1836_Immermann_045_32.txt

hiess. Aber eine feinfühlende zweite Seele, ein sympatetisches Gemüt wünschest du dir, und darfst du dir wünschen, arme Emerentia, die Qual des Harrens zu lindern! Nun, wie steht es um die Befriedigung dieses Verlangens hier? Welche Personen umgeben dich? Wirst du in deinen Seufzern von irgend jemandem, mit dem dich dein Los verbunden hat, begriffen? Der gute Vater ist gut, sehr gut, aber lacht er nicht, wenn du ihm die Geheimnisse deiner Brust leise und schamhaft entüllst? O wie verderblich ist die einseitige Verstandeskultur, welche der Mensch von Journalen empfängt! Wie höhlt sie das Herz aus! Und jener spartanische Pöbelnarr – – nein, denke ihn nicht zu Ende, diesen Narren, dessen zynische Reden schon in der Erinnerung meine keusche Seele aus tausend Wunden bluten machen. O komm, Mensch, fühlender Mitmensch, den ich nicht kenne, aber gestaltet vor den Augen meines Geistes sehe, der du mich verstehen wirst ohne Wort, wie der heilige Mond, wenn ich zu ihm aufblicke, dem das Unaussprechliche in mir klar sein wird, wie ein Spruch der Einfalt, komm, Tröster, Paraklet, mir meine süssen Ahnungen auszudeuten, und mich in dem zu begreifen, worin ich mich selbst nicht fasse!" – Nach dieser Rede, die Emerentien gewiss jeder Leserin von Gemüt teuer macht, setzte sie sich dem Delphin gegenüber auf einen unförmlichen Rasenhügel, der ehemals eine Bergère gewesen war, und fuhr fort, herzbrechende Seufzer auszustossen.

Auch der Schulmeister war nicht glücklich. Er kauerte auf seinem Gebirge Taygetus, oder Schneckenberge, vor einem Feuer, welches der Wind hin und her wehte, und kochte schwarze Suppe. Denn es hatte zum Mittagsessen auf dem schloss Spinat gegeben, das einzige Gericht, welches er, sonst nicht auf Leckerei gestellt, zu geniessen unvermögend war, weil er behauptete, es schmecke nach Rauchtabak. Während seiner Beschäftigung polterte und brummte er folgende Reden heraus: "Schlimm! Schlimm, beim Kukkuck, wenn man mit Ignoranten zu tun hat! Das fräulein ist eine Mondscheinprinzessin, und der alte Baron, dem übrigens Gott seine Güte an mir vergelten mag, ein Konfusionarius! Ich kriege es nicht heraus! Bis nach Böhmen kann ich die Spuren meiner Vorfahren verfolgen, als sie sich vor den Türken flüchteten, aber weiter geht's nicht, von da bis hieher Nacht, Finsternis, unwegsame Wüste! Mein Eltervater war aus Buxtehude, also haben die Spartaner einen Haken bis zur Nordsee geschlagen. Wie reim' ich nun diesen Haken mit der Niederlassung der übrigen Ageselschen oder vielmehr Agesilausschen Familie in hiesigen Landen zusammen? Und doch, da die Sache ihre Richtigkeit hat, so muss sie sich auch beweisen lassen. O, ein Gelahrter, ein Forscher, der mir hülfe, die Vermutungen zusammenstellte, und selbst Vermutungen hätte, wo mir alle Vermutungen ausgehn; o, ein solcher Mann fehlt mir nur allzusehr!" – Er rührte heftig in der schwarzen Suppe und seine Reden gingen in einzelne abgebrochne Ausrufungen über, die von dem Verdrusse seiner Seele zeugten.

Nach einigen Minuten erseufzte das fräulein am trocknen Wasserbecken so laut, dass selbst ihr Vater am Flötenbläser ohne Flöte und der Schulmeister auf dem Taygetus es vernahmen. Aus Sypatie stimmten sie ihrerseits ein, so stark sie nur vermochten, und es stieg daher ein dreifacher, gewaltiger Seufzer der sehnsucht im Garten des Schlosses Schnick-SchnackSchnurr empor. Kaum war er verklungen, so ertönte aus einer Ecke des Gartens, zunächst der einfassenden Hecke, ein lautes Geräusch, wie wenn jemand von einer nicht unbedeutenden Höhe herabfalle, ein Hufschlag, wie von einem davoneilenden Pferde, und das Gespräch zweier Menschen, von denen der eine fragte: "Wie ist es, mein gnädiger Herr? Haben Sie sich wehe getan?" der andre aber antwortete: "Durchaus nicht, durchaus nicht, du weisst ja, dass mir kein Sturz etwas tut, auch liegt hier, wie du siehst, ein weicher Haufen Unkraut und Gras zusammengetrieben, auf den bin ich gesunken, als ich aus den Lüften herniederschwebte." – "Soll ich dem Pferde nachrennen?" fragte die eine stimme. "Nein", versetzte die andre, "wir sind am Ziel, welches das Schicksal uns wies. Lass die Kreatur auch ihrem Ziele nachlaufen, welches ohne Zweifel in dem Stalle des Verleihers sein wird, aus dem ich den Klepper im Städtchen entnahm."

Der alte Baron, das fräulein und der Schulmeister näherten sich jetzt dem Orte, wo der Fall und dieses Gespräch erschollen war, und sahen zwei Männer, welche sie in nicht geringes Erstaunen versetzten. Der eine war eine stämmige Figur, deren Eigentümer seine vierzig und mehreren Jahre zählen mochte, mit einem durchaus blassen, aber kräftig muskulösen gesicht, aus dem zwei grosse lebhafte Augen hervorstrahlten. An seiner Kleidung zeichnete sich sonst nichts aus, dagegen konnte ein übermässig grosser Strohhut mit fussbreiten Krempen auffallend erscheinen, welcher einige Schritte von dem Fremden im Sande lag. Dieser Strohhut war eigentlich kein Strohhut; seine Form schwankte zwischen Mütze und Kaskett. In Zukunft soll er, wo er noch vorkommt, der Strohhelm heissen.

Der andere war noch untersetzter und gedrungener, als der erste, schien mit ihm in gleichen Jahren zu sein, hatte aber die gewöhnliche Gesichtsfarbe eines gesunden Menschen. Seine Augen waren womöglich noch greller, als die des Herrn, denn in diesem Verhältnis musste wohl der erste zu dem zweiten stehen, da letzterer in einer eiergelben Livree stak