem, von Vernunft und Eigensinn vorgekommen. Er ist ein rechter uralter freier Bauer im ganzen Sinne des Worts; ich glaube, dass man diese Art Menschen nur noch hier finden kann, wo eben das zerstreute Wohnen und die altsassische Hartnäckigkeit, nebst dem Mangel grosser Städte den primitiven Charakter Germanias aufrechterhalten hat. Alle Regierungen und Gewalten sind darüber hingestrichen, haben wohl die Spitzen des Gewächses abbrechen, aber die Wurzeln nicht ausrotten können, denen dann immer wieder frische Schösslinge entsprossen, wenngleich sich diese nicht mehr zu Kronen und Wipfeln zusammenschliessen dürfen.
Die Gegend ist durchaus nicht, was man eine schöne nennt, denn sie besteht lediglich aus wellenden Hebungen und Senkungen des Erdreichs, und das Gebirge sieht man nur in der Ferne; 's ist dieses auch mehr eine finstre Berglehne, als eine schönliniierte Kette. Aber eben ihre Anspruchslosigkeit, dass sie sich nicht aufgeputzt einem gegenüberstellt, fragend: "Wie gefall' ich dir?" sondern bis in die kleinsten Partikeln als fromme Schaffnerin dem Anbau durch menschliche hände dient, macht sie mir doch sehr wert, und ich habe gute Stunden auf meinen einsamen Streifereien genossen. Vielleicht tut der Umstand auch das Seinige, dass mein Herz einmal wieder ganz ungestört seine Pendelschwingungen ausschwingen darf, ohne dass vernünftige Leute am Uhrwerke rücken und drehen.
Poetisch bin ich sogar geworden, was sagst Du dazu, mein alter Ernst? Hab' etwas hingeworfen, wozu mich ein göttlichschöner Sonnentag, den ich vor zeiten in den Waldgründen des Spessart verlebte, zuerst anspornte. Ich glaube, es wird Dir gefallen. Es heisst: "Die Wunder im Spessart".
Am liebsten sitze ich droben auf dem Hügel an einem stillen platz zwischen den Kornfeldern des Hofschulzen, die dort zu Ende gehen. Man hat eine geräumige mit Kraut und Brombeergebüsch bewachsene Einsenkung des Bodens vor sich; rings im Kreise um sie her liegen grosse Steine, einer, gerade dem feld gegenüber, ist der grösste, über dem spannen drei alte Linden ihre Zweige aus. Dahinter rauscht der Wald. Die Stelle ist unendlich einsam und beschlossen und heimlich, besonders jetzt, wo man im rücken das mannshohe Korn hat. Da droben bin ich viel. Freilich nicht immer in sentimentaler Naturbetrachtung, es ist auch mein gewöhnlicher abendlicher Anstandsort, von wo ich dem Schulzen die Reh' und Hirsch' aus dem Korn schiesse.
Sie nennen den Platz den Freistuhl. Vermutlich hat also dort vor alters das Femgericht im Schrecken der Nacht seine Verdikte ausgebrütet. Als ich meinem Schulzen ihn lobte, ging eine Freundlichkeit über sein Gesicht. Er versetzte nichts, nahm mich aber nach einiger Zeit ohne Veranlassung mit auf eine kammer im obern Stock des Hauses, öffnete dort einen eisenbeschlagenen Koffer und zeigte mir in demselben ein altes rostiges Schwert liegend. Mit Feierlichkeit sagte er: "Das ist eine grosse Rarität; es ist das Schwert Caroli Magni, seit tausend und mehreren Jahren beim Oberhofe aufbewahrt, und noch in voller Kraft und Gewalt." Ohne weitere Erklärungen hinzuzufügen, klappte er den Deckel wieder zu. Ich hätte um alles seinen Glauben an dieses Heiligtum nicht zerstören mögen, obgleich mich mein flüchtiger blick lehrte, dass der Flamberg kaum ein paar hundert Jahre als sein könne. Er zeigte mir aber ein förmliches Attest über die Echteit der Waffe, von einem gefälligen Provinzialgelehrten ihm ausgestellt.
Hier will ich denn nun unter den Bauern bleiben, bis mir der alte Jochem Nachricht von dem Schrimbs oder Peppel gibt. Es ist zwar die achtzig Meilen her kühler in mir geworden, denn gar viel tut's, wenn vierzehn Tage zwischen dem Vorsatz und der Ausführung liegen, auch steht nun die Frage, welche Rache ich eigentlich an ihm nehmen soll? aber das wird sich schon alles finden.
Dieser Brief, wie ich ihn überlese, kommt mir ganz possierlich vor. Vorn stehen recht hübsche Bemerkungen, hinten dergleichen, ich brauche mich ihrer gar nicht zu schämen, und in der Mitte ist's, als ob ein dummer Bub' seine Eulenspiegelei erzählt.
Nun, ich werde' ja endlich auch klug werden. – Wenn einen die leute' nur verständen in der Fremde! Alles muss man drei- mal sagen, bevor's gefasst wird. Und wenn man nicht gar ein Stockschwab ist, sondern im Gegenteil in der Welt umhergekommen, und andere vielfältig hat reden hören, so kann man sich selbst durch unser Zischen und Prasseln hin und wieder beschwert fühlen. Wir haben doch Geist, soviel wie die übrigen, warum können wir denn das Wort nicht gelind, sanft und zart von uns geben, sondern sprechen immer: "Keescht?" Aber ich denke, aus: "Keescht" kann allezeit durch Abschwächen und Filtrieren: "Geist" werden, nicht aber umgekehrt aus "Geist", "Keescht". Und so wird's der Herr in diesem Punkt wie in allen andern wohl mit uns brav gemeint haben.
Mentor, hoffentlich hörst Du bald mehr von
Deinem Nicht-Telemach
Schilt ihn aber tüchtig aus, darum bitte' ich Dich.
Siebentes Kapitel
Worin der Jäger dem Hofschulzen eine alte
geschichte von seinen Eltern erzählt
Mehrere Tage gingen im Oberhofe auf die gewohnte stille und einförmige Weise hin. Der alte Jochem liess noch immer weder von sich noch von dem entwichenen Abenteurer hören, und seinen jungen Gebieter wollte doch nachgerade eine stille Unruhe beschleichen. Denn