nebenbei noch allerhand Gedanken haben können, und da fallen ihnen denn alle die schlechten Sachen ein, die hernachmals in Liederlichkeit, Lug und Trug ausbrechen. Beim Pferdefüttern denken sie, wie sie Hafer auf die Seite bringen können, und wenn die Magd die Kuh melkt, so steht ihr immer der Liebste vor Augen. Kriegt aber der Mensch so einen Spruch auf zu raten, so ruht er nicht ehender, als bis er die Moral davon heraus hat, und derweile ist die Zeit vergangen, ohne dass ihm etwas Übles in den Sinn kam."
"Ihr seid ja ein wahrer Weltweiser und Priester!" rief der Jäger, dessen Verwunderung hier mit jedem Augenblicke zunahm.
"Es lässt sich viel mit dem Menschen ausrichten, wenn man ihm die Moral beibringt", sagte der Hofschulze bedächtig. "Die Moral steckt aber in kurzen Sprüchen besser, als in langen Reden und Predigten. Meine Leute halten sich viel länger, seitdem ich auf die Moral verfallen bin. Freilich das ganze Jahr hindurch geht es mit den Sprüchen nicht; während der Bestellzeit und in der Ernte hört alles Nachdenken auf. Dann tut es aber auch nicht not, denn sie haben zu Schlechtigkeiten keine Zeit."
"Ihr macht also förmliche Abschnitte in Eurem Unterrichte?" fragte der Jäger.
"Bei Winterszeit gehen die Sprüche gemeiniglich nach dem Dreschen an und dauern bis zum Säen", versetzte der Hofschulze. "Im Sommer aber werden sie von Walpurgis bis gegen die Hundstage zugeteilt. Das sind die zeiten, wo es bei dem Bauer am wenigsten zu verrichten gibt."
Der Jäger erkundigte sich, was für ein Bewandtnis es mit dem Rotwerden des einen Mädchens gehabt habe, und erhielt darauf folgende Antwort: "Die hat etwas auf dem Gewissen, und in solchen Fällen ist es meine Manier, einen Spruch anzubringen, woraus das räudige Schaf sieht, dass ich um den Fehler weiss. Wir wollen abwarten, ob er bis heute abend gewirkt haben wird."
Er liess den jungen Mann allein, und dieser sah sich in Haus, Hof, Baumgarten und Wiesen um. Mehrere Stunden brachte er in dieser Beschauung zu, da jedes einzelne ihn anzog. Die ländliche Stille, das Wiesengrün, die Wohlhabenheit, die aus dem ganzen hof ihm entgegenstrotzte, machte den angenehmsten Eindruck auf ihn und regte in ihm den Wunsch an, lieber in so weiter Naturfreiheit, als in den engen Gassen einer kleinen Stadt die acht oder vierzehn Tage zuzubringen, welche bis zum Empfange der Nachrichten vom alten Jochem verstreichen konnten. Da er sein Herz auf der Zunge trug, so ging er auf der Stelle zu dem Hofschulzen, der im Eichenkampe ein paar Bäume zum Fällen anschlug, und sprach sein Begehr aus. Er erbot sich dagegen zu allem, worin er seinem Wirte nützlich werden könne.
Die Schönheit ist eine gar gute Mitgift. Sie ist ein Schlüssel, der wie jener kleine goldne, sieben Schlösser, von denen keins dem andern ähnlich sah, zauberisch öffnet. Ein Pass ist sie, auf den der Träger, ohne dass in den Nachtquartieren Visas genommen zu werden brauchen, frei durch alle Welt geht; in Romanen und Novellen spannt sich die Schönheit über alle Klüfte und Abgründe der Unwahrscheinlichkeit hinweg, wie die siebenfarbige brücke der Iris.
Wäre der Jäger nicht so schön gewesen, was für weitläuftige Motive hätte ich ersinnen und erspinnen müssen, um den Hofschulzen zur Gewährung des Quartiers an ihn willig zu machen! So jedoch brauche ich nur zu sagen, dass der Alte die schlanke und doch kräftige Gestalt, das ehrliche und dabei vornehmprächtige Antlitz des Jünglings eine Zeitlang betrachtete, erst zwar nachhaltig den Kopf schüttelte, dann aber freundlich werdend nickte und zuletzt ihm seine Bitte erfüllte. Er wies dem Jäger ein Eckstübchen im obern Stocke des Hauses an, von wo man nach der einen Seite über den Eichenkamp nach den Hügeln und Bergen, nach der andern über weite Wiesenflächen und Kornfelder sah.
Freilich musste der Gast anstatt des Mietzinses die Erfüllung einer sonderbaren Bedingung versprechen. Denn der Hofschulze liess auch der Schönheit nicht gern etwas ganz unentgeltlich zufliessen.
Fünftes Kapitel
Der Jäger verdingt sich zum Wildschützen, und des Abends erzählen Knechte und Mägde die Ergebnisse
ihres Nachdenkens über die moralischen Sprüche Er fragte nämlich den jungen Mann, ehe und bevor er ihm Quartier zusagte, ob er, wie sein grüner Anzug, das Gewehr und die Weidtasche zu lehren scheine, ein Liebhaber von der Jagd sei? Jener erwiderte darauf, dass, solange er denken könne, er mit leidenschaft, ja mit einer wahren Raserei gepirscht habe, wobei er denn freilich verschwieg, dass durch sein Pulver und Blei ausser einem Sperlinge, einer Krähe und einer Katze noch kein Gottesgeschöpf vom Leben zum tod gebracht worden war. Wirklich verhielt es sich so. Er konnte nicht leben, ohne nicht des Tages einige Male geknallt zu haben, schoss aber regelmässig vorbei und hatte nur in seinem achtzehnten Jahre einen Sperling, in seinem zwanzigsten eine Krähe, in seinem vierundzwanzigsten eine Katze erlegt; das war alles. Ein sonderbares Ereignis vor seiner Geburt mochte ihm die bei so wenigen Erfolgen sonst unbegreifliche Neigung, wie ein Mal, aufgedrückt haben. Wenigstens hielt er selbst dafür, dass aus dieser Signatur der Hang abzuleiten sei, über den er in besonnenen Stunden höchst verdriesslich werden konnte.
Nachdem der Hofschulze die bejahende Antwort des Gastes empfangen hatte, rückte er mit seinem Antrage hervor, welcher dahin ging, dass der Jäger täglich ein paar Stunden gegen das wild im feld