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befand sich leider auch im ehernen Zeitalter, obgleich sie aus Jung-Deutschland stammte. Es war ein sonderbares echt weibliches Wesen, dieser Seraph Seraphine! Ich schlug aber mit ihr, oder mit einer Klappe zwei Fliegen, kriegte nämlich bei ihr zugleich den Geist und die Empfindung in der Liebe weg, hatte sonach grossen Profit von ihr, denn ich sparte durch sie ein Semester. Unser Bündnis kam folgendermassen zustande. Ich spickte just einen Hasen auf der einen Seite, und sie tat es auf der andern Seite. Da sah sie verschämt auf, warf mir einen seelenvollen blick zu, dass sich mir das Herz im leib umdrehte, und fragte: 'Will Er mich, mit Erlaubnis zu sagen, lieben, Musje?' Ich versetzte: 'Ja, wenn Sie so befehlen, Jungfer Seraphine.' Darauf gaben wir uns über dem Hasen einen Schmatz und spickten den Hasen, trunken von Entzücken, fertig. Wie ich sie beschrieben, so war die Form der Bundschliessung in der Prälatenküche. Die Köchin musste observanzmässig anfangen, der Küchenjunge durfte es beileibe nicht, er hätte, wenn er sich unterstanden, zuerst den Liebesantrag zu machen, von der Geliebten die schönsten Ohrfeigen gekriegt.

Die Seraphine war auf zwei Tage mit ihren Gaben eingerichtet. Den einen Tag war sie nämlich voll Geist, und den andern voll Empfindung und so immer regelmässig einen um den andern Tag abwechselnd. Ich bekam also von ihr den Geist und die Empfindung in der Liebe. Damit war es aber folgendermassen bestellt. Sie liebte eine Herzstärkung in der Stille zu nehmen, konnte jedoch nicht viel vertragen und wurde leicht duselig. In diesem Zustande hatte sie Geist, das heisst, sie sprach Zeug, was kein Mensch verstand. Den andern Tag hatte sie den Katzenjammer, da war sie voll Empfindung. Ich machte ihr nun alles dieses nach, um das Verhältnis im Schwunge zu erhalten. Aber unglücklicherweise war es gleich in der Anlage versehen worden. Ich hatte nämlich an dem Tage, wo sie den Katzenjammer ausstand, der Flasche zugesprochen, und war geistvoll geworden. Den folgenden Tag, wo sie wieder Geist bekam, befand ich mich im Katzenjammer und in der Empfindung, und so ging nun das Verfehlen immer fort, wir passten nie aufeinander, mein Katzenjammer traf auf ihren Geist, und mein Geist auf ihre Empfindung. Daraus entstanden natürlich heftige Zänkereien, unter denen die Küchenangelegenheiten litten, so dass auch der Prälat sich genötigt sah, sie noch vor Ablauf ihres Semesters fortzuschicken. Es war ein Glück. Ich bin nie der stärkste gewesen, und kann wohl sagen, dass ich auf dieser Liebesstation jämmerlich heruntergekommen war.

Die folgende Köchin hiess 'das Kind', weil sie sich selbst so nannte. Warum? weiss ich nicht, denn ich glaube schwerlich, dass sie zu denen gehörte, von denen gesagt worden ist: So ihr nicht werdet, wie diese usw. Die konnte einem was zu raten aufgeben. Zuweilen war sie stundenlang verschwunden, und wenn wir sie suchen gingen, fanden wir sie auf dem dach sitzen, oder sie kam auch wohl schäkernd auf einem Besen den Rauchfang herabgefahren. Es kann kein Menschenwitz erfinden, was für Zeug das Kind zusammenzuflunkern verstand. Ihr Hauptkunststück aber warAch, gnädiges fräulein, wenn ich nicht irre, wurden Sie draussen gerufen."

Das fräulein verstand diesen zarten Wink und ging hinaus, mit dem dankbarsten Blicke auf Münchhausen. Er fuhr fort: "Das Kind konnte nämlich radschlagen, oder Purzelbäume schiessen, ohne die Schamhaftigkeit zu verletzen. Wie sie es möglich gemacht, weiss ich nicht, aber die Sache ist richtig; sie kehrte ihr Unterstes zuoberst, und alle Kenner und Stimmführer, die zusahen, versicherten einstimmig, sie habe die weibliche Schamhaftigkeit dadurch nicht verletzt, vielmehr seien ihre Purzelbäume eine wahre Bereicherung der höheren Gemütswelt.

Bei ihr studierte ich die Phantasie der Liebe. Unsre Liebe war nämlich pure, klare Phantasie, wir konnten einander leiden wie Hund und Katze; aber die hochtrabendsten Sachen schrieb sie darüber, wahre Hymnen; und hinterher wusste sie mir doch immer so einen recht tüchtigen Kniff abzugeben, dass ich hätte aufschreien mögen. Die gemeine Sage bleibt wahr, die von den *s, wozu sie gehörte, behauptet, diese fingen in der Schalkheit da an, wo andere Schälke aufhörten. Es ist ein Buch über das Kind verfasst worden, worin es das personifizierte Mittelalter genannt wird. Nun, es hatte denn freilich auch schon ein mittleres Alter erreicht, und die Schönheit drückte es ebenfalls nicht sonderlich mehr, als es sich auf kindische Weise der Phantasie in der Liebe ergab. Ich war recht vergnügt, als ich des Kindes quitt war, denn Sie glauben nicht, wie sehr solche Einzelstudien der Liebe angreifen.

Die folgenden beiden Köchinnen, Jule und Jette, waren die besten von allen, sie waren reine Köchinnen, ohne Geist, Empfindung, Phantasie. Bei diesen lernte ich die Selbstsucht und die Hingebung der Liebe. Nämlich Julen, die den Herrn betrog, wo sie konnte, übrigens aber das rechtschaffenste, guterzigste Ding von der Welt war, nahm ich alle ihre Schwänzelpfennige, die sie sich bei den Markteinkäufen machte, ab. Sie schnellte bloss für mich; wahrhaftig, so tat sie. Ich aber brauchte Geld, ich wollte mir gern einen neuen Rock kaufen und Rumohrs 'Geist der Kochkunst', um mich in meinem Fache auszubilden. Ich sagte immer zu ihr: 'Gebe Sie nur her, Geliebte;