leider der verständige Jüngling Telemachos fehlt, was wirst Du sagen, wenn Du meine Hand und Überschrift des briefes zu schauen bekommst? Du, unter Deinen Tannen und Uhrmachern, wirst mich nach Reisen und Fahrten aller Art endlich weich und still auf meiner Alm im schloss meiner in Gott ruhenden Väter wissen und ausrufen, nachdem Du Gegenwärtiges gelesen: "Unser Wissen ist eitel Stückwerk!" Du wirst Dir einbilden und wohlgefällig (Du Treuer!) Dir sagen, wenn Du abends in der Schreibtafel die Agenda durchstreichst, weil sie Nummer für Nummer Akta geworden sind: "Endlich wird er nun sich zur Decke gestreckt haben, des Feldbaus warten, oder eine nützliche Anlage, etwa eine Papiermühle, machen, und das heisse Blut höchstens an den Sauen und Hirschen seines Wildbanns auslassen", und ist von allem dem nicht ein Tüttelchen wahr, obgleich ich auch hier, Gott sei es geklagt, auf die Jagd gehe, aber im Dienste eines westfälischen Bauern als Wilddieb gegen meine Herrn Standesgenossen.
Ich bitte Dich, verliere die Geduld nicht; denn wenn seltsame Dinge von der Seele heruntergebeichtet werden sollen, so darf der Sünder schon etwas stocken und zaudern, und der Beichtvater muss es sich gefallen lassen, das Tüchel lange vor dem Antlitz zu halten. In der Ohrenbeicht' aber fühle ich mich trotz meines guten Tübinger Protestantismus immer Dir gegenüber, wenn ich etwas habe auslaufen lassen, was nicht innerhalb der Schnur war. Die Sünde kann ich nicht verschwören, aber, ist sie begangen, so verspüre ich wie ein Glaubiger der allgemeinen Kirche ein wahres Reinigungsbedürfnis in der Seele, und mein moralischer Reiniger bist Du. Du hast mich in hundert Nöten der Art schon losgesprochen – – ach nein! das hast Du nicht, Du hast immer bitter gezankt und gescholten, aber es ist nun einmal mein Schicksal; ich kann die Last nicht bei mir verschliessen, ich lege sie an der Schwelle des Tempels der Atene, heisst des wohlbekannten Oberamtmannshauses unfern der Hölle (bei Donaueschingen) nieder, und habe dann neue Kraft und frischen Mut zu Gutem und Bösem. – Also: Iterum confiteor ohne aufs Absolvo zu rechnen.
Confiteor ... aber was?
Seit vierzehn Tagen aus Schwaben, liege ich seit acht hier in einem sogenannten Oberhofe unweit – – Ich musste gestern abbrechen, denn nachdem ich geschrieben, wo ich sei, fehlte mir auf einmal die Brükke zu der Eröffnung, warum und weswegen ich hergekommen? Ich muss also die Sache auf eine andere Weise einleiten. Trotz der bunten Schreibart, die vielleicht noch mit unterlaufen wird, bin ich ernst, klar und in mir gefasst. Daher sollen Dir Dinge entdeckt werden, die Du wenigstens in dieser bestimmten Gestalt noch nicht von mir vernommen hast.
Die Geschichtschreiber pflegen an die Spitze ihrer Werke zuweilen allgemeine Sätze zu stellen, in denen sich der innerste Sinn der begebenheiten, welche sie schildern wollen, ausprägen soll. Einige solcher Betrachtungen werde ich jetzt meiner Geschichtserzählung voranschicken, weil sie Dir dadurch vielleicht fasslicher wird.
Nach der scharfsinnigen und fruchtbaren Hypotese eines tiefblickenden Naturlehrers entspringen die Instinkte der Tiere aus traumartigen Vorstellungen von den Dingen, welche der Instinkt erstrebt. Der Zugvogel träumt von den fernen Gegenden, in welche er wandert, in traumartigen Umrissen sieht die sibirische Waldschnepfe die deutschen Sumpfstrecken, die Schwalbe den Küstensaum Afrikas. Traumartig schweben der Spinne die Umrisse und Radien ihres Netzes, der Biene die Sechsecke ihres Stockes vor. Es ist eine Hypotese, aber ich nannte sie sinnreich und fruchtbar, weil sie die Kreatur gerade in dem, was ihre bedeutendste Tätigkeit ist, aus der Region des Maschinenmässigen in ein gottdurchleuchteteres Gebiet hebt.
Wir armen bewussten Menschen scheinen nun von dieser göttlichen Sicherheit des Angreifens und Fassens alles Stoffes entblösst zu sein. Aber es ist nur scheinbar. Alles Genie und Talent ist nichts weiter als Instinkt. Nenne mir den Künstler, den Dichter, der beides nicht aus sogenanntem dunklem Drange geworden wäre! Wir andern haben freilich so bestimmte Fingerzeige nicht in uns, indessen sind fast jedem Menschen – vielleicht jedem – auch ganz feste Richtungen, unverrückbare Punkte eingeboren, welche aussen oft als Launen, Grillen, Seltsamkeiten, Liebhabereien erscheinen, dennoch aber vielleicht auf das allerfesteste Gesetz der Seele hindeuten. Es sind dieses nicht die sogenannten Grundsätze, Maximen, Lebensweisen, Gewöhnungen – das alles kann angebildet und angelernt werden – nein, was ich meine, ist etwas ganz anderes, aber freilich schwer zu beschreiben.
Diese Lichter des inneren Menschen sind Halbträume des Instinkts. Von dem nüchternen Tagesscheine des Verstandes entscheucht, von der wühlenden Hand der Selbstbeschauung zerschlagen, wirken sie nicht so siegreich, wie bei dem Wandervogel und bei der Biene das unwiderstehliche Muss, glücklich ist aber derjenige, der die stimme jener Träume hört und ihr folgt.
Das Genie wird geboren, sagt man, und darüber ist jeder einverstanden. Ich füge hinzu: Nicht alle werden als Genies, aber dazu wird jeder geboren, sich sein Schicksal zu machen. Selbst die willkürlich scheinenden Grillen sind zuweilen feste Wegweiser zum Glück. Erinnerst Du Dich noch des armen Tagelöhners in Ludwigsburg, welcher, sonst verständig und fleissig, sich steif und fest einbildete, im Park lägen Granaten, und der zu jeder Freistunde in den Alleen danach suchte, Kiesel und Quarz aufhob und betrachtete? Die Leute hielten ihn für verrückt, und eines Abends fand er in einem der dunkelsten Gänge, eifrigst auf Granaten erpicht, eine vollgespickte Brieftasche, die er ehrlich genug war, dem Verlierer einzuhändigen. Dieser belohnte