so lief über seine Gesichtsfläche ein grüner Farbenton. Daher hatte der alte Baron auch sehr richtig den Ausdruck: Ergrünen, gebraucht, und wir werden uns desselben ebenfalls bedienen müssen, wenn Münchhausen im Verlaufe dieser Geschichten in Affekt geraten und die Farben wechseln sollte.
Anfangs hatten die Schlossbewohner diese Phänomene mit einem geheimen Schrecken betrachtet. Bald indessen tilgten die grossen Eigenschaften des Mannes und seine hinreissenden Darstellungen den Schrecken, und es blieb nur eine starke Neugier nach, was es mit jenem Farbenspiele für eine Bewandtnis haben möge? Diese Neugier war begreiflicherweise in dem alten Baron am stärksten.
Aber sie sollte auch an diesem Abende noch nicht gestillt werden. Denn nachdem er mit seiner Tochter eine geraume Zeit auf die Rückkunft Münchhausens gewartet hatte, trat statt seiner der Bediente Karl Buttervogel in das Zimmer und sagte: "Mein Herr lässt sich entschuldigen; er kann das Buch nicht finden. Auch muss er" – setzte der Mensch geheimnisvoll und halbleise hinzu – "seine chemischen Mittel brauchen."
"Mittel? Chemische Mittel?" fragte der alte Baron besorgt. "Ist Sein Herr krank geworden?"
"Das nicht", versetzte Karl Buttervogel, "aber der Lebenspurzess kam in Abnahme und die Gassen müssen angewendet werden."
"Er will wohl sagen: Lebensprozess, und: Gase?" sprach der alte Baron nach einigem Besinnen. "Aber was soll denn das bedeuten?"
"Ich weiss nicht", erwiderte der Bediente mit einer wichtigen Miene. "Es ist noch nicht aller Tage Abend und mit meinem Herrn steht es so so. Ein gescheiter Herr, ein gelahrter Herr, aber, aber, ich lobe mir Vater und Mutter!"
Der Schlossherr drang vergebens in den Menschen, sich näher zu erklären. Das neue Geheimnis hatte indessen nicht Zeit, in den Seelen der Schlossbewohner Wurzeln zu schlagen, denn Münchhausens Reden waren gerade in den Tagen, welche diesem Abende folgten, besonders gehaltreich, so dass der alte Baron selbst die Frage nach den Ursachen des Farbenspiels im Antlitze seines Gastes eine Zeitlang vergass.
Wir werden im folgenden einige dieser Reden und Erzählungen zur Kunde der Lesewelt bringen.
Anmerkung
Hier schliessen sich die Kapitel elf bis fünfzehn an, welche der wohlwollende Buchbinder der Spannung halber vorgeheftet hat. Ich habe über die Ratschläge nachgedacht, welche mir von diesem mann heimlicherweise erteilt worden sind, werde sie befolgen, und kann dem günstigen Leser in den folgenden Büchern die allerherrlichsten und kostbarsten Dinge versprechen. Der "Münchhausen" wird ein Buch, bei dem man nicht begreift, wie Gott der Herr, ohne es gelesen zu haben, mit der Schöpfung fertig geworden ist.
Die deutsche Literatur hebt erst von meinem "Münchhausen" an. Der günstige Leser glaube diesen Verheissungen! Ich hätte mir zu denselben wohl eigentlich einen von den jungen Leuten in Hamburg, Berlin oder Leipzig mieten müssen, aber ich dachte zuletzt, eigne oder fremde Fabrik gelte gegenwärtig in diesem Artikel gleich viel, und darum ersparte ich mir den Heuerlohn und die Komplimente.
Sechzehntes Kapitel
Warum der Freiherr von Münchhausen grün anlief,
wenn er sich schämte oder in Zorn geriet
Nach so manchen interessanten Abenden fiel dem alten Baron wieder seine Frage ein, welche er vorlängst hatte tun wollen. Es war eine schöne Stunde des Vertrauens; Münchhausen hatte seit mehreren Tagen nur Dinge vorgetragen, die den Schlossherrn und seine Tochter auf das angenehmste berühren mussten; selbst der Schulmeister schien von seiner Verstimmung wieder etwas zurückgekommen zu sein.
Der Wirt rückte daher dem gast, nachdem das spärliche Abendessen, bestehend aus Salat und Eiern, verzehrt worden war, freundlich näher, und sagte: "Ihr wärt recht gefällig, lieber Münchhausen, wenn Ihr uns heute eine stichhaltende Hypotese über Eure zweifarbigen Augen und Euer Ergrünen zum besten gäbet. Unmöglich können Euch diese Naturwunder entgangen sein; nun seid Ihr aber ein Mann, der über alles nachdenkt, also habt Ihr gewiss auch darüber eine Hypotese fertig."
"Keine Hypotese habe ich darüber fertig, sondern ich weiss, wie es damit sicherlich zusammenhängt", versetzte Münchhausen und zog die Augenbraunen in die Höhe, dass das blaue und das braune Auge noch gewaltiger hervortrat, als gewöhnlich. – "Was die Zwiefarbigkeit meiner Sehorgane betrifft, so leiten sich diese aus Geheimnissen meiner Erzeugung ab – werden Sie nicht rot, meine Gnädige, ich berühre diesen Punkt nicht weiter – die leider über ganze Regionen meines Daseins einen schwarzen Schatten werfen. Wie oft habe ich den Tagelöhner beneidet, der im sauren Schweisse seines Antlitzes, bei dem harten Stücke Schwarzbrot, welches seine Kinnladen zermalmen, doch den süssen Trost nimmer entbehrt: Du bist, wie jeder andre Mensch entstanden, und fährest dahin, wo deine Väter ruhn. Aber ich ... oh! – – Doch den Schleier über diese Abgründe! Sie sind tief und schrecklich, armer Münchhausen!
Meine Freunde, ich kann Ihnen über mein blaues und braunes Auge nur folgendes sagen: Die Säfte, oder Substanzen, oder Materien, oder Spezies – – Himmel, wie soll ich es anfangen, Ihnen die Sache deutlich zu machen, ohne meinen sogenannten Vater blosszustellen? – –
Oder die Ingredienzien, oder die Simpla – –
Meine Teuren, kennen Sie Mischungen?"
"Lieber Meister, mühen Sie sich nicht ferner ab", sagte das fräulein weich und herzlich; "ich verstehe Sie ganz."
"O Gott, welches Glück, einander immer ohne Wort zu verstehen!" rief Münchhausen und küsste dem fräulein, wie gewöhnlich,