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Was die andern betrifft, so wohnen die nicht bei uns, über die habe ich keine Macht, und wenn sie so schlecht sind, ihre Pflicht und Schuldigkeit zu verleugnen, so streichen Sie die Schelme nur aus, denn mit Prozessen kriegt man nichts vom Bauer. Aber die in unserer Gemarke wohnen, gegen die werde ich Ihnen zu Ihrem Rechte helfen, dazu haben wir noch Mittel."

"Oho!" sagte einer der Bauern halblaut zu ihm; "tut Ihr doch, Schulte, als hättet Ihr immer das Strop1 im Rockärmel bei Euch. Wann soll die Heimlichkeit vor sich gehen?"

"Schweigt, Baumschulte, denn solche spöttliche Worte möchten Euch zu Schaden werden", versetzte der Alte mit Ernst.

Der Angeredete wurde betreten, schlug die Augen nieder und erwiderte kein Wort. Lisbet dankte dem Alten für die zugesagte hülfe und fragte nach den Wegen und Stegen zu den andern, die sie noch in der Schreibtafel hatte. Der Hofschulze bezeichnete ihr den Pfad zu dem nächsten hof über die Pfaffenwiese, an den drei Mühlen vorbei, durch die Hollenberge. Als sie ihren Strohhut aufgesetzt, ihren Stecken genommen, für gute Bewirtung gedankt, und sich solchergestalt zum Gehen gerüstet hatte, bat er sie, bei der Wiederkehr sich so einzurichten, dass sie die Hochzeit über und bis zum zweiten Tage nach derselben im hof bleibe, dann hoffe er ihr die Versicherung über die Zinsen oder diese sogar vielleicht selbst zugleich nach haus mitgeben zu können.

Als die schlanke und edle Gestalt des jungen Mädchens hinter den letzten Walnussbäumen des Baumgartens verschwunden war, sagte einer der Bauern: "Wenn der alte Herr Baron die früher zur Schaffnerin gehabt hätte, so wäre er nicht so heruntergekommen und hätte nicht zu besorgen, dass ihm das Haus einmal über dem kopf zusammenstürzt. – übrigens ist es unrecht, dass sie das Kind allein im land herumlaufen lassen."

"Daran sehe ich eben kein Unrecht", erwiderte der Hofschulze. "Ich habe noch nicht erlebt, dass einem ordentlichen Mädchen Schlechtigkeiten widerfahren wären. Eine reine Jungfer kann unter Räuber und Mörder gehen, unter Gesindel und Betrunkne, sie tun ihr so leicht nichts. Vorigen Herbst, als hier nebenan das Volk auf der Heide im Lager stand, hatte sich meine Tochter bei einem Gange über Feld unter einen marschierenden Trupp verloren. Ja, von niemand war sie angetastet worden; sie hatten sie, weil sie müde geworden war, ganz sauber auf einen von ihren Vorspannwagen gehoben, und so wurde sie hier am hof richtig abgesetzt. Ein Frauenzimmer, was die Mannsleute angreifen, pflegt von haus aus angreifische Ware zu sein."

Die Bauern sprachen jetzt von dem gegenstand, welcher sie zu dem Hofschulzen geführt hatte. Eine neue Strassenanlage, die mit der grossen Chaussee Verbindung stiften sollte, bedrohte sie mit dem Verluste einiger kleinen Wiesenstücke, über welche der Weg notwendig zu legen war, wenn er zustande kommen sollte. Gegen diesen Verlust suchten sie sich nun, obgleich die Anlage zum Vorteil aller umliegenden Bauerschaften gereichte, auf jede Weise zu schützen, und wie er abzuwenden sein möchte, darüber wollten sie sich bei dem Besitzer des Oberhofes Rats erholen. Wirklich zeigte sich auch der Hofschulze in dieser Angelegenheit sehr eifrig und gab ihnen die besten Mittel und Wege an die Hand, wie sie der Forderung des Staates unter dem Schutze buchstäblicher Vorschriften der gesetz entgehen, oder doch wenigstens das Nachgeben hinzögern könnten. Sie möchten nur sagen, die Stücke seien ihnen ganz notwendig, wenn sie nicht zugrundegehen sollten, möchten einen übermässigen Preis auf sie setzen, den und den angehen, welcher in der Sache abzusprechen habe und welcher, wenn sie ihn recht zu behandeln wüssten, schon ein Zeugnis ausstellen werde, dass die Strasse auch anders gelegt werden könne, und was dergleichen mehr war, welches freilich auf eine ganz andere Sinnesweise hinauszulaufen schien, als die wir schon von dem Hofschulzen in seinem Verkehre mit Menschen kennengelernt haben.

Indessen wurde aus seinem gespräche mit den Nachbarn klar, dass diese Bauern sich den Heischungen des staates zum öffentlichen Nutzen gegenüber im Zustande des Krieges glaubten, welcher bekanntlich alle Mittel, die zum Zweck führen, guteisst. "Wir werden schon unsre Frucht einfahren und zu Markte führen können, wie bisher, ohne grosse Strassen nötig zu haben, und was geht uns alles übrige an?" sagte der Hofschulze im Verlaufe der Unterredung. "Mögen sie bauen und graben, was sie wollen, sie sollen uns aber ungeschoren lassen. Wenn es nach denen ginge, so wären wir bald vom Erb von wegen des gemeinen Nutzens, wie es heissen würde", fügte er hinzu.

"Guten Tag, wie geht's?" rief eine hier wohlbekannte stimme. Ein Fusswanderer, ein Mann in anständiger Kleidung, aber von den grauen Kamaschen bis zur grünen Schirmkappe bestaubt, war durch den Torweg eingetreten und hatte sich dem Tische genähert, ohne von den Redenden anfänglich bemerkt zu werden. "Ei, Herr Schmitz, sieht man Sie auch einmal wieder?" sagte der alte Bauer sehr freundlich und liess für den Ermüdeten durch den Knecht das Beste, was sich im Keller befand, herbeiholen.

Die Bauern rückten vor dem neuen Ankömmlinge höflich zusammen. Er wurde zum Sitzen genötigt und bewerkstelligte diese seine Niederlassung mit bedachtsamer Vorsichtigkeit, um nicht, was er bei sich trug, zu zerbrechen. In der Tat war ein solches Verhalten auch notwendig, denn der Mann war bepackt wie ein Lastwagen, und die Umrisse seiner Gestalt