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liegen solle, welches seinen Kornbreiten, besonders den die Hügel hinansteigenden manchen Schaden zufüge. "Dort in den Bergen", sagte der alte Bauer, "sind die grossen Jagden der Edelleute; die Kreaturen haben mir schon in den vergangenen Jahren Saat genug abgeatzt und daniedergewälzt, aber in diesem ist es erst recht schlimm geworden, denn der junge Graf drüben ist auch ein scharfer Jäger und hat seinen Wildstand vermehrt, so dass die Hirsche und Rehe wie die Schafe aus dem wald treten und mein' Mühe und Schweiss verruinieren. Ich verstehe mich nicht auf die Sache und den Knechten mag ich es nicht gerne erlauben, weil sie unter dem Vorwande, sich auf den Anstand zu stellen, mir leicht unordentlich werden können, darum haben die Bestien mitunter gewirtschaftet, dass sich einem das Herz im leib umwenden musste. Nun kommen Sie mir gerade zupass, und wenn Sie mir diese vierzehn Tage bis zur Ernte die Höllenteufel aus dem Korne halten, so sollen Sie damit Ihr Quartier bezahlt haben."

"Was? Ich ein Wildschütz? Ich ein Wilddieb?" rief der junge Mann und lachte so herzlich und schallend auf, dass er den Hofschulzen ansteckte. Noch lachend strich dieser über das feine Tuch, aus welchem die Kleidung seines Gastes gemacht war, und sagte: "Eben darum, weil es bei Ihnen wohl keine sonderliche Gefahr haben wird, wenn Sie auch attrappiert werden. Sie werden sich schon eher loszumachen wissen, als so ein armer Knecht. Die Fliegen fangen sich in den Spinnweben, die Wespen schlüpfen durch. Doch was ist das überhaupt ein Verbrechen, sein Eigentum gegen die Ungetüme, die es fressen und zugrunde richten, zu verdefendieren!" rief er, indem plötzlich der lachende Ausdruck seines Gesichts in den des loderndsten Zornes überging. Die Stirnadern schwollen ihm an, das Blut trat dunkelrot in seine Wangen, die Augäpfel verloren ihr Weisses und wurden rötlich; man hätte vor dem Alten erschrecken können.

"Ihr habt recht, Vater, es gibt nichts Unvernünftigeres, als die sogenannten Jagdgerechtsame", sagte der Jäger, um ihn zu beruhigen. "Deshalb will ich die Sünde über mich nehmen, zum Frommen Eures Gutes am Wildbann der hiesigen Edelleute zu freveln, obgleich ich eigentlich dadurch – –"

Er wollte etwas hinzusetzen, brach aber schnell ab und ging auf andere gleichgültige Gegenstände über.

Wer aber glaubt, dass die Unterhaltung dieses westfälischen Hofschulzen und schwäbischen Jägers so flüssig vonstatten gegangen sei, wie meine Autorfeder sie niedergeschrieben hat, der irrt sich. Vielmehr waren noch oft mehrmalige Wiederholungen nötig, ehe und bevor ein notdürftiges Verständnis zwischen ihnen eintrat. Hin und wieder musste selbst die Fingerund Zeichensprache zu hülfe genommen werden. Denn der Hofschulze hatte in seinem Leben nichts von einem: ch hinter dem: s gehört, auch brachte er alle Töne hinten aus der Gurgel, oder wenn man will, aus dem Rachen hervor. Dagegen war dem Jäger das göttliche Geschenk, welches uns von den Tieren unterscheidet, ganz zwischen die Lippen und Vorderzähne gelegt worden, von wo denn die Laute mit wundersamer schwerträchtiger Fülle und sausendem Zischen ausbrachen. Aber durch diese fremden Schalen hindurch hatten der alte und der junge Mann bald aneinander Behagen gefunden. Da sie beide vom echtesten Schrot und gewichtigsten Korn waren, so mussten sie wohl einer des andern Kern erkennen.

Auf seiner Eckstube hatte jedoch der Jäger auch Schalen entdeckt, die ihn nach ihrem Kerne verlangen machten. Er sah nämlich, als er seine leichten Habseligkeiten und schweren Goldrollen aus der Jagdtasche nahm, um sich häuslich einzurichten, in der Ecke des Zimmers ein Nachtäubchen, ein Tüchlein und ein Röckchen sauber über die Lehne eines Stuhles gehängt. Alle diese Stücke waren, wie der Augenschein lehrte, getragen, dennoch leuchteten sie von Schneeweisse. "Ei!" rief der Jäger, "hat hier vor mir ein hübsches Maidel gehaust? Da werde ich schon Glück haben." Er wollte in einer Laune, die ihn plötzlich anstiess, sich das Nachtäubchen aufsetzen, es war aber viel zu klein für sein Haupt. Er mass an der Zerknitterung der Bänder das Oval des Gesichtes ab und fand dieses ohne Tadel. Das Röckchen deutete auf den zierlichsten Leib und das Tüchlein liess nach den Falten und nach der Beugung, die es behalten, vermuten, dass unter ihm ein junger, runder Busen geschlagen habe. Plötzlich aber errötete er unter diesen Spielereien bis hoch hinauf zu den Schläfen, er schämte sich ihrer, die ihn freventlich bedünken wollten, er stellte den Stuhl mit den Kleidungsstücken hinter einen Schirm, um sie nicht ferner zu sehen, und setzte sich zum Schreiben nieder, die schweifenden Gedanken in Ordnung zu bringen.

Als er abends in den Flur hinunter zum Essen gerufen wurde, fand er die Knechte und Mägde, die ihr Abendbrot schon früher genossen hatten, im vollen Erzählen um den Hofschulzen.

Dieser hatte auch bereits seinen Salat verzehrt, hörte zu, und bestätigte oder bestritt, was seine Moralschüler vorbrachten. Der rotaarige Knecht, welcher die Warnung vor dem Zanken erhalten hatte, sagte: "Das ist ein rechtes Glück, Baas, dass Ihr mir gerade heute die Lehre gegeben habt, denn ich begegnete, wie ich die Pferde in die Nachtweide trieb, dem Pitter vom Bandkotten, auf den ich schon längst fuchsfalsch bin, und da habe ich ihm die Nase braun und blau geschlagen."

"Dieses ging ja aber schnurstracks gegen die Vermahnung!" rief der Hofschulze.

"Behüte Gott", versetzte der