dass sich gleiches oder ähnliches abermalen ereignete, wenn man Uns zuviel Ärgernis gibt. Dieses Kassel war unter der Wirtschaft Meines Verwalters ein liederlicher Ort geworden, und alle Zucht und Sitte hatte Abschied genommen.'
Eine Dame näherte sich dem Fürsten und sagte mit schmeichelndem Tone: 'Ereifre dich nicht, Väterchen, du hast ja beides, Zucht und Sitte, hier wieder eingeführt.'
Sie und der Geheime Rat Vellejus Paterculus wurden hierauf entlassen. Nur der Baron von Rotschild verblieb noch bei dem Fürsten. Er war nach Kassel gekommen, um mit seinem erlauchten Geschäftsfreunde Abrechnung zu halten, und hatte jetzt zu vernehmen, dass der Kurfürst die in des baron Händen beruhenden Fonds ihm nicht länger zu sieben Prozent lassen könne, sondern auf dem achten fortan bestehen müsse.
Der Baron von Rotschild war durch diese Nachricht und Eröffnung im tiefsten erschüttert. Er schwor bei dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, dass ihn eine solche Massregel in das Verderben stürze, da aber sein hoher Gläubiger fest darauf bestand, und ihn für den Fall des Weigerns mit der Kündigung bedrohte, so gab der Baron endlich mit blutendem Herzen nach und erwog zu seinem Troste im stillen, dass in seiner Bank das Pfund mit zwanzig Prozent wuchre, ihm sonach allerdings zwölf noch übrig verblieben.
Der Fürst hatte bei der ganzen Verhandlung seine Haltung unerschütterlich bewahrt. Jetzt stiess er das Fenster auf, sah in die sternenklare Nacht und sagte: 'Wenn Ich consideriere, dass Ich wieder hier im Palais bin, und welche Interessen Mir die englischen Gelder, die Ich dazumal für das amerikanische Corps erhielt, in Seinen Händen getragen haben, Rotschild, so muss Ich sprechen: Der alte Gott lebet noch und lässt nicht zuschanden werden.'
Der Baron erwiderte etwas verstimmt: 'Warum soll nicht leben der alte Gott, da noch leben Eur' Hoheit? Wie kann man werden zuschanden mit acht Prozent?'
Während sich diese begebenheiten im inneren des Schlosses zutrugen, erzählten unten in der Wachtstube die sechs Gebrüder Piepmeier ihren Kameraden Gespenstergeschichten. Die sechs Gebrüder Piepmeier waren die sechs Söhne des Kastellans Piepmeier auf der Löwenburg. Dieser Mann hatte, wie es bei solchen Aufsehern herrschaftlicher Schlösser der Fall zu sein pflegt, die loyalsten Gesinnungen, und in denselben auch seine Söhne erzogen. Man konnte daher von dieser Familie behaupten, dass in sieben Individuen nur ein und dasselbe hessische Herz schlage. Vater Piepmeier war derjenige gewesen, welcher sich bei dem Einzuge des Kurfürsten auf einen Eckstein gestellt, jubelnd seinen durch alle Verführungen der Fremdherrschaft hindurch geretteten Zopf geschwungen und gerufen hatte: 'Durchlaucht! Durchlaucht! meiner sitzt noch!' was dem alten Herrn die erste wahre Regentenfreude in seinen Staaten bereitet haben soll. Sobald nun die sechs Söhne Piepmeier, welche zwei Paar Drillinge waren, die Mutter Piepmeier in zwei nacheinanderfolgenden Jahren ihrem Gatten geschenkt hatte, in das Soldatenalter traten, liess Vater Piepmeier alle sechs an einem und demselben Tage in die kurfürstliche Zopf- und Stiefelettengarde eintreten. Sie hatten alle sechs dasselbe Mass, nämlich sechs Fuss, drei Striche; hielten auf die völlige Identität ihrer Stiefeletten und Zöpfe, und sahen einander überhaupt zum Verwechseln gleich, so dass der Kommandeur sie mit verschiedenfarbigen Strichen über der Nase bezeichnen lassen musste, um sie im Dienst unterscheiden zu können. Karl Piepmeier bekam einen gelben, Heinrich Piepmeier einen blauen, Ferdinand Piepmeier einen roten, Guido Piepmeier einen orangefarbnen, Christian Piepmeier einen grünen, Romeo Piepmeier einen silbergrauen und Peter Piepmeier einen schwarzen Strich über der Nase. Aber ausser dem Dienste, wo sie sich als Menschen fühlten, wischten sie die Striche ab.
Diese sechs Brüder von der Löwenburg erzählten den andern hessischen Wachtmannschaften folgende geschichte: 'Ihr mögt es nun glauben oder nicht, aber so ist der alte Herr alle Jahre, während er in der Fremde war, an seinem Geburtstage jedesmal droben auf der Burg gewesen. An diesem Tage war es von frühmorgens an schon immer unruhig droben, es tat sich ein Schwirren in den seidnen Gardinen hervor, die Gardinenbetten knackten, die Harnische in der Rüstkammer rasselten, der Wetterhahn auf dem Turme hat unaufhörlich mit den Flügeln geschlagen. Schon als Knaben bemerkten wir alles dieses und noch mehreres, aber wir achteten dessen nicht, bis uns der Vater, nachdem wir fünfzehn Jahre alt und konfirmiert worden waren, beiseite nahm und uns das Burggeheimnis entdeckte, welches in nichts anderem bestand, als dass der Kurfürst, wiewohl weit entfernt im böhmischen land, dennoch auf seiner Burg seinen Geburtstag feire. Er komme nämlich um sechs Uhr abends gerade zur Stunde, wo vorzeiten an der Ständetafel die Gesundheit ausgebracht worden sei, und man die Kanonen vor der Aue gelöst habe, in das gelbe Kommodenzimmer, worin der alte Fritz als kleiner Junge abgemalt hängt, gegangen, und verlustiere sich dort eine halbe Stunde lang.
Das nächste Jahr gab uns der Vater die Sache zu schauen. Nämlich, wir steckten uns mit ihm sacht hinter den grünen Vorhang im gelben Kommodenzimmer. Was geschieht? Wie die Glocke auf dem Schlossturm sechs schlägt, hören wir auf dem langen Rittergange, der zum Zimmer führt, tür nach tür aufklappen, endlich springt auch die vom gelben Kommodenzimmer auf, und herein tritt der Herr, wie er leibt und lebt, steife Stiefeln, gekollerte Hosen, Montierung, dreieckichter Hut, Klebelocken, kurz alles und jedes. Setzt sich an das Fenster, was nach dem Garten sieht, macht sich eine Pfeife Tabak an, raucht, dass der Dampf davongeht, kuckt unterweilen in den