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das des Rosskammes und die erkaufte braune Stute hinter sich herführte. Der alte Schulze sagte, indem er die letztere zum Abschiede streichelte: "Es tut einem immer leid, wenn man eine Kreatur, die man aufzog, losschlägt, aber wer kann dawider? – Nun, halte dich brav, Bräunchen!" rief er und gab dem Tiere einen herzhaften Schlag auf die runden, glänzenden Schenkel.

Der Pferdehändler war indessen aufgestiegen und sah mit seiner langen Figur und der kurzen Schossjakke unter dem breitkrempigen lackierten hut, mit seinen erbsengelben Hosen über den dürren Lenden und den hochhinaufreichenden ledernen Kamaschen, mit seinen Pfundspornen und mit seiner Peitsche wie ein Wegelagerer aus. Er ritt, ohne Lebewohl zu sagen, fluchend und wetternd davon, die Braune am Leitzaum nachziehend. Keinen blick wandte er nach dem Gehöfte zurück, die Braune dahingegen drehte mehrere Male den Hals um und wieherte wehmütig, als wollte sie klagen, dass ihre gute Zeit nun vorüber sei. Der Hofschulze blieb, die arme in die Seite gestemmt, mit dem Knechte stehen, bis der Zug durch den Baumgarten verschwunden war. Dann sagte der Knecht: "Das Vieh grämt sich." – "Warum sollte es nicht?" erwiderte der Hofschulze, "grämen wir uns doch auch. Komm auf den Futterboden, wir wollen Hafer messen."

Zweites Kapitel

Rat und Anteil

Indem er sich mit dem Knechte dem haus zuwandte, sah er, dass der Platz unter den Linden schon wieder von neuen Gästen eingenommen war. Diese hatten aber ein sehr verschiedenartiges Ansehen. Denn es sassen da drei bis vier Bauern, seine nächsten Nachbarn, und neben ihnen sass ein bildschönes Mädchen. Dieses bildschöne Mädchen war die blonde Lisbet, welche im Oberhofe genächtiget hatte.

Ich werde mich nicht vermessen, ihre Schönheit zu beschreiben; es käme dabei doch nur auf rote Wangen und blaue Augen hinaus, und diese allerliebsten Dinge, so frisch sie sich in der Wirklichkeit halten, sind schwarz auf weiss etwas abgestanden. Es denke sich daher jeder Leser seine jetzige oder ehemalige Geliebte, und jede Leserin blicke in den Spiegel, oder erinnere sich, wie sie an ihrem Brauttage ausgesehen hat, so wird die Lisbet vor allen Leuten dastehen, wie sie leibt und lebt.

Der Hofschulze ging, ohne sich vorläufig um die langhaarigen, bekittelten Nachbarn zu kümmern, auf seinen blühenden Gast zu und sagte: "Nun? Gut geschlafen, Mamsellchen?"

"Prächtig", versetzte Lisbet.

"Was haben Sie denn am Finger? Sie tragen ihn ja verbunden?" fragte der Alte.

"Nichts", antwortete das junge Mädchen und errötete. Sie wollte eine andere Unterredung anfangen. Der Hofschulze liess sich aber nicht irren, ergriff ihre Hand, an welcher sie den Finger verbunden trug und rief: "Es ist doch nicht schlimm?"

"Nicht der Rede wert", versetzte Lisbet. "Als ich Eurer Tochter gestern abend nähen half, fuhr mir die Nadel in den Finger, und da hat er geblutet, das ist alles."

"Ei! Ei!" sagte der Hofschulze schmunzelnd, "und wie ich sehe, ist es sogar der Ringfinger; das bedeutet was Gutes. Wissen Sie wohl, dass wenn eine Jungfer einer Braut hilft am Brautlinnen nähen und verwundet sich am Ringfinger, sie noch im nämlichen Jahre auch Braut wird? Nun, ich gratulier' schönstens zum schmucken Freiersmann."

Die Bauern lachten; die blonde Lisbet liess sich nicht aus der Fassung bringen, sondern rief fröhlich: "Und wisst Ihr auch meinen Spruch, den ich von der Spröden gelernt habe? Er lautet:

Soweit der Herr die Lilien kleidet,

Und auch die jungen Raben weidet,

Geht mein Hab und Gut;

Drum, wer nach mir fragen tut,

Der soll tun nach mir fragen

Mit vier Pferden vorm Wagen!"

"Und –" fiel der Hofschulze ein

"Er soll mich fangen, wie die Maus

Und angeln, wie einen fisch,

Und schiessen, wie ein Reh –"

Ein Schuss fiel in der Nähe. "Sehen Sie, Mamsellchen, das trifft zu", rief der Alte.

"Lasst jetzt Eure losen Reden, Hofschulze", sagte das junge Mädchen. "Ich bin darum bei Euch eingekehrt, um von Euch Rat wegen der Gülten zu bekommen, und den gebt mir also nun auch ohne Scherz und Possen."

Der Hofschulze setzte sich, um zu hören und zu reden, in Positur, die Lisbet zog ein Schreibtäflein heraus und las die Namen der Bauern ab, bei welchen sie in den Tagen zuvor umhergewandert war, um die Rückstände der Zinsen für ihren Pflegevater einzutreiben. Sie erzählte dabei dem Hofschulzen, dass und unter welchen Vorwänden sie sich geweigert hätten, ihre Schuld abzustossen. Der eine wollte längst bezahlt haben, der andere hatte gesagt, er sei neu auf dem hof, der dritte wusste von gar nichts, der vierte hatte getan, als höre er nicht gut, und so fort, so dass das arme Mädchen, wie ein Vöglein, das bei Winterszeit nach Futter fliegt und kein Körnlein aufzupicken findet, von Tür zu Tür leer abgewiesen worden war. Wer aber glaubt, dass diese vergebliche Mühe sie in Kümmernis gestürzt habe, der irrt; ihr konnte nichts etwas anhaben, sie erzählte ihre beschwerlichen Wanderungen mit heitrem mund.

Der Hofschulze schrieb mehrere der ihm genannten Namen mit Kreide auf den Tisch und sagte, als sie ihre Liste geschlossen hatte: "