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und Commère etwas am Zeuge flicken; sie sagten, all ihr Geistreicheln und Interessantisieren sei doch purer Waschschaum, aber ich muss die Mère Oye verteidigen. Auf hohe Ziele hat sie es überhaupt nicht abgesehen; sie gedenkt nur ihrer Ahnmütter, die urlängst durch Schnattern das Kapitol retteten. Und da übt sie nun mittlerweile ihr Organ, um bei stimme zu sein, wenn dermaleinst das Kapitol des plattierten Liberalismus in Deutschland gefährdet werden sollte."

"Warum gingen Sie aber nicht zu Ihrem alten Lehrer?" fragte der Baron.

"Der sass in Paris dazumal und las altfranzösische Manuskripte. Ich reiste von Algier über Toulon und jene Hauptstadt, und traf ihn auf der Bibliotek. Da sah ich nun ein wahres Wunder jetziger Bücherschnellfabrikation oder Schnellbücherfabrikation. Denn es ist gewiss; Sie mögen mir es glauben, oder nicht, mit der linken Hand schlug er die Blätter des pergamentenen Folianten um, der vor ihm lag, und mit der rechten schrieb er gleichzeitig ein Buch darüber oder daraus, so dass, wenn er links in Folio fertig gelesen hatte, ihm rechts ein Oktavband abgegangen war. Dazwischen diktierte er noch ein spirituelles Billett an eine Komödiantin und unterhielt sich mit einem Arrondissementscommissair gründlich über das Pariser Grisettenwesen. Er blieb folglich nur drei Stadien hinter Cäsars Vielseitigkeit zurück Was aber der zweite Grund meines Abstechers nach Deutschland war, ich wollte mir dort wieder einen guten Bedienten mieten. Meinen bisherigen hatte ich abschaffen müssen; er wollte auch interessant sein, und hielt deshalb beständig Maulaffen feil. Als Interessanter von Distinktion glaubte ich Einspruch tun zu dürfen, aber da die Gewerbefreiheit überall herrschte, so war in der Sache nichts zu machen; jeder Lump durfte interessant sein.

Nur aus Deutschland wollte ich mir den Ersatzbedienten holen, denn jedes Land hat seine eigentümlichen Produkte, die man nirgends anders so gut bekommt. Spanien hat seine Weine, Italien den Gesang, England die Konstitution, Russland den festesten Juchten, Frankreich die Revolution, und in Deutschland geraten die Bedienten am besten."

Dreizehntes Kapitel

Der Freiherr beginnt eine historische Novelle von sechs verbundenen kurhessischen Zöpfen zu erzählen, wird aber von dem Ausbruche der Verzweiflung bei

dem Schulmeister Agesilaus unterbrochen, und

verspricht geordnetere Mitteilungen

"Da, wo die buschichten Anhöhen des Habichtwaldes gegen Abend, die Hügelketten des Reinhartwaldes gegen Mitternacht, der felsichte Sörewald gegen Mittag zu einem weiten Tale auseinandertreten, durch welches die Fulda in mannigfachen Krümmungen von Mittag nach Mitternacht ihre Fluten wälzt, gegen Morgen aber eine lachende Ebne sich auftut, über welcher in weiter Ferne der majestätische Meissner sein blaues Haupt erhebt, liegt Kassel ..."

"O ihr heiligen und gerechten Götter, wohin soll denn nun das wieder führen?" stöhnte der Schulmeister Agesilaus, den die Erzählungen des Freiherrn in einen Zustand versetzt hatten, welcher sich schwer beschreiben lässt.

" ... liegt Kassel, die Hauptstadt des Kurfürstentums Hessen. Reinliche, breite Strassen durchschneiden die obere oder Neustadt, deren Gebäude fast alle von regelmässiger Bauart sind, während die untere oder Altstadt mehr dem Schmutze und der Krümme anheimgefallen ist. Mehrere schöne öffentliche Plätze verschönern jenen schöneren teil der Stadt, unter allen jedoch ist der Friedrichsplatz der schönste, an welchem sich das prachtvolle Schloss mit seinen langen Fensterfluchten erhebt.

Es war um die Zeit, als nach der glücklichen Herstellung der alten Verhältnisse Kurfürst Wilhelm in die Hallen seiner Väter zurückgekehrt war, und unter mehreren früheren bewährten Einrichtungen auch jene Verlängerung des Haarwuchses wieder eingeführt hatte, welche man im Deutschen mit dem Namen Zopf zu belegen pflegt. Auch diese Zeit ist längst vorüber, die Kunde von ihr klingt fast wie die Mär von dem versunkenen Eilande Atlantis; der historischen Dichtung aber ziemt es, nichts in der geschichte verlorengehen zu lassen, nicht einmal den ehemaligen kurhessischen Zopf.

Es war spät abends und Kassels Bewohner schliefen schon, oder legten sich zu Bett. Auf dem schloss aber war es im Kabinett des Fürsten noch hell. Die Soirée war zwar geendigt, jedoch hielt der alte würdige Herrscher noch einige seiner Auserwählten um sich versammelt. Man hatte sich auf die gewohnte Weise von der Zwischenregierung und von dem wunderbaren Umschwunge der Dinge unterhalten. Der Kurfürst, welcher seine Gardeuniform, Klappenweste und steife Stiefeln trug, stand fest auf das spanische Rohr mit goldnem Knopfe gestützt, und sagte: 'Es bleibet dabei, Ich agnosziere nichts von dem, was Mein Verwalter Jérôme inzwischen angeordnet hat. Wer darunter leidet, mag sich an Meinen Verwalter halten, dem Wir nicht die Macht gegeben hatten, auf seinen Kopf neue Sachen einzuführen, und der mitin bei derartigen Tatandlungen Mandatum exzedieret hat. Wir wissen wohl, dass Wir dieserwegen der Zensur etlicher unruhiger Köpfe unterliegen, aber das lässt Uns völlig unangefochten in Unserem Gewissen, und Wir vertrauen hierinnen gänzlich der göttlichen Providenz, die Uns nach kurzer Überwältigung in Unsre Erbstaaten zurückgeführet, und deutsche Treue und Redlichkeit auch auf Unsrem Territorio retablieret hat. Habt Ihr das Edikt verfasset, wodurch den Domänenankäufern alle und jegliche Hoffnung, sich in ihrem unrechtfertigen Besitze zu maintenieren, entzogen wird?'

'Das liess ich meine eiligste sorge sein', versetzte der Angeredete, der Geheime Rat Vellejus Paterculus. 'Es war in der Tat hohe Zeit, dass deutsche Treue und Redlichkeit bei uns retabliert wurde.'

'Man kennet Mich noch nicht gehörig', fuhr der alte kräftige Fürst mit erhobener stimme fort. 'Ich habe schon einmal die Gassenkehrer zur Korrektion der Weichlinge und Schwelger in neumodischen französischen Kleidern die Strassen fegen lassen, und es dürfte passieren,