, dass die beiden einander zugekehrten Buchdeckel aufeinander zuschlagen, wie die Flügel erboster Trutähne. Der Kirchenrat Paulus, Steudel, Marheineke, selbst Toluck, die rechts und links von diesen beiden Werken gestanden hatten, waren scheu zur Seite gewichen, so dass die Gegner vollen Raum zur Entfaltung ihrer Polemik in den Buchdeckeln gefunden hatten. Dabei gaben sie sonderbare Töne zu vernehmen. Im 'Leben Jesu' liess sich ein feines, nagendes Knispern, wie von fressenden Mäusen hören, dagegen grunzte und grölzte die dicke 'Mystik' in einer Art von Strohbass. Ich nahm meinen armen Görres, der auch schon ganz warm geworden war, wenngleich nicht glühend, wie der heilige Petrus von Alcantara, vom Brette, streichelte ihn, redete ihm mit guten Worten zu, und brachte es denn endlich auch dahin, dass sich das Buch von seiner entsetzlichen inneren Aufregung beruhigte; während das 'Leben Jesu' noch immer mit dem einen Deckel in die leere Luft hineinfocht, gegen einen Wunderglauben, der ihm gar nicht mehr gegenüberstand.
Wie ich nun aber den Einband von Görres untersuchte, um zu sehen, ob er in diesem Strausse mit Strauss nicht Schaden gelitten habe, da erschien mir das dreifarbige Wunder. Ich hatte nämlich den Görres in Purpur binden lassen, und, was sagen Sie dazu, meine Freunde? Der Autor hatte vor Alteration zwischen dem Purpur blaue und weisse Streifen bekommen. In der Tat, meine Wertesten, die 'Christliche Mystik' hatte das alte, wohlbekannte, revolutionäre Koblenzer Blau, Rot und Weiss von Anno 1793 angelegt. Ein Farbenkundiger sagte mir nachmals, diese Trikolore sei die eigentliche Grundfarbe des Autors und trete bei jeder Erregung, auch bei der mystischen, aus allen anderen Überpinselungen immer wieder siegreich an ihm hervor.
Nun, dem sei, wie ihm wolle. Ich stellte meinen Görres auf ein andres Brett, hatte ihm jedoch in der Nachtmüdigkeit abermals einen unschicklichen Platz gegeben, wie ich am folgenden Morgen sah. Nämlich, neben Voltaires 'Pucelle' hatte ich ihn gestellt. Aber diesem verschollnen Spotte gegenüber hat sich die christliche Mystik sehr mächtig und überwältigend erwiesen. Denken Sie sich, die 'Pucelle' war in der Nacht von dem frommen buch bekehrt worden, wahrscheinlich durch die sich in demselben entwikkelnde fette und aromatische Ölbildung. Sie mögen es glauben, oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber es ist wahr. Das frivole Gedicht war in sich geschlagen, der Text verschwunden, und ich hielt, als ich einen blick hineintat, ein in Halbfranz gebundnes Buch voll unschuldigweisser Papierblätter in Händen, statt der gotteslästerlichen Spässe von Charles sept, Agnes Sorel, Dunois, Jeanne und ihrem Esel. Ja, was noch mehr sagen will, das Papier schämt sich seiner früheren Sünden, es liegt ein leiser roter Schimmer darüber, dem Satze zum Trotz; 'litterae non erubescunt'. Ich will es doch gleich herbeiholen, Sie durch den Augenschein zu überzeugen."
Münchhausen lief rasch, wie eine Bachstelze hinaus. Der alte Baron ging, mit den Händen in der Luft fechtend, seine Mütze in die Höhe werfend, und sie, wie einen Ball wieder auffangend, im Zimmer auf und nieder und rief: "Ein Teufelskerl, der Münchhausen! Man muss ihm nach, man mag wollen oder nicht! Im Anfang stemme ich mich jederzeit gegen seine Geschichten, aber ehe ich mich dessen versehe, haben sie mir die Schlinge über den Kopf geworfen und nehmen mich mit fort. Was sagst du dazu, Renzel?"
Emerentia versetzte: "Ich hoffe, die besondere Luftbeschaffenheit auch noch zu erleben, und aus meinem Aroma Manna zu erzeugen."
"Eine Närrin bist du", polterte der alte Schlossherr, "die immer nur an sich denkt, und nie ihren Gesichtskreis erweitern mag! Wenn ich nun ebenso wäre, und nichts von heute abend mir zur Ausbeute gewänne, als den selbstsüchtigen Wunsch, mir den grünen Esel in das Knopfloch zu sehnen? Denkst du, dass dein alter Vatery nicht auch noch gern in seinen letzten Tagen einen Orden trüge, ohne irgendeins der sechs Verdienste um Dünkelblasenheim? Aber ich bin nicht so enggesinnt; mir liegt meine Ausbildung am Herzen, und noch heute abend frage ich Münchhausen über seine zweifarbigen Augen und sein Ergrünen aus, denn wir stecken einmal mitten in den sonderbaren und ausserordentlichen Dingen, zudem stört uns auch der Schulmeister nicht mit seiner einfältigen höhnischen Miene."
Zehntes Kapitel
Das kürzeste Kapitel dieses Buches nebst einer
Anmerkung des Herausgebers
Die letzteren Reden zu verstehen, muss gesagt werden, bevor Münchhausen wieder das Zimmer betritt, dass unter den vielen wunderwürdigen Dingen, die den Schlossbewohnern an dem gast auffielen, zwei im vorzüglichsten Grade ihr Erstaunen erregten. Er hatte nämlich ein blaues und ein braunes Auge, welcher Umstand seinem Antlitze einen ungemein charakteristischen Ausdruck gab, um so charakteristischer, als, wenn seine Seele voll gemischter Empfindungen war, die verschiedenen Elemente solcher Stimmungen gesondert in den beiden Augen hervortraten. Fühlte er z.B. eine freudige Wehmut, so leuchtete die Freude aus dem braunen Auge, die Wehmut dahingegen zitterte im blauen. Denn diesem blieben die zarten, dem braunen die starken Gefühle zugewiesen.
Sein Gesicht war, wie ich es schon beschrieben habe, nämlich bleich, mit einem gelblichen Anfluge, etwa von der Farbe des pentelischen Marmors, oder eines in Wachs gesottnen Meerschaumpfeifenkopfes, der seinen Raucher noch nicht gefunden hat. Stiegen in ihm Affekte auf, welche bei uns andern ein Erröten hervorzubringen pflegen,