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, noch ein Spaziergang mit andächtigen Zuhörern, noch sonst etwas, konnte ihn abhalten, wenn die Stunde des Einschliessens kam, alles aufzugeben, und in das Haus zu gehen, worin die geheimnisvollen Zusammenkünfte stattfanden. Wollte man ihn darüber ausforschen, so pflegte er mit seiner abscheulichen Ruhe und Würde zu sagen, die Unbefriedigten studierten ihn; wollte man den Sinn dieses rätselhaften Ausdrucks kennenlernen, so versetzte er gemeiniglich, es sei ihrer Studien wegen, dass sie ihn studierten, und fragte man ihn, was für Studien diese seien, so war die Auskunft: diejenigen, weswegen ihn die Unbefriedigten studierten.

Nun zum Schluss der geschichte. Unsere ganze Nicht-Liebesnovelle, Clelias und meine, hatte er mit durchgelebt, schien indessen nicht sehr darauf geachtet zu haben. Als die Sache aber allmählich wieder in das Gleiche kam, bringt mir, wie ich mich zum Besuch in der Stadt aufhalte, Freund Pfleiderer bestürzt ein litographiertes Blatt, worauf unser ganzes Verhältnis, alle unsere Wendungen und Schritte, um ohne aufsehen in eine gleichgültige Ferne auseinanderzurücken, zur wildesten Bambocciade verstellt zu lesen sind. Sie hiess: "geschichte von Gänserich und Gänschen, die sich in ihren Herzen irrten".

Er sagte mir, dass das Ding vom Abenteurer herrühre, was auch nach den ersten Sätzen zu erkennen war. Der habe es in einer Gesellschaft erzählt, es sei allerliebst befunden worden, ein schnellfassender und schreibender Kopf habe es aufgezeichnet und auf allgemeines Begehren der lieben Schadenfreude zum Frommen für die Mitglieder der Gesellschaft litographieren lassen. Jeder teile es im Vertrauen seinen nächsten Bekannten mit, und so mache es schon die Runde durch die halbe Stadt.

Ich las und las, und was mich darin betraf, hätte ich verschmerzen können, ja ich gestehe, dass ich über manches lachen musste. Aber auch Clelia war natürlich nicht darin verschont.

Und das versetzte mich in einen Zorn, der mich taub und blind und rasend machte. Ich schwor dem Schelme die schrecklichste Rache. Nun hätte ich, um diese zu kühlen, mich in seiner wohnung auf Lauer legen sollen. Aber da siehst Du den dummen Streich, der sich immer meinem Handeln beizumischen pflegt! Einsiegelte ich das litographierte Blatt und schrieb dem Urheber, ich werde dann und dann mich bei ihm melden und Genugtuung fordern, kurz, eine förmliche Kriegserklärung. Als ich zur bestimmten Stunde nach seiner wohnung ging, fand ich das leere Nest; Hals über Kopf war er abgereist. Ich hielt es für eine Finte, stürzte nach dem haus, worin die geheimnisvollen Zusammenkünfte gefeiert wurden, weil ich ihn dort vermutete, aber da sassen die drei Unbefriedigten und jammerten, dass ihnen der Meister, wie sie den Gauch nannten, entschwunden sei. Vielfältige Nachfragen zeigten mir endlich eine Spur des Flüchtigen. Sie wies hieher, nach Norden, nach Niederland. In den Wagen gesetzt, mit dem alten Jochem, der noch verwirrter ist, als ich, und von Stadt zu Stadt nachgesprengt, bis ich denn hier vorläufig vor Anker gegangen bin. Ich habe nämlich den Jochem allein weiterspüren lassen, denn vor allen Dingen ist Inkognito nötig, wenn wir ihn entdecken wollen, und mich erkannten die Leute überall für das, was ich war. Weiss Gott, wie es zuging, da ich mir doch alle Mühe gab, mich zu verstellen. Des Inkognitos wegen ist auch der Wagen in Koblenz stehengelassen worden. Von da fuhren wir per Post, oder gingen auch streckenweise. Ich freue mich, wie ein Kind, dass ich die geschichte vom Herzen heruntergebeichtet habe, denn nun darf ich von Dingen schreiben, die angenehmer sind. Nicht sagen kann ich Dir, wie wohl mir hier zumute geworden ist in der Einsamkeit der westfälischen Hügelebene, wo ich bei Menschen und Vieh seit acht Tagen einquartiert bin. Und zwar recht eigentlich bei Menschen und Vieh, denn die Kühe stehen mit im haus zu beiden Seiten des grossen Flurs, was aber gar nichts Unangenehmes oder Unreinliches hat, vielmehr den Eindruck patriarchalischer Wirtschaft vermehren hilft. Vor meinem Fenster rauschen Eichenwipfel, und neben denen hin sehe ich auf lange, lange Wiesen und wallende Kornfelder, zwischen denen sich dann wieder jezuweilen ein Eichenkamp mit einem einzelnen Gehöfte erhebt. Denn hier geht es noch zu, wie zu Tacitus' zeiten. "Colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit." Darum ist denn auch so ein einzelner Hof ein kleiner Staat für sich, rund abgeschlossen, und der Herr darin König, so gut als der König auf dem Trone.

Mein Wirt ist ein alter prächtiger Kerl. Er heisst Hofschulze, obgleich er gewiss noch einen andern Namen führt, denn jener bezieht sich ja nur auf den Besitz seines Eigentums. Ich höre aber, dass dies überall hier so gehalten wird. Nur der Hof hat meistenteils einen Namen, der Name des Besitzers geht in dem der Scholle unter. Daher das Erdgeborne, Erdzähe und Dauerbare des hiesigen Geschlechtes. Mein Hofschulze mag ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein, doch trägt er den starken grossen knochichten Körper noch ganz ungebeugt. In dem rotgelben gesicht ist der Sonnenbrand der fünfzig Ernten, die er gemacht hat, abgelagert, die grosse Nase steht wie ein Turm in diesem gesicht, und über den blitzenden blauen Augen hangen ihm weisse struppige Brauen, wie ein Strohdach. Er gemahnt mich, wie ein Erzvater, der dem Gotte seiner Väter von unbehauenen Steinen ein Mal aufrichtet und Trankopfer darauf giesst und Öl, und seine Füllen erzieht