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, immer zu zielen und nimmer zu treffen!" rief der junge Mann. "Ich will mich auch wahrhaftig überwinden, so schwer es mir fallen wird, denn du weisst ja, dass es mir von meiner seligen Mutter her anklebt, allein ich will mich, wie gesagt, überwinden, und es soll kein Schrotkorn aus diesen Läufen fliegen, solange ich von dir entfernt bin".

Der Alte bat ihn um das Gewehr. Dem aber weigerte sich der junge Mann, indem er sagte, dass es ohne Gewehr ja gar keine Überwindung koste, das Schiessen zu lassen, und seine Handlungsweise dann alles Verdienst einbüsse. "Das ist auch wahr", erwiderte der Alte und ging nun getrost, ohne einen zweiten Abschied zu nehmen, da der erste noch vorhielt, seine ihm angewiesene Strasse zurück. Der junge Mann blieb stehen, setzte das Gewehr auf den Boden, stiess den Ladestock in den Lauf und sagte: "Es wird hart halten, den Schuss herauszubringen, und er darf doch nicht darin bleiben." Dann warf er es wieder über die Schulter und schritt auf den Eichenkamp des Hofschulzen zu.

dicht vor demselben von einem schmalen Raine ging eine Kette Feldhühner mit schmetterndem Flügelschlage und Geschrei auf. Jauchzend riss der junge Mann das Gewehr von der Schulter, rief: "Da werde ich ja gleich der Schüsse quitt!" schlug an, es knallte zweimal aus dem Doppelgewehre, die Vögel flogen unversehrt davon, der Jäger sah betroffen ihnen nach, sagte: "Diesmal, meinte ich, müsste ich was getroffen haben, nun will ich mich aber auch gewiss überwinden"; und setzte seinen Weg durch das Eichenwäldchen nach dem hof fort.

Als er zur tür eintrat, sah er in einem geräumigen, hohen Flure, welcher den ganzen mittleren teil des Hauses einnahm, den Hofschulzen mit Tochter, Knechten und Mägden bei dem Mittagsessen sitzen. Er bot mit seiner sonoren, wohlklingenden stimme freundlichen Gruss; der Hofschulze sah ihn achtsam, die Tochter verwundert an, was die Knechte und Mägde betrifft, so sahen ihn diese gar nicht an, sondern assen, ohne seiner zu achten, weiter. Der Jäger trat zu dem Hofwirte und erkundigte sich nach der Entfernung der nächsten Stadt und dem Wege dahin. Anfangs verstand der Schulze diese ihm fremdklingende Sprache nicht, die Tochter aber, welche kein Auge von dem schönen Jäger verwandte, half ihm den Sinn entdecken, und er gab darauf richtigen Bescheid. Diesen verstand wieder der Jäger seinerseits erst nach dreimaligem fragen, brachte aber endlich doch heraus, dass die Stadt auf dem schwer zu findenden Fusswege unter zwei starken Stunden nicht zu erreichen sei.

Die Mittagshitze, der Anblick des vor ihm stehenden reinlichen Mahls und sein eigner Hunger riefen in dem Jäger die Frage auf: ob er nicht hier für Geld und gute Worte Essen und Trinken und bis zur Abendkühle Obdach erhalten könne? –

"Für Geld nicht", versetzte der Hofschulze, "für ein gutes Wort aber Mittagsessen und Abendbrot dazu und Rast, solange es dem Herrn beliebt"; liess einen spiegelblanken zinnernen Teller, Messer, Gabel und Löffel, ebenso blank wie der Teller, aufsetzen und nötigte den Gast zum Sitzen. Dieser sprach dem kräftigen gekochten Schinken, den grossen Bohnen, den Eiern und Würsten, woraus die Mahlzeit bestand, mit allem Appetite der Jugend zu, und fand, dass die weit und breit als böotisch verschrieene Landeskost gar so übel nicht sei.

Geredet wurde von den Wirten wenig, denn der Bauer spricht während des Essens nicht gern, doch erfuhr der Jäger von dem Hofschulzen auf Befragen, dass hier herum in der ganzen Gegend kein Mensch, namens Schrimbs oder Peppel, bekannt geworden sei. Die Knechte und Mägde, welche gesondert von den Herrenplätzen am andern Ende der langen Tafel sassen, waren ganz stumm und blickten nur auf die Schüssel, aus welcher sie mit ihren Löffeln die Speise zum mund führten.

Nachdem sie aber abgegessen und sich die Mäuler gewischt hatten, trat eines nach dem andern vor den Herrn und sagte: "Baas2, meinen Spruch." – Der Hofschulze teilte hierauf jedem eine sprichwörtliche Redensart oder eine Bibelstelle mit. So sagte er zum ersten Knechte, einem rotaarigen Kerl: "Jach sein zum Hader, zündet Feuer an, und jach sein zu zanken, vergiesst Blut"; zum zweiten, einem dicken, langsamen Menschen: "Gehe hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Weise an und lerne"; zum dritten, einem kleinen schwarzäugichten verwegen blickenden Gesellen: "Besser ein Sperling in der Hand, als ein Reiher auf dem dach." – Die erste Magd empfing den Spruch: "Hast du Vieh, so warte sein, und trägt dir's Nutzen, so behalte es"; und zur zweiten sagte er: "Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen."

Nachdem jeder auf solche Weise bedacht worden war, gingen alle zu ihren arbeiten, der eine gleichgültig, der andere betroffen aussehend. Die zweite Magd war von ihrem Spruche blutrot geworden. Der Jäger, welcher allgemach den ortsüblichen Dialekt verstehen lernte, hatte diesem Unterrichte mit Erstaunen zugehört und fragte nach dessen Beendigung, was er bezwecke?

"Dass sie darüber nachdenken", sagte der Hofschulze. "Wenn sie heute abend hier wieder zusammenkommen, so sagen sie mir, was sie sich bei den Sprüchen gedacht haben. Die meiste Arbeit auf dem land ist derart, dass die Leute