da. Also abermals eine Erfahrung von der mystischen Kraft der reinen sehnsucht. Das Wunderbare bei der Sache, und was ich mir noch nicht habe erklären können, war, dass nicht worden war, sondern dass es auch seinerseits auf das changeante Band eingewirkt hatte, so dass dieses sich von selbst in das Knopfloch knüpfte. Ich versuchte, den Knoten zu lösen, aber er war so fest geschlungen, dass mir dieses nur mit der grössten Mühe gelang. Auch nachher blieb das Band untrennbar haften, wie Johanna Rodriguez nach Görres' 'Christlicher Mystik', Band 2 pagina 569 fest am Kreuze haften blieb, auf welches sie sich locker gelegt hatte."
"O wäre ich Johanna Rodriguez!" flötete das fräulein.
"Dummes Zeug!" brummte der Schulmeister.
"In diesem buch von Görres müssen ja erstaunliche Dinge stehen", sagte der alte Baron.
"O", rief Münchhausen, "ganz andere Dinge stehen noch darin! Dem heiligen Filippo Neri schwoll, nach Görres, das Herz vom Beten so an, dass es ihm zwei falsche Rippen zerbrach, nämlich die vierte und fünfte; der heilige Petrus von Alcantara brannte so in Liebesflammen, dass der Schnee um ihn schmolz, und dass er einmal bei Winterszeit, um sich abzulöschen, in einen gefrornen Teich springen musste, worauf das Eis um ihn zischte und kochte, wie in einem Gefässe über grossem Feuer ..."
"Hört auf, hört auf!" rief der alte Baron. "Mir schwindelt."
Feurig fuhr Münchhausen fort: "Görres sagt auch: die Heiligen röchen sehr schön, besonders wenn sie den Aussatz hätten. Was aber das Lieblichste ist: sie geben Öl von sich. Die heilige Lutgardis drückte sich das Öl aus den Fingern, Christina mirabilis hatte es in den Brüsten, und von der Äbtissin Agnes von Monte Pulciano füllten die Klosterschwestern ganze Krüge ab. Görres hat auch diesen Ölbildungsprozess sehr richtig an den Körper verteilt, wie er denn überhaupt nichts so roh und unzugerichtet hinschreibt, sondern alle die Sachen, welche sich an den Heiligen ereignen, aus der höheren Physiologie ableitet. In den unteren, beschatteten Regionen des Leibes bilde sich das milde oder fette Öl, sagt Görres ..."
"Verstehe, verstehe, eine Art von Baumöl, Salatöl", rief der alte Baron dazwischen und schwenkte seine Mütze; "wo aber rechte Heiligkeit herrscht, grünliches Provenceröl ..."
"O gäbe ich auch Öl von mir!" schmachtete das fräulein.
" ... Oben jedoch, in den höheren Regionen, also etwa vom Zwerchfelle aufwärts, komme es mehr zur Produktion eines flüchtigen Öls, Aromas, sagt Görres. Zuweilen nun, wenn gerade in der Luft eine besondere Beschaffenheit obwaltet, schlägt sich dieses Aroma als Manna in Form eines Kreuzes nieder, was dann die Gläubigen vom Heiligen abkratzen und aufessen. So hat es sich nach Görres bei der schon erwähnten Äbtissin Agnes von Monte Pulciano zugetragen."
"Münchhausen! Münchhausen!" rief der alte Baron, blies die Backen auf, und stiess einen Strom Luft aus denselben hervor, wie er zu tun pflegte, wenn ihm ein Gedanke zu mächtig wurde – "wir leben in einer grossen Zeit. Überall, durch das ganze Reich des Wissens hin, stiftet sich Licht und Zusammenhang. Was dem Filippo Neri mit seinem Herzen begegnete, ist ja in einem höheren Gebiete nur dasselbe, was sich tagtäglich in einer niederen, animalischen Sphäre ereignet.
Wenn doch die zeiten der Görresschen Wunder ganz wiederkehrten, so könnte man ja fast alle Haushaltungsbedürfnisse mit einem seiner Heiligen bestreiten, und ersparte hundert Auslagen, die das Leben jetzt so sehr verteuern! Ein Görresscher Heiliger heizte uns das Zimmer durch, gäbe Öl, unten fettes, oben flüchtiges, ein paarmal im Jahre auch eine Schüssel Manna ..."
"Guter, schuldloser Vater!" sagte Emerentia und blickt ihren Vater mitleidig an. – "Ob es je dahin wieder kommen wird, weiss ich nicht", sagte Münchhausen, "aber mit dem Görresschen buch habe ich selbst mein dreifarbiges Wunder erlebt."
Der Schulmeister war hinausgegangen. Ihm machten diese Erzählungen grosse Beschwerlichkeit, denn er war entschiedner Rationalist. Der Baron und seine Tochter forderten den Freiherrn dringend auf, das dreifarbige Wunder zu berichten, und Münchhausen hob wieder an:
"Geschätzte Freunde und Zuhörer, wissen Sie hiemit, dass ich das vielbelobte christlich-mystische Buch auf meinem Bücherbrette neben dem 'Leben Jesu' von Strauss stehen hatte. Doctis pauca sufficiunt; Gelehrten ist gut predigen, ich brauche Ihnen, mein würdiger Altvater und Schlossherr, nicht des breiteren den Inhalt der letzteren Schrift auseinanderzusetzen, denn es ist Ihnen aus Ihrer Journallektüre bekannt, dass, wie der christliche Mystiker noch bis auf die neueste Zeit die Nägelmale sich hat reproduzieren lassen, der andere dagegen dem Heilande nicht einmal sein Dasein in den Evangelien gönnt, sondern behauptet, die apostolische Kirche sei eine Art von Aktiengesellschaft gewesen, die sich den Erlöser auf gemeinschaftliche Kosten angeschafft habe, weil sie ihn bedurft. – Es war unvorsichtig von mir, dass ich zwei so widerhaarige Bücher zusammengestellt hatte; ich musste voraussehen, dass sie sich nicht vertragen würden. Und so kam es auch. Eines Nachts wache ich von einem sonderbaren Geräusch auf, welches aus meiner Bibliotek tönt. Ich nehme die Kerze, leuchte hin, und habe einen seltsamen Anblick. Strauss und Görres sind in wütendem Kampfe begriffen, nämlich so