Ich hob sie höflich auf, führte sie zum Sofa und sagte: 'Durchlaucht, es geht nicht. Ich habe einmal Unglück in der Liebe und wer weiss, was durch Sie bei mir in Konfusion gebracht würde. Sie dauern mich, liebe Durchlaucht, aber jeder Mensch ist sich selbst der Nächste.'
Den höchsten Abscheu empfinde ich vor meiner ehemaligen sechsten oder Hauptgeliebten. Ich habe mir tausendmal gesagt: Sie konnte ja nichts dafür, dass sie keine reiche Erbin war, aber – die natur lässt sich nicht zwingen. Immer und immer durch Grünspan an die Enttäuschung über seine schönsten Hoffnungen erinnert zu werden, ist am Ende auch keine Kleinigkeit! Der Mensch bleibt Mensch. Ich glaube, dass, wenn ich die Hauptgeliebte wiedersähe, ich mich nicht würde fassen können, ich, der ich doch sonst so ziemlich mich zu beherrschen weiss."
Siebenzehntes Kapitel
Die drei Schlossbewohner erteilen dem Freiherrn von Münchhausen vernünftigen Rat; er aber bleibt auch
für den Bedienten Karl Buttervogel teilweise ein
Rätsel
Nachdem Münchhausen seine Erzählung vollendet hatte, fragte er den Schulmeister, warum der alte Baron fortgegangen sei, und noch immer nicht wiederkomme?
"Herr von Münchhausen", versetzte Agesilaus, "Sie haben zwar auf eine eben nicht freundliche Weise in Ihrer Liebesgeschichte meiner teuersten Überzeugungen gespottet, indessen ist meine Sinnesart nicht so beschaffen, andern etwas nachzutragen, und ich kann ganz gerne Unrecht leiden, ohne mich dafür zu rächen. Ich will Ihnen, trotz Ihrer satirischen Anspielungen auf mich, in betreff unsres alten Herrn einen wohlgemeinten Rat erteilen."
"Welche satirische Anspielungen auf Sie, Herr Schulmeister?"
"Sie beliebten zu sagen, dass Sie jenem Frauenzimmer eine fürstliche Abstammung vorgelogen hätten. Ich aber erlaube mir, Ihnen zu versichern, dass, wenn ich eine ähnliche Abstammung von mir aussage, damit keinesweges Lügen vorbringe, welche ich überhaupt herzlich verabscheue."
"Ich beteure, Herr Schulmeister, dass meine Seele nicht an Sie gedacht hat. grosser Gott, kann denn ein Erzähler nicht einmal in dieser Einöde den Deutungen entgehen?"
"Wohl, diese Angelegenheit bleibe, wie manches andere, vorderhand auf sich beruhen", sagte der Schulmeister. "Der Rat, den ich Ihnen erteilen wollte, ist folgender. Unser alter Herr hat sich die Rückkehr früherer Verhältnisse, und die Hoffnung auf das Amt, welches er sein angebornes nennt, steif und fest in den Kopf gesetzt. In dieser Beziehung ist er toll, und schon lange quält mich die Besorgnis, dass aus der Geheimeratsidee, wenn wir sie nicht so sehr schonten, einmal plötzlich der völlig ausgewachsene Wahnsinn hervorspringen wird. Sie aber rühren unvorsichtig – verzeihen Sie meine Freimütigkeit, Herr von Münchhausen – nur zu oft daran, wie es denn heute abend auch noch geschehen ist. Und es wäre doch schlimm, wenn der sonst so vortreffliche und geistesgesunde Mann mutwilligerweise von uns andern Vernünftigen um seine Besinnung gebracht würde.
Die menschliche Seele hat, wie der Körper, nur ein bestimmtes Mass von Kräften des Wachstums", fuhr der Schulmeister fort. "Ward dieses erschöpft, so bleibt der Mensch geistig stehen, wie er nach dem zwanzigsten Jahre nicht mehr leiblich wächst. Deshalb begreift das Alter die Jugend nicht, und ungewöhnliche Ereignisse finden darum immer nur bei denen Anklang, die noch im geistigen Wachstum stehen. Kann sich nun der Mensch mit allen seinen Seelenkräften vollständig in die von der natur ihm bestimmte Länge und Breite legen, so wird er nicht verrückt, sondern er bleibt an einem Ziele stehen, andernfalls aber geht es ihm wie einem, der in der Entwickelungszeit eine starke Hemmung erleiden muss; der Überschuss von Kräften schlägt ihm als Krankheit nach innen und er bekommt einen Stich. Unser alter Herr war durchaus bestimmt, Geheimer Rat auf der Adelsbank zu werden, da wäre er stehen, oder vielmehr sitzen geblieben, und als völlig vernünftiger Mann zu seinen Vätern versammelt worden. Weil er aber bis dahin nicht vordringen konnte, so setzte sich ihm der Geheime Rat gewissermassen als Knoten in die Seele, der, nicht gereizt, vielleicht ein ruhiges Lebensende herankommen lässt, gerieben und entzündet aber, einen unheilbaren Brand auch über die noch gesunden Teile des Geistes verbreiten möchte."
Der Freiherr wunderte sich über die Weisheit des Schulmeisters und gelobte, seinem Rate Folge zu leisten. Darauf zündete Agesilaus seine Handlaterne an und ging nach dem Gebirge Taygetus, überzeugt, ein gutes Werk getan zu haben.
Münchhausen suchte den alten Baron auf und fand ihn draussen im Mondschein hinter dem schloss wandeln. Er wollte ihn um Entschuldigung bitten, der andere fiel ihm aber in die Rede und sagte: "Lasst doch die Narrenpossen; ich habe Euch den Hieb lange vergeben, da ich weiss, dass Ihr mich nicht absichtlich beleidigen wolltet. Zudem könnt ihr andern auch gar nicht fassen, was es bedeutet, durch die Geburt zu einer Ehre, oder einem Vorzuge, oder einem amt, wie der Geheimeratsposten ist, bestimmt zu sein. Ihr redet also über solche Sachen, wie der Blinde von der Farbe, und man muss euch euer Geschwätz darüber nicht so übelnehmen. Nein, ich blieb nur hier draussen, weil ich, aufrichtig gesagt, an Liebessachen keinen sonderlichen Anteil nehme und dachte, Ihr würdet wohl so gütig sein, mir einmal unter vier Augen ohne Umschweif das Ergrünen zu erklären. Überhaupt wünschte ich, bester Münchhausen, meiner Tochter wegen, Ihr sprächet von Romanenangelegenheiten wenig oder gar nicht mehr.
Meine Tochter hat in diesem Punkte einen Sparren"