wie die Schafe, von der Weisheit dieses Mannes." – Aus dem Journalzirkel trat er nun wieder aus; in seinem gast besass er jetzt mehr, als ihm eine Zeitschrift bieten konnte, der Geist aller Journale erschien in Münchhausen verkörpert. Immer ging der wunderbare Mann bei seinen Erzählungen von etwas Bekanntem und Verbürgtem aus, erhob sich aber von dieser Grundfläche zu den kühnsten und abenteuerlichsten Schwüngen, so dass man wohl sagen konnte, er stelle recht eigentlich in seiner person den gewaltigen Fortschritt unserer Zeit dar.
Freilich blieb die Empfindung des Schlossherrn nicht ganz ohne eine hin und wieder hervortretende entgegengesetzte Beimischung. Münchhausen redete auch viel von Literatur und Poesie, und konnte bei solchen Gesprächen leicht satirisch werden. Der alte Baron hatte aber an diesen Gegenständen kein Interesse, und hasste die Satire; weshalb er denn auch derartigen Konversationen sich nur mit einem gewissen Unbehagen hingab. Wirklich verletzt aber fühlte er sich, wenn Münchhausen, wie er nicht selten tat, seine Meinung äusserte, alle Menschen seien gleich geboren, und nur der Wahn, der aber für immer ab und tot sei, habe den einen durch seine Geburt zu Vorzügen bestimmt ausgeben können, die nicht auch das Eigentum aller seiner Mitbrüder gewesen seien.
Mit dem fräulein gestaltete sich das Verhältnis des Gastes bald gründlich und tief in das zarte Verstehen ohne Worte aus, welches unsere sinnigen und hochstehenden Frauen so sehr lieben. Wenn sie ihm zuflüsterte, ein unaussprechliches Etwas durchwoge sie, so versicherte er, dass er sie vollkommen begreife; und konnte sie für den Drang ihrer Empfindungen nur Vordersätze ohne Nachsätze finden, so liess er sie ahnen, dass letztere in seiner verschwiegenen Seele ausgesprochen ruhten. Daneben erquickten sie die glänzenden Schilderungen, welche er von fremden Gegenden gab, im grund ihres Herzens, und bis zur Schwärmerei stieg ihre Regung, wenn er die vierundzwanzigsilbigen Namen, welche in Mexiko, Peru oder Indien gebräuchlich sind, aussprach.
Zwar fühlte auch sie sich jezuweilen durch ihn verwundet. In dem Glauben nämlich, ihr dadurch nur noch um so mehr zu gefallen, sprach er einige Male seine Meinung aus, dass nur das Weib ihren Empfindungen treu bleibe, bei dem mann aber der Spruch gelte: "Aus den Augen, aus dem Sinne!" weshalb denn auf kein von diesen unbeständigen Wesen gegebnes Versprechen jemals zu rechnen sei. Er konnte freilich nicht wissen, wie ungestüm solche Aussprüche ihren Erwartungen entgegentraten. Sie pflegte darauf zu versetzen: "Herr von Münchhausen, Karls und Ihre Erscheinung widerlegt mir im Sinne höherer Ahnung zum voraus diesen Satz." Wenn sie nun das sagte, verstand er sie wirklich nicht, und war auch nicht so dreist, es ihr zu versichern.
Indessen gingen diese einzelnen Missstimmungen immer bald in dem Gefühle der Hingebung und Begeisterung unter, welches Vater und Tochter ihm widmeten; ja sie dienten durch den Kontrast dazu, diesem Gefühle nur noch grössere Leidenschaftlichkeit zu geben. Dagegen war der Schulmeister dem Freiherrn gegenüber in einer eignen Stimmung, die sich nur mit den Scherzbildern vergleichen liess, welche von der einen Seite angesehen, ein lächelndes Gesicht, von der andern betrachtet, eine verdriessliche Fratze zeigen. Die Persönlichkeit Münchhausens nebst seinen Reden hatte nicht verfehlen können, auch auf den Schulmeister einen tiefen Eindruck zu machen; wir wissen, welche Aussichten für die Bestätigung seiner teuersten Überzeugungen auch er an diesen Mann des Schicksals knüpfte. Nun aber konnte er sich schon nicht mit der Darstellungsweise Münchhausens überall einverstanden erklären. Er war von seinem Elementarunterrichte her an Einfachheit gewöhnt; er hatte den Knaben und Mädchen die Erschaffung der Welt, den Sündenfall, die Opferung Isaaks, und die geschichte des keuschen Joseph, ohne Episoden einzumischen, immer schlicht heraberzählt. Der Freiherr aber, überwältigt von seinen Erinnerungen, überfüllt mit Bezügen, Rückblicken und Seitenblicken, schachtelte dermassen Nebengeschichten in seine Hauptgeschichten ein, und verstieg sich oft in ein solches Labyrint dabei, dass dem armen Schulmeister, welcher notgedrungen den Teseus in jenen Irrgängen spielen musste, der Faden der Ariadne häufig aus den Händen schlüpfte. Ausserdem hatte er zu bemerken, dass Münchhausen, der ihn für einen untergeordneten Mitesser ansah, wie er es denn in der Tat auch war, ihm keinesweges mit der gefälligen Aufmerksamkeit begegnete, wie dem alten Baron und dem fräulein, ja sich sogar vergebens von ihm anmahnen liess, die Wanderung der vertriebenen Spartaner nach dem Fürstentume Hechelkram urkundlich für ihn auseinanderzusetzen.
Er war daher abwechselnd böse auf den Freiherrn, und hingerissen von ihm. So wahr ist es, dass jeder Prophet schon in seiner ersten Gemeine den Tomas findet, welcher ihm heute folgt, und ihn morgen verleugnet.
An einem der Erzählabende sagte der alte Baron zu seinem gast: "Weiss Gott, dass ich nicht gern an Wunder glaube, und im grund auch der Meinung bin, die natur sei ein Haus, worin man noch immer jeden Tag neue Zimmer und Kammern entdeckt, aber wenn ich bedenke, wie Ihr, liebster Münchhausen, uns dahergeschleudert wurdet, just, als wir, wie ich nun von Emerentien und dem Schulmeister herausgebracht habe, gleichzeitig nach einem mann, wie Ihr seid, das allerlebhafteste Verlangen empfanden, und auf einen Schuss den dicken Sehnsuchtsseufzer hervorstiessen – so weiss ich wahrhaftig nicht, ob dergleichen mit rechten Dingen zugehen kann."
"Und was wäre denn daran so wunderbar, wenn Sie, meine Freunde, mich herangeseufzt hätten?" rief Münchhausen. "Darüber sind wir denn doch nun wohl aufgeklärt, dass dem menschlichen geist, wenn er sich recht in einem Punkte