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glichen einem Konglomerate zusammengeschnürter Ballen. Nicht allein, dass die Rocktaschen, mit manchem Runden, Viereckten, Länglichten befrachtet, in sonderbarer Bauschung weit vom leib abstanden, auch Brust- und Seitenbehälter, zu gleichen Zwecken verwendet, bildeten mannigfach geformte Wülste und Erhöhungen, die um so schärfer hervortraten, als der Sammler, um nichts von seinen Schätzen zu verlieren, den Rock, ungeachtet der herrschenden Sommerwärme, fest zugeknöpft trug. Selbst das Innere der Kappe hatte zur Aufbewahrung kleinerer Gegenstände dienen müssen und erhielt von diesem Inhalte ein kürbisartiges Ansehen. Er schlürfte den ihm vorgesetzten guten Wein mit sichtbarem Behagen, das ältliche, von Wandern und Hitze aufgedunsene und gerötete Antlitz gewann allmählich seine ihm natürliche Farbe und Form wieder. "Gute Geschäfte gemacht, Herr Schmitz?" fragte der Hofschulze lächelnd. "Dem Anscheine nach sollte man es glauben."

"Es geht noch", versetzte der Sammler. "In der lieben Erde steckt ein rechter Segen. Nicht allein Korn und Gewächse bringt sie immerdar hervor und wird nicht müde; auch Altertümer erntet ein aufmerksamer Forscher ihr fortwährend ab, soviel auch danach schon gescharrt und gegraben worden ist. Ich habe denn einmal wieder so mein Gängelchen durch das Land gehalten, kam dieses Mal bis an die Grenze vom Siegenschen. Nun bin ich auf dem Rückmarsch, will heute noch zur Stadt, musste aber unterweges bei Euch, Schulze, mich etwas ausruhen, denn müde ward ich freilich."

"Was bringen Sie denn mit?" fragte der Hofschulze.

Der Sammler klopfte sacht und freundlich auf alle Erhöhungen und Wülste seiner verschiedenen Taschen und sagte: "Ei nun, liebes und Gutes, allerhand Siebensachen. Eine Streitaxt, ein paar Donnerkeile, Kattenringe, prächtig mit grünem Rost überzogen, Aschenkrüglein, Tränenflaschen, drei Götzen und ein paar kostbare Lampen." Dann schlug er mit der umgewandten Hand an seinen Nacken und fuhr fort: "Und ein ganz komplett erhaltenes Stück korintischen Erzes habe ich mir hier, weil ich sonst keinen andern Platz mehr hatte, hier im rücken unter dem Rocke festgebunden. Nun, es wird sich denn wohl leidlich machen, wenn es alles erst gesäubert ist und in Reihe und Glied steht."

Die Bauern bezeugten ihre Neugier nach einigen der Sachen; der alte Schmitz erklärte sich aber unfähig, dieselbe zu befriedigen, weil die Altertümer so sorgfältig verpackt und mit so ausgeklügelter Benutzung jedes Räumchens eingesenkt seien, dass es schwerhalte, die ganze Befrachtung, wenn sie gelöset worden, wieder zustande zu bringen. Der Hofschulze sagte seinem Knechte etwas in das Ohr; dieser ging in das Haus. Inzwischen erzählte der Sammler ausführlich von dem Fundorte der verschiedenen Erwerbungen, rückte dann seinem Gastfreunde näher und sagte vertraulich: "Was aber die allerwichtigste Entdeckung dieser Reise ist; ich habe nun wahr und wahrhaftig den Ort gefunden, wo Hermann den Varus schlug."

"Ei, ei, ei", versetzte der Hofschulze und schob seine Mütze hin und her.

"Alle sind sie auf dem falschen Wege gewesen, Clostermeier, Schmid, und wie sie heissen mögen, die darüber geschrieben haben!" rief der Sammler feurig. "Immer wollten sie den Varus in der Richtung auf Aliso, wovon doch auch noch kein Mensch ausgeforscht hat, wo es eigentlich gelegengenug aber mitternachtwärtssich zurückziehen lassen, und demnach sollte die Schlacht zwischen den Quellen der Lippe und Ems, bei Detmold, Lippspringe, Paderborn und Gott weiss wo noch? vorgefallen sein –"

Der Hofschulze sagte: "Ich glaube, der Varus musste aus allen Kräften suchen, nach dem Rhein zu kommen, und das konnte er nur, wenn er ins offene Land gelangte. drei Tage soll die Bataille gedauert haben, darin lässt sich schon ein Stück marschieren, und so bin ich vielmehr der Meinung, dass die Attacke in den Bergen, die unsre Börde einschliessen, also gar nicht weit von hier vorgefallen ist."

"Falsch! Falsch, Hofschulze!" rief der Sammler. "Hier unterwärts war alles besetzt und verstopft von Cheruskern, Katten und Sikambrern. Nein, weit mehr nach Mittag ist die Schlacht gewesen, der Ruhrgegend nahe, nicht weit von Arnsberg. Varus musste sich durch das Gebirg hindurchworgen, er hatte nirgends einen Ausweg, und seine Gedanken standen auf den Mittelrhein, wohin der Weg quer durch das Sauerland geht. So dachte ich es mir immer, so, und jetzt habe ich die untrüglichsten Bestätigungszeichen entdeckt. dicht an der Ruhr fand ich das korintische Erz und kaufte die drei Götzen, und da sagte mir ein Mann aus dem dorf, dass kaum eine Stunde davon im wald zwischen den Bergen eine Stelle liege, wo Knochen in ungeheurer Anzahl zwischen dem Sand und Kies aufgeschichtet seien. Hui! rief ich, es wird Tag. Ging mit einigen Bauern hinaus, liess nachgraben, und siehe da, wir fanden Knochen, wie ich sie nur wünschte. Das ist also der Platz, wo Germanicus sechs Jahre nach der Teutoburger Schlacht die Überreste der römischen Legionen bestatten liess, als er seine letzten Züge wider Hermann machte, und folglich habe ich dort das richtige Schlachtfeld entdeckt."

"An die tausend und mehrere Jahre pflegen sich Knochen nicht zu erhalten", sagte der Schulze und bewegte zweifelmütig das Haupt.

"Sie haben sich versteinert in den Mineralien dort", sprach der Sammler zorneifrig. "Ich muss Euch nur den Glauben in die Hand geben, da ist einer, den ich mitgebracht habe."

Er