die Hand. "Ich brauche also von diesem gegenstand nicht weiter zu reden, und wende mich gleich zu der Erklärung des Grünwerdens, um –" "Ja, dabei verlieren wir aber!" riefen der alte Baron und der Schulmeister wie aus einem mund; "denn wir haben Sie durchaus nicht verstanden." Münchhausen räusperte sich, antwortete und sprach: "Römische I. 0,208 Glyzerin + 0,558 wasser + 1,010
Kohlensäure bei 110° getrocknet =
Blau.
Römische II. 0,035 kohlensaures Natron + 0,312
Chlorwasserstoffsäure + 0,695 Glyzerin
bei 108° getrocknet = Blau, zum Nach
dunkeln geneigt.
Verstanden?" "Ja, das lässt sich eher hören!" riefen der Baron und der Schulmeister. "Dabei kann man doch etwas denken." "Nun also genug von dem blauen und braunen Auge", sagte Münchhausen. "Was mein Grünwerden betrifft, wenn andere Leute erröten, so habe ich das von einem furchtbar-tragischen Schicksale in der Liebe wegbekommen. Wenn es Sie nicht ermüdet, so will ich Ihnen einen kurzen Abriss meiner Liebesschicksale liefern."
"Münchhausen, Sie in der Liebe, es muss etwas Grosses gewesen sein!" rief das fräulein mit leuchtenden Augen.
"Ja, mein fräulein, es war ein ausserordentliches Schauspiel", erwiderte Münchhausen. "Und besonders deshalb war es ausserordentlich, weil ich die Liebe nicht so auf das Geratewohl, wie andere junge Leute, sondern nach einem gewissen Plane trieb. Ich bin, solange ich denken kann, immer klares Bewusstsein gewesen; alle Seelenkräfte lagen gesondert in mir, wie die Spezies in den Büchsen einer Apoteke, ich habe Tage erlebt, an welchen ich zugleich mit dem verstand Schlussfolgerungen machte, mir von der Phantasie goldene Luftschlösser vormalen liess, und in unbestimmten Gefühlen schwelgte. So gelang es mir denn auch, den mächtigsten Affekt, der den Menschen sonst überfällt, wie ein Feuer bei Nacht, aus seinen Bestandteilen in mir aufzuerbauen, und mich auf die eigentliche Hauptleidenschaft meines Lebens förmlich vorzubereiten. Ich war in die Entwickelungsjahre getreten, und hatte mir klar gemacht, dass die Liebe aus Sinnlichkeit, Geist, Empfindung und Phantasie, Selbstsucht und Hingebung bestehe. Also sechs Elemente, die ich nach und nach in mir durchzuarbeiten versuchen musste.
Ich hielt mich damals, in diesem Teile meiner wunderlich umhergeworfenen Jugend im Palaste eines fränkischen Prälaten auf, der bei der gewaltsamen Umkehrung der dortigen Verhältnisse die Prälatur verloren, die Einkünfte derselben jedoch zum grösseren Teile behalten hatte, und daher noch immer seine Tage in Wohlleben hinbringen konnte. Hauptsächlich hielt der alte Herr auf eine leckere Tafel, und diesen Genuss ihm vorbereiten zu helfen war auch ich bestimmt. Ich entzündete das Feuer des Herdes, ich nahm die herkömmlichen Abwaschungen der dem Dienste geweihten Gefässe vor, ich setzte die Maschine in gang, mit welcher der Spiess zusammenhing, des Bratens Halter; kurz, denn wozu Umschreibungen? ich war Küchenjunge bei dem Prälaten, aber ich war ein denkender Küchenjunge.
Der Prälat ging von dem Grundsatze aus, dass eine jede Köchin nur die sechs ersten Monate ihres Dienstes hindurch gut koche, nachher aber sich zu vernachlässigen pflege. Er schaffte daher auch alle Semester eine neue Kochmagd an, und ich erkannte bald, dass, wenn ich bei ihm nur drei Jahre lang aushielte, ich alle sechs Elementarstudien der Liebe mit den Köchinnen der sechs Semester werde durchmachen können. Denn es war in dieser Küche hergebracht, dass die Köchin den Küchenjungen lieben musste. Die Sache hatte also keine Schwierigkeit.
Das erste Vorstudium musste, wie sich von selbst versteht, die Sinnlichkeit sein."
Das fräulein wollte sich erheben. Münchhausen hielt sie zurück und sagte: "Fürchten Sie auch jetzt nichts, meine Verehrte, von der Sinnlichkeit, ich habe von diesem Zeitabschnitte nur zu berichten, was selbst in einer Mädchenpension mit angehört werden könnte. Es diente damals in der Küche die alte Wally; wie man sagte, eine natürliche Tochter von Lucinde Schlegel. Sie hiess bei dem Gesinde die Zweiflerin, weil sie in ihrer Hässlichkeit und Welkheit daran verzweifelte, noch einen Mann zu bekommen.
Wenn man sie reden hörte, so hätte man freilich glauben sollen, dass sie ein ziemlich freies Leben geführt habe, denn ihre Äusserungen klangen frech und unanständig genug. Aber der Kutscher, der auf seine Weise ein Spötter war, behauptete, er habe sie von jeher gekannt; sie sei alle ihre Lebtage über eine garstige person gewesen und schon deshalb von Sünde frei geblieben. Ihre Zoten seien nur wie die Krankheit der Hühner, wenn sie anfangen, zu krähen, ohne gleichwohl durch solche Stimmübungen jemals die rechte Hahnenhaftigkeit zu erringen.
Wir hatten bloss ein Titularverhältnis der Küchenordnung gemäss zusammen; ich glaube, dass wir uns kaum einmal die Hand gegeben haben. Dennoch lernte ich von ihr, was Sinnlichkeit sei, nämlich der gerade Gegensatz von allem, was die alte Zweiflerin von sich sehen und hören liess. nachher hat sie freilich in der Welt ausgebreitet, wir wären sehr zärtlich gewesen; ich hätte, da mein Taufname zu prosaisch geklungen, ihr Cäsar geheissen, und was dergleichen Schnurren noch mehr sind, woran kein wahres Wort ist.
Die Sinnlichkeit hatte ich also nun teoretisch kennengelernt, die Wally kam fort, und Seraphine wurde Köchin. Sie schimpfte gewaltig auf ihre Vorgängerin und sagte, in ihr erscheine das wahre echte weibliche Wesen, wovon Wally nur ein Zerrbild gewesen sei. Sie trug einen graugelben Umschlagetuch und