in vielen Städten unter den verschiedensten Gestalten. Vielleicht ist er sogar in Deine Nähe gekommen. In Tübingen machte er den Magister und focht sich teologisch herum, in Stuttgart abwechselnd den Politiker und lyrischen Dichter, in Weinsberg half er unserem alten Justinus noch mehr Geister sehen, als dieser schon mit seinen zwei Augen erblickt.
Dieser Mensch hatte eine Gabe zu fabulieren und zu schwadronieren, wie ich sie noch nimmer bei jemand wahrgenommen habe. Er besass einen aristophanischen Witz, eine gaukelnde Einbildungskraft und eine unerschöpfliche Laune, vor allem aber eine Lust und Freude am Lügen, die wirklich auch genial war. Keiner achtete ihn und doch war er überall eingeführt; unsre geschlossenen Gesellschaften taten ihre Türen vor ihm auf, unsre Familien- Wein- und sonstigen Kränzchen flochten ihn sich als Blume ein, denn Du weisst wohl, dass, so schwerfällig und abgesondert wir uns halten, es doch noch von je alle Scharlatane bei uns mit uns durchgesetzt haben. Man hielt ihn für nichts Besseres, als für ein Stück honetten Gauners und doch blickte man sehnsüchtig nach ihm aus, liess er einmal auf sich warten. Obgleich ich überzeugt bin, dass er eigentlich schlechte Streiche nirgends begangen hat, denn sonst würde er leiser, versteckter, künstlicher aufgetreten sein. Eine gewisse teoretische Unwahrhaftigkeit war in ihm zur andern natur geworden; gegen die gesetz wird er sich nicht verfehlt haben.
Du fragst: Wodurch fesselte er euch denn? Ja, wodurch? Durch tolle Märchen, die er uns erzählte, durch Sarkasmen, Luftsprünge. In seinen Märchen griff er mit unerhörter Dreistigkeit das Nächste auf, oder eine öffentliche person, und drehte und wendete und drillte sie so lange, bis sie unter seinen Händen ein phantastischer Popanz wurde, der dann, wenn man ihm näher in das Gesicht sah, in Blasen auseinanderplatzte. Mir war oft bei seinen Geschichten zumute, als sehe ich eine Wasserhose entstehen, wandeln, sich auflösen. Eine schwache Wolke schwebt über dem Meere, diese fasst mit einem langen, feinen Finger in den unendlichen Ozean, aufwärts kocht, wirbelt und tanzt das emporgestörte wasser, es pfeift und zischt; Nebel und Schaum rings umher, und Blitz ohne Donner! so rückt das Phantom, welches nicht Dunst und nicht Woge mehr ist, sprungweise vor, bis es plätschernd zerbricht.
Ich sagte zuweilen für mich: In diesem Erzwindbeutel hat Gott der Herr einmal alle Winde des Zeitalters, den Spott ohne Gesinnung, die kalte Ironie, die gemütlose Phantasterei, den schwärmenden Verstand einfangen wollen, um sie, wenn der Kerl krepiert, auf eine Zeitlang für seine Welt stille gemacht zu haben. Dieser Schrimbs oder Peppel, dieser geistreiche Satirikus, Lügenhans und humoristisch-komplizierte Allerweltshaselant ist der Zeitgeist in persona; nicht der Geist der Zeit, oder richtiger gesagt: der Ewigkeit, der in stillen Klüften tief unten sein geheimes Werk treibt, sondern der bunte Pickelhäring, den der schlaue Alte unter die unruhige Menge emporgeschickt hat, auf dass sie, abgezogen durch Fastnachtspossen und Sykophantendeklamation von ihm und seiner unergründlichen Arbeit, nicht die Geburt der Zukunft durch ihr dummdreistes Zugucken und Zupatschen störe. Denn zweierlei war das Merkwürdigste an dem Vagabunden: Erstens, er trug nicht reine Märchenpoesie vor, sondern die grotesken Erfindungen und Gestalten wurden von ihm mit solcher Ruhe, Überzeugung und Ernstaftigkeit hingestellt, sie sassen ihm so in Fell und Fleisch fest, dass man in währender Erzählung zu keinem dichterischen Behagen gelangte, man musste ihn entweder für verrückt halten, oder an seinen Sachen, wie unsinnig sich das ausnahm, auf eine Stunde glauben. Zweitens, wenn er auch meistens in seinen milesischen Fabeln die Toren und Schächer der Zeit durchnahm, so fühlte man bald – wenigstens ich hatte die Empfindung nach kurzer Bekanntschaft – dass der Hohn nicht aus einer tugendhaft-erzürnten Seele quoll, sondern aus einem Sinne, dem eigentlich das Verkehrte lieb, notwendig, Bedürfnis und Stoff des Daseins war. Und darin kennst Du nun meine Grundsätze. Ich halt' mich ans Positive. Begeisterung und Liebe ist die einzig würdige Speise edler Seelen. Einen Schwank mag ich wohl leiden. Aber das Spötteln, Nergeln und Grinseln um den Kehricht her, dem schon viel zuviel Ehre geschieht, wenn er nur genannt wird, ist mir im innersten Mute zuwider.
Als ich zurückkam, fand ich ihn in unserm ganzen Kreise eingebürgert. Die alten Öhme und Vettern wollten sich ausschütten über seine Einfälle oder sperrten den Mund so weit auf, als die Muskeln es vertragen wollten, wenn er ihnen ihre eigenen hausbackenen Personen, in wunderbaren Capriccios diese zurückspiegelnd, zeigte. Ich hörte mit zu, war wechselsweise von seinen Reden berauscht und unangenehm ernüchtert. Es kann selbst sein, dass ich mich Clelien nicht so genähert haben würde, hätte ich nicht bei den verzwickten Schnurren ein doppeltes Bedürfnis nach einer einfachen, wahren Geselligkeit empfunden. – Zu den Abenteuerlichkeiten des Schrimbs oder Peppel gehörte auch, dass er sich regelmässig des Tages drei Stunden über mit drei jungen Leuten einschloss, die kurz nach ihm eingelaufen waren und die Unbefriedigten hiessen. Sie sprachen nämlich nie ein anderes Wort, als: sie fühlten sich unbefriedigt, und sahen immer starr und sonderbar vor sich hin. Woher die gekommen waren, wusste auch niemand, da sie aber still und nüchtern lebten, so konnten sie nicht verdächtig erscheinen. Mit den drei Unbefriedigten schloss sich also Schrimbs, wie gesagt, täglich drei Stunden lang ein. Was sie zusammen trieben, erfuhr keiner. Aber weder ein Geschäft, noch eine Einladung