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für den Winterbedarf dort aufgeschüttet lagen, sorgte für das Haupt des Fremden, indem er die lose Gipsbekleidung der Decke mit einer Stange abstiess, fegte den Estrich rein, verjagte die Spinnen aus ihren luftigen Schlössern, nahm aus den Betten der Schlossbewohner die noch einigermassen entbehrlichen Stücke, stellte verschiedene Holzfragmente mittelst Säge, Hammer und Nägel zu einer Art von Sponde zusammen, und wusste selbst noch einen erträglichen Tisch und Stuhl für den Freiherrn aufzutreiben.

Nach vollbrachtem Werke ging er hinunter und fand den alten Baron um zehn Jahre verjüngt. Münchhausen hatte ihm die Wirtschaft der Infusionstiere mit so reizenden Farben geschildert, dass sein Zuhörer in Entzückung geraten war, er hatte ihm ganze Idyllen, Epen und Tragödien vorgetragen, die sich in jedem Wassertropfen seiner Versicherung nach ereigneten. Als der Schulmeister nun einige Augenblicke mit Münchhausen allein gelassen wurde, gab ihm dieser auf Verlangen sein Wort, dass er unfern von Buxtehude in einem Bauerndorfe die deutlichsten Spuren spartanischer Sitte und Abkunft angetroffen habe, indem die Leute dort nichts von den Wissenschaften hielten und von Schmutz starrten. Der Schulmeister ging höchst befriedigt von dannen, um seine schwarze Suppe zu verzehren, und überliess Emerentien den Freiherrn.

Nach einer Pause, die so feierlich war, als diejenige zu sein pflegt, welche die Komödianten vor der grossen Szene machen, in welcher die Liebe dadurch über die Kabale siegt, dass Ferdinand seiner Luise Rattenpulver in Limonade eingibt, nach einer Pause, lang und lastend, wie die vorstehende Periode, sagte das fräulein schüchtern zum Freiherrn: "Herr von Münchhausen, Sie treten wie ein mytisches Produkt unsrer Zustände mit innerer notwendigkeit in die Burg meiner Väter. Schon haben Sie sich selbst in Ihrer Gartenrede als einen durch beziehungsvolle Beziehungen mit unsern Wünschen und Aussichten Verknüpften empfunden. Verargen Sie es daher der schüchternen Jungfrau nicht, wenn sie, die gesetz der Zurückhaltung, welche sonst meinem Geschlechte eignen, brechend, Sie herzlich und dringend fragt: Gibt es noch Laufer?"

"Ja, meine Gnädige", erwiderte der Freiherr mit ernster Rührung; "es gibt allerdings noch Laufer."

"Pflegen sich wohl Fürsten dergleichen Laufer zu halten?" fragte das fräulein, indem sie eine Träne im rechten Auge zerdrückte.

"Nur ein Fürst ist dessen fähig!" rief Münchhausen, und führte das Taschentuch an sein linkes weinendes Auge.

"Und nun die letzte Frage an Ihr schönes Herz, edler Mann, eine Frage, in der Sie meine Seele empfangen: Trägt ein Laufer, wo er erscheint, Blumenhut und Schurz?"

"Blumenhut und Schurz bleiben die Zeichen eines Laufers bis an das Ende der Tage", sprach der Freiherr erhaben, und streckte, wie schwörend, den Daumen und die beiden ersten Finger der rechten Hand empor.

"Ich danke Ihnen für diese Stunde", sagte das fräulein. "Mein Leben beginnt wieder seine Schwingen zu regen. Das Schicksal gibt mir ein Zeichen; auf die Lippen der Unschuld, auf die Lippen Ihres Karl legte es sein bedeutendes Wort, wundersamen Tönen meines Tiefinnersten entsprechend, Schätzen des Busens, die sich eben leuchtend dem Dunkel entrungen hatten. Sie aber, hoher Meister, legten zart und weise die süsse Fabel als schlichte, treue Wahrheit aus. O ich wusste wohl, dass ich hier verstanden werden würde!"

"Durchaus verstanden!" rief Münchhausen.

In diesem Augenblicke trat der alte Baron, der inzwischen die Einrichtung der Gaststube besichtigt hatte, wieder in das Zimmer, und lud Münchhausen ein, ihm dahin zu folgen, damit er es sich vorderhand etwas bequem machen könne.

Emerentia sagte, als sie allein war: "Er ist erschienen, der mich ohne Wort versteht; der Himmel hält uns die Verheissungen, die er uns in der sehnsucht gibt! Bald, bald wird nun auch Rucciopuccio kommen, der Fürst von Hechelkram, seine Freundin im reinsten Sinne des Worts abzuholen."

Neuntes Kapitel

Verständnisse und Missverständnisse, sehnsucht,

Orden, Gesinnungen und Ehrenstellen; Görres und

Strauss; die Pucelle d'Orleans, Zeichen, Wunder und

neue Geheimnisse

In den nächsten Tagen nach der Ankunft des Fremden ging das schwärmende Entzücken der Schlossbewohner über den wunderbaren Mann in den ruhigeren, aber um so festeren Glauben über, dass in ihm der vom Verhängnis bestimmte Heiland ihrer Wünsche erschienen sei. Denn der alte Baron merkte schon am ersten Abende, an welchem er Münchhausens Unterhaltung genoss, dass mit den Kenntnissen, Erfahrungen, Schicksalen, Blicken, Ideen und Hypotesen seines Gastes niemand zwischen Himmel und Erde sich zu messen vermöge. Er war, seinen Erzählungen zufolge, fast in allen bekannten und unbekannten Gegenden der Erde gewesen, hatte sämtliche Künste und Wissenschaften getrieben, zu Weinsberg Blicke in das Geisterreich getan, war durch alle Lagen des Lebens abwechselnd als Küchenjunge, Krieger, Staatsmann, Naturforscher und Maschinenbauer gegangen. Selbst in aussermenschliche Regionen war sein Lebenslos geworfen worden; er liess nach den ersten Stunden der Bekanntschaft merken, dass er einen teil seiner Tage unter dem Vieh zugebracht habe.

Der alte Baron hatte hauptsächlich die Abendstunden, in welchen die Gesellschaft sich im Wohnzimmer zu versammeln pflegte, und bei dem Scheine einer Kerze auf den hölzernen Schemeln um den kiefernen Tisch sass, sich zu Mitteilungen erbeten. Für die Gartenpromenaden war von ihm ein noch strengeres Silentium festgesetzt worden, als früherhin, "denn", sagte er, "man muss den Tag zum Nachdenken frei behalten, darüber, was Münchhausen am Abend erzählt; des Stoffes wird sonst zuviel, und wir werden alle drehend,