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gehörte zu denen, welche aufgehört haben, Freunde von Leibesbewegung zu sein, und konnte nur durch die Gerte meines nachwandelnden Dieners, womit derselbe die Schenkel des Lässigen bestrich, im notdürftigsten Gange erhalten werden. Ich erzähle diese Umstände so ausführlich, weil sie dem nachfolgenden Vorfalle erst seine volle Bedeutung geben. Nämlich, als ich in den Weg einbiege, der sich dort entlängst Ihrer Gartenhecke hinzieht, und mein Mietross im gesetztesten Schritte einherschleicht, ich aber an nichts weniger denke, als mit dem schloss und seinen Bewohnern anzuknüpfen, scheut das Pferd, als sähe es, gleich Bileams Eselin eine Erscheinung, wirft den Kopf in die Höhe, hebt sich auf die Vorderfüsse, bockt mit einer unglaublichen Schnellkraft, schlägt sofort auch hinten aus, springt mit einem Seitensatze in das Dornengebüsche; ich aber, bügellos geworden, schwebe in der von mir schon beschriebenen Kurve, gemäss dem Parallelogramm der zusammenwirkenden Kräfte des Bockens, des Ausschlagens und des Seitensatzes über die Gartenhecke auf den Krautaufen. Während des Schwebens aber und bei dem Niederprallen entsteht in mir blitzartig eine intellektuelle Anschauung, die mit sinnlicher Stärke vom Kreuze aufwärts durch das Rückenmark in die Gehirnnerven steigt, und in Worte übersetzt, lautet: 'Dies ist ein grosser historischer Moment, ein Ausgangspunkt wichtiger Entwickelungen.' Damit Sie aber erfahren, wer so unvermutet in die Mitte aller Ihrer Beziehungen geschleudert wurde, so vernehmen Sie meinen Namen, Stand und Charakter. Ich bin der Freiherr von Münchhausen, Mitglied fast aller gelehrten Gesellschaften, in die Akademie der Arkadier zu Rom mit der Bezeichnung: 'Der nie Verwelkende', aufgenommen."

Achtes Kapitel

Handelt von dem Bedienten Karl Buttervogel und von der freundlichen und ehrenvollen Aufnahme, welche

der Freiherr von Münchhausen im schloss

Schnick-Schnack-Schnurr fand

"Und ich", sagte der Diener, dreist zu den Herrschaften herantretend, "bin der Bediente Karl Buttervogel, bürste meinem Herrn die Kleider aus, und putze seine Stiefeln. Die gnädige Dame da sehen verwundert meinen Blumenstrauss am hut, und dieses Tuch an, welches beinahe wie ein Lauferschurz lässt; ja, ich wäre so ein Laufer, den jede Schnecke einholen würde; ich habe zu schwer hier an meinem Tornister zu schleppen, worin die Instrumente des gnädigen Herrn stekken. Nein, ich pflückte mir die Blumen aus Langerweile, während mein Herr die Luft untersuchte, und was den Schurz betrifft, so habe ich mir den umgeknüpft, meine Unterkleider vor den verdammten Dornen in acht zu nehmen, durch die der gnädige Herr sich absolut hindurcharbeiten wollte. Ich glaube nicht, dass die Schindmähre vor einem historischen Momente gescheut ist, wie Sie sagen, sondern die Dornen rissen sie, und davon wurde das Vieh fuchstoll."

Der alte Baron und der Schulmeister hörten mit Verwunderung diesen überkecken Reden eines Dieners zu. Münchhausen suchte mit einem gewichtigen Blicke den Vorlauten in seine Schranken zurückzuweisen, da aber jener den blick ertrug, ohne sich niederschlagen zu lassen, so senkte der Herr die Augen, und die Züge seines Gesichtes begannen, ein geheimes geistiges Leiden auszusprechen. In dem fräulein aber war die heftigste Gemütsbewegung entstanden. Ihre Wangen hatten sich bei den Reden Karl Buttervogels in Purpurglut gefärbt, ihre fliegenden Blicke schweiften von dem Herrn zum Diener, und von diesem zu jenem, während die Lippen leise fragen an das Schicksal vor sich hin flüsterten, welche wie: "Lauferschurz? Blumenhut?" lauteten.

Der alte Baron lud den Freiherrn von Münchhausen auf das freundlichste ein, bei ihm so lange vorlieb zu nehmen, als es ihm gefiele, was Münchhausen dankbar annahm. Alle begaben sich hierauf aus dem Garten in das Haus, nachdem der Schlossherr seinem gast, der das zerstörte Gebäude einigermassen stutzig anblickte, zuvor eröffnet hatte, die Wirtschaft sei in diesem Augenblicke durch allerhand Zufälligkeiten etwas in Unordnung geraten, auch solle gebaut werden. Auf der Treppe, die vom Hausflure zu dem Wohnzimmer führte, hätte der Freiherr beinahe wieder ein Unglück gehabt. Denn eine von den morschgewordnen Stufen knackte, als er sie betrat, und brach. Hierauf verlor er das Gleichgewicht, wollte sich an dem Geländer halten, fasste aber nur in die dünne Luft, weil das Geländer vorlängst zu Brennholz verwendet worden war. Er wäre gefallen, wenn ihn nicht der alte Baron am Rockzipfel gehalten hätte. So aber kam er doch wieder glücklich auf seinen Füssen zu stehen, und wurde vorläufig in das Wohnzimmer geführt, bis seine Appartements instand gesetzt waren. Diese Einrichtung besorgte der Schulmeister, da mit dem fräulein nichts anzufangen war. Sie sass verklärten Blicks in einer Ecke des Zimmers, sah vor sich hin, und ihre Gedanken schienen abwesend zu sein. Als der Vater zu ihr sagte: "Renzel (so nannte er sie, wenn er besonders guter Laune war), wo kriegen wir den Nachttisch her für den Fremden?" versetzte sie: "O Vater, es wird Tag!" und als er sie bat, die Bettung des Gastes zu besorgen, blickte sie ihm starr in das Antlitz und verstand ihn nicht. Der Schulmeister, welcher unter sotanen Umständen sich zum Haushofmeister anerbot, bewies dagegen eine nicht geringe Anstelligkeit. Er war während seines Dienstes zu Hackelpfiffelsberg sich Knecht und Magd gewesen, und hatte dadurch die genauste Kenntnis aller kleinen häuslichen Geschäfte erworben. – Flink räumte er von der Vorratskammer, die der Schlossherr zum Gastzimmer bestimmt hatte, weil sie das einzige Gelass war, welches noch Fenstern hatte, die getrockneten Äpfel, die Bohnen und Erbsen hinweg, welche