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geben ist seliger als Nehmen; ich gönne Ihr die Seligkeit, und bin mit dem Geringeren, mit dem Gelde zufrieden.' Was hatte ich davon? Meine fünfte Probegeliebte, die Jette, ein durchtriebener Vogel, hat mir die ganze Summe wieder gemaust, als wir unter Schwüren der Zärtlichkeit schieden. Nun, Hingebung muss auch sein; ich habe es ihr nicht nachgetragen."

Münchhausen machte eine Pause, um sich zu erholen. Das fräulein war wieder eingetreten. Nach einigem Schweigen, währenddessen er einen blick, in dem die ganze Schwärmerei der Jugend leuchtete, zum Himmel emporgeschickt hatte, fuhr er also fort:

"O, was ist die gewöhnliche, unbewusste, roh-zutäppische Liebe gegen die bewusste Liebe, gegen die Liebe, die nach Prinzipien liebt? Jahre waren verflossen, die Küche lag weit hinter mir. Das Spiel des Lebens sah mich heiter an vom grünen Tisch, wenn stark pointiert wurde, und die Kugel für die Bank sprang. Münchhausen war ein Mann geworden, ein Mann im vollen Sinne des Worts. Dennoch trafen auch ihn die Zweideutigkeiten des Glücks. Ich hatte eine kleine Verdriesslichkeit gehabt, die mich zwang, inkognito zu leben, weit, weit von hier.

Nun muss ich Sie, meine Freunde, mit einer Eigenschaft bekanntmachen, die mit den Geheimnissen meiner Erzeugung zusammenhängt. Je reifer ich wurde, desto mehr entwickelten sich in mir gewisse mineralische, oder genauer zu reden, metallische Bezüge, so dass ich von Geld nicht reden hören konnte, ohne in ein Zittern der Ekstase zu geraten. Da sah ich in meinem Inkognito, welches so streng war, dass ich nur verstohlen ausgehen durfte, die, welche alle sechs Bestandteile der Liebe zu einem grossen Ganzen in mir kombinierte. Sie war nicht schön, sie hatte wenig Verstand und keine Eigenschaften, dennoch – – aber mein gnädiges fräulein, mich dünkt, Sie werden schon wieder draussen gerufen."

Emerentia stand abermals auf, warf von neuem einen dankenden blick auf den Erzähler, und sagte: "Münchhausen, ich habe Sie immer verehrt, aber von heute bete ich Sie an." Darauf ging sie wieder hinaus.

"Zum Geier!" rief der alte Baron, "warum schickt Ihr denn heute meine Tochter immer fort?"

"Ihr Zartgefühl zu schonen", versetzte der Freiherr. "O könnten wir so alle Frauen zur Literatur hinausschicken, die getauften und die ägyptischen Marquisen, dann sollten Sie einmal sehen, wie bald alles kräftig wieder in Witz, Laune und Ironie aufblühen würde!

Meine Geliebte war also nicht schön, nicht klug, nicht angenehm, aber sie sagte mir, dass sie eine ausserordentlich reiche Erbin sei. Und sowie dieses Wort erklungen war, regten sich in mir die metallischen Bezüge, und, Sie mögen es glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr; es tat in mir einen Ruck, dass mir die Rippen krachten, wie dem Filippo Neri, als ihm das Herz schwoll, und auf einen Schuss, wie sechs Rosen von Damaskus an einem Stengel, brachen in mir auf

1. die Sinnlichkeit |

2. der Geist |

3. die Empfindung |

4. die Phantasie ' in der Liebe.

5. die Selbstsucht |

6. die Hingebung |

Mich soll der Teufel holendenn ich werde allemal lyrisch, wenn die selige Rückerinnerung an diese Tage über mich kommthabe ich meine angebliche reiche Erbin nicht geliebt, wie noch nie eine Frauensperson geliebt worden ist! Ich war sinnlich, aber nie ohne Empfindung, denn ich weinte immerfort, so dass ich mir eine Tränenfistel zuzog. Geist spendierte ich, dass es nur so eine Art hatte; wie oft rief ich: 'Arm in Arm mit dir fühle ich eine Armee in meiner Faust! Ich habe Heroenmut, den alten Sauerteig des Jahrhunderts wegzufegen, und die Käuzlein aus den Höhlen zu treiben, worin sie noch immer blinzelnd über ihren verlegnen faulen Eiern brüten, denen nie eine lebendige Wirklichkeit entkriechen wird!'"

"Münchhausen!" fuhr der Schlossherr auf; "die geschichte nimmt eine unangenehme Wendung. Das Alte ist gut, und man muss wohlerworbene Rechte achten." Auch er ging hinaus.

"Meine geschichte muss zu Ende, und da niemand sonst mehr hier ist, so will ich sie Ihnen auserzählen, Herr Schulmeister", sagte der Gast des Schlosses Schnick-Schnack-Schnurr. "Hingebung und Selbstsucht fluteten wie zwei Ströme durch unser Verhältnis. Ich gab ihr mein Herz, mehr wert, als eine Million, und bekam von ihr manchen Louisdor. Schöne, freundliche Taille des Lebens, in welcher beide einsetzten, gewinnend zu verlieren! Dass die Phantasie nicht leer ausginge, ersann ich ein freundlich Märchen, ich stamme von Fürstenblut ab, sagte ich ihr, sagte es ihr so oft, dass ich es endlich selbst glaubte."

Der Schulmeister warf das Haupt in den Nacken, als habe er einen Schlag vor die Stirne bekommen. Seine Lippen krempelten sich zu einer Art von Wulst zusammen; er sah sehr verdriesslich aus.

Münchhausen aber achtete in seinem Feuer dieses Umstandes nicht. "Herrlicher Traum! warum musste ich aus dir erwachen?" rief er. "Ich hätte ja alles gern dulden wollen, das Erkalten der Geliebten, die Entdeckung, dass sie schon andre vor mir geliebt, und was sonst noch Widerwärtiges an und von ihr? Warum aber musstest du mich so hart prüfen,