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Schicksal? Warum berührtest du die Stelle, wo ich sterblich war, da du doch meine inneren metallischen Bezüge kanntest?

Es kam der Tag

o lasst von ihm

Sich Höllengeister nächtlich unterreden!

es kam der Tag, an welchem unheimliche Gestalten in mein Leben traten, bedrohliche Gewalten mich umspannen mit geisterhaftem Netz und die grause Trennung befahlen. In den Schaudern jenes Augenblicks sagte sie mir unter andern Kleinigkeiten, zu denen unser Verhältnis geführt hatte, das entsetzliche Wort: mit der reichen Erbschaft werde es kläglich genug ausfallen, denn sie habe erfahren, dass ihr Vater arm, wie eine Kirchenmaus sei. – Das traf! Ich fühlte meine Säfte gerinnen, ich fühlte, dass sie sich nach neuen chemischen Gesetzen mischten und entmischten. Meine Gebeine schlotterten, und obschon ich bald meine äussere Fassung wiedergewann, so merkte ich doch, dass über meine Wangen ein fremdes Etwas lief, als ich erröten wollte. Die Elemente in mir waren in Aufruhr, und aus diesem Chaos haben sich denn ganz neue Humoralgruppen in mir gestaltet.

Seit jenem Tage sah ich immer bleich aus, und wenn mir nachmals Zorn, Schreck, Freude, Scham das Blut in das Gesicht trieb, so lief ich grün an. Dieses Ergrünen kam daher, dass ich durch die furchtbare Entdeckung meiner sechsten oder Hauptgeliebten alle Verwandtschaft mit edlen Metallen einbüsste, und dass daher eines der unedlen, nämlich cuprum oder Kupfer, mir in das Blut trat. Kupfer steckt in jedem menschlichen Körper nach den neuesten Untersuchungen; bei meiner Entstehung aber war etwas zuviel davon verwendet worden, und der Überschuss ging mir ins Blut. Wenn ich mir zur Ader lasse, kriegt der Cruor eine ganz grüne Haut. Alle mögliche Mittel habe ich gebraucht, um die Sache wieder in das Geschick zu bringen, jedoch vergebens. Es ist immer angenehmer, rot zu werden, als grün. Ich bin durch die Kuprosität meines Blutes in so manchen unschuldigen Freuden gehemmt. So darf ich nichts Saures geniessen, keine Gabelspitze Salat, denn, habe ich mich einmal in dieser Beziehung vergessen, gleich schlägt der Grünspan mir an allen Gliedern aus, wie das Manna an der Äbtissin Agnes von Monte Pulciano. Es ist sehr lästig. Berzelius in Stockholm, der mich vielfach analysiert hat, warnte mich vor Zinn- und Zinkgruben, weil Zinn und Kupfer Glockenspeise, Zink aber damit vermischt, Tombach gibt, und die Ausdünstungen in jenen Gruben mir leicht eine abermalige metallische Komposition zuziehen könnten. Sie ermessen, wie unangenehm mir bei meiner Wissbegierde und Reiselust solche Beschränkungen vorkommen mussten, und noch dazu, da ich gerade den Rammelsberg bei Goslar, wo sie auf Zink bauen, besuchen, und von da nach den Zinnbergwerken von Cornwall reisen wollte. Ich schlug nachher die Warnung in den Wind und befuhr dennoch die Zinkgrube am Rammelsberge bei Goslar. Es waren böse Wetter darin, mir wurde heiss und schwül. Als ich mit meinem Steiger wieder an das Tageslicht gekommen war, sah er mich verwundert an, und sagte; 'Mein Herr, Sie müssen an Mennige gekommen sein, denn Sie sind orangegelb im Gesicht geworden.' Er wollte mich abwischen; mir aber fiel die Warnung ein, ich liess mir einen kleinen Handspiegel reichen, und siehe da! ich war wirklich im Antlitz hochgelb, wie eine reife Pomeranze. Mein Blut war in der Zinkgrube tombachen geworden. Ich schämte mich vor dem Steiger, sagte ihm, ich wisse nicht, was es sei, aber abwischen helfe nichts. Recht beschämt ging ich von dem Grubenhäuschen fort, aus dem mir der Steiger mit allen alten und jungen Burschen, Zimmerhäuern und Pochjungen, die gerade zu Tage waren, verwundert und lächelnd nachsah.

Das bisschen Zink wurde ich zwar glücklicherweise wieder los durch eine Schmelzkur, aber die Reise nach Cornwall musste ich zu meinem grössten Leidwesen aufgeben. Was wäre daraus geworden, wenn mich die Zinndämpfe noch gar in Glockenspeise umgesetzt, und wenn ich angefangen hätte, ohne Privilegium zu läuten?

Solche metallische Naturspiele im Menschen bleiben also immer höchst verdriesslich. Kupfer im Blute ist so schlimm, als Kupfergeld in der tasche. Nicht leicht ward ein Sterblicher gleich mir in der Liebe gezüchtigt. Ich habe aber auch durch dieses Schicksal einen solchen Widerwillen gegen die leidenschaft bekommen, dass ich mich nachher nie wieder dazu verstehen wollte, obgleich ich Gräfinnen, Fürstinnen und Prinzessinnen die Hülle und die Fülle haben konnte. vornehme Damen haben häufig den seltsamsten Geschmack in der Liebe. Daher mochte es rühren, dass die ganze vornehme weibliche Welt hinter mir her war, wo ich erschien. Sie wandten den schönsten Adonissen in Dolman, Ulanencollet und Legationsfrack den rücken, wenn ich, der schlichte Partikulier, der unscheinbare Privatgelehrte, dahertrat mit dem pentelischen Marmorkolorit und grün anlief. Was für Erklärungen habe ich anhören, was für Winke überhören müssen, welches Unheil habe ich gestiftet! In Dünkelblasenheim machte ich grüne Schminke Mode, weil die regierende Herzogin gesagt hatte, in mir sei der ewiggrüne Gott der Jugend erschienen, und die ganze höhere Welt die Andeutung verstand. Sie waren eben einmal wieder ganz aschgrau geworden in Dünkelblasenheim; nun strichen sie sich grün an und meinten, sie hätten die Jugend damit. – An einem andern Orte fiel mir die Prinzessin von Mezzo Cammino da Napoli di Romania zu Füssen und bat mich um Gottes willen, ihr nur wenigstens eine Exspektanz auf mein Herz zu geben. Sie tat mir in der Seele wehsie war eine schöne personaber gebrannte Kinder scheuen das Feuer!