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beiden Männern an den Tisch, eine Magd brachte ihm auch ein Glas, er tat seinen Gästen Bescheid und fuhr dann fort: "Zu einem Pfosten, zu einer tür und Schwelle gehören nur ein Paar gesunde Augen und eine firme Faust, aber ein Schreiner braucht mehr. Ich habe mich einmal vom Hochmut verleiten lassen, und wollte, wie Ihr es nennt, einen richtigen Schrank zuwege bringen, weil mir Hobel und Meissel und Reissschiene auch bei dem Zimmerwerk durch die hände gegangen waren. Ich mass und zeichnete und schnitt die Hölzer zu, auf Fuss und Zoll hatte ich alles abgepasst; ja, als es nun an das Zusammenfügen und Leimen gehen sollte, war alles verkehrt. Die Wände standen windschief und klafften, die Klappe vorne war zu gross, und die Kasten für die Öffnungen zu klein. Ihr könnt das Gemächt noch sehen, ich habe es auf dem Sill stehen lassen, mich vor Versuchung künftig zu wahren, denn es tut dem Menschen immer gut, wenn er eine Erinnerung an seine Schwachheit vor Augen hat."

In diesem Augenblicke liess sich ein lustiges Wiehern aus dem Pferdestalle gegenüber vernehmen. Der Pferdehändler räusperte sich, spuckte aus, schlug sich Feuer an, blies dem Rezeptor eine starke Dampfwolke in das Gesicht, sah sehnsüchtig nach dem Stalle und dann gedankenvoll vor sich nieder. Hierauf spuckte er nochmals aus, nahm den lackierten Hut vom kopf, strich mit dem arme über die Stirn und sagte: "Noch immer eine schwüle Witterung." – Dann schnallte er seine lederne Geldkatze vom leib, warf sie mit Getöse auf den Tisch, dass der Inhalt klang und klirrte, lösete die Riemen und zählte zwanzig blanke Goldstücke hin, bei deren Anblicke die Augen des Rezeptors zu funkeln anfingen, und nach denen der alte Hofschulze gar nicht hinsah. "Hier ist das Geld!" rief der Pferdehändler, die Faust geballt auf den Tisch stemmend, "krieg' ich die braune Stute dafür? Sie ist, weiss Gott, nicht einen heller mehr wert."

"Dann behaltet Euer Geld, damit Ihr nicht zu Schaden kommt", versetzte der Hofschulze kaltblütig. "Sechsundzwanzig, wie ich gesagt habe, und keinen Stüber darunter. Ihr kennt mich nun die Jahre her, Herr Marx, und solltet daher wissen, dass das Dringen und Feilschen bei mir nicht verschlägt, weil ich nie von meiner Sprache abgehe. Ich begehre, was mir eine Sache wert ist und tue niemalen vorschlagen, und so könnte ein Posaunenengel vom Himmel dahergefahren kommen, er kriegte die Braune nicht unter sechsundzwanzig."

"Aber Gott's Sackerlot", schrie der Pferdehändler erbost, "aus Fordern und Bieten besteht doch der Handel, und meinen eignen Bruder überfrage ich, und wenn kein Vorschlagen mehr in der Welt ist, so hört alles Geschäft auf!"

"Im Gegenteil", erwiderte der Hofschulze, "das Geschäft kostet dann weit weniger Zeit und ist schon um deshalb profitlicher, aber auch ausserdem haben beide Teile von einem Handel ohne Vorschlagen vielen Nutzen. Ich habe es immer erlebt, dass, wenn vorgeschlagen wird, sich die natur erhitzt, und zuletzt niemand mehr recht weiss, was er redet oder tut. Da lässt denn der Verkäufer, um nur dem Gehader ein Ende zu machen, die Ware oft unter dem Preise, den er im stillen bei sich festsetzte, und der Käufer seinerseits in der Begierde und Brunst des Bietens vertut sich ebenso oftmals. Ist aber gar keine Rede von Ablassen, dann bleiben beide schön ruhig, und wahren sich vor Schaden."

"Da Ihr so vernünftig redet, so werdet Ihr meinen Antrag jetzt besser erwogen haben", hob der Rezeptor an. "Wie gesagt, die Regierung will alle Korngefälle der Höfe in hiesiger Gegend in Geld umwandeln. Sie hat allein den Schaden davon, denn Korn bleibt Korn, aber Geld ist heute so viel und morgen so viel wert, indessen ist es nun einmal ihr Wille, um der Last des Aufspeicherns quitt zu werden. Ihr tut mir also den Gefallen, und unterschreibt diese neue, auf Geld lautende Urkunde, die ich da zu diesem Behufe schon mitgebracht habe."

"Durchaus nicht", antwortete der Hofschulze eifrig. "Es ist ein alter Glaube hierzulande, dass wer seinem hof eine Last auflegt, dafür zur Strafe nach seinem tod auf dem hof umgehen muss. Ich weiss nicht, wie es damit beschaffen ist, aber das weiss ich: Vom Oberhofe sind seit vielen hundert Jahren nur Körner an die Gotteszelle gegeben worden, und damit wolle sich also das Rentamt begnügen, wie das Stift sich damit begnügt hat. Wächst Geld auf meinem Acker? Nein. Korn wächst darauf. Woher wollen sie also das Geld nehmen?"

"Ihr sollt ja nicht übervorteilt werden!" rief der Rezeptor.

"Es muss alles beim alten bleiben", sagte der Hofschulze feierlich. "Das war noch eine gute Zeit, als die Tafeln mit den Verzeichnissen der Lasten und Abgaben der Bauerschaft in der Kirche hingen. Dazumalen stand alles fest, und kein Gezänk hat sich nimmer darüber begeben, wie neuerdings nur gar zu oft. Hernacher hiess es, die Tafeln mit den Hühnern und Eiern und Maltern und Sümmern schadeten der Andacht, und sie wurden hinweggetan. Im Gegenteil, sie hatten immer zu Predigt und Gesang gehört, wie Amen und Segen; ich für mein teil, wenn ich sie ansah, besonders beim dritten Teile oder der Nutzanwendung, hatte