trockne Sand, welcher die Gartenstege noch immer einigermassen bedeckte, verdiente daher ohne Zweifel den Vorzug, wenn man lustwandeln wollte.
Damit aber diese gemeinsame Erholung einem jeden seine völlige Freiheit lasse, und der Stoff der gespräche nicht zu verschwenderisch eingezehrt werde, hatte der alte Baron für die Gartenerholung Aufhebung des geselligen Verkehrs als Regel festgesetzt. Sollte eine Ausnahme eintreten, und Gespräch herrschen, so war von ihm ein untrüglich andeutendes Zeichen erfunden worden. Er schrieb nämlich an solchen Tagen einem Genius von Sandstein, der, den Finger auf dem mund, vor einer kleinen düsteren Laube stand, und zu den noch am besten erhaltenen Kunstwerken des Gartens gehörte, mit Kreide das Wort: "Colloquium" auf die Brust; eines von den wenigen lateinischen Wörtern, deren er sich noch aus seinem Jugendunterrichte erinnerte. Sowie daher jemand von der täglichen Gesellschaft in den Garten trat, sah er nur nach der Brust des Genius, und schwieg oder redete, je nachdem die Meinung des Schlossherrn lautete, denn, in so grosser Armut er sich befand, alle seine Umgebungen waren gewohnt, sich pünktlich nach seinen Wünschen zu richten.
Heute stand kein "Colloquium" auf der Brust des Genius angekreidet. Der alte Baron war schon seit einigen Wochen in einer trüben, sehnsüchtigen Stimmung, welche, gerade heute zu besonderer Verdüsterung erwachsen, ähnlichen Launen bei dem Schulmeister und Emerentien begegnete, so dass beide mit der ihnen auferlegten Trappistenregel an diesem Tage besonders zufrieden waren. Wie es wohl zu gehen pflegt; lange Zeit bleiben die eigentlichen Grundempfindungen eines Kreises von Tagestäuschungen überhüllt; endlich aber drängen sie sich doch wie Springfluten unwiderstehlich an die Oberfläche hervor.
Die Gefühle der drei lustwandelnden Personen brachen, da letztere weit genug voneinander gingen, um sich für unbelauschbar halten zu können, in Selbstgespräche aus. Der alte Baron schritt zwischen zwei Taxuswänden auf und nieder, welche ehemals auf ihrer oberen Fläche die zierlichste Abwechselung von Kreuzen, Pfeilern und Urnen dargeboten hatten, nun aber längst aus aller Schur gewichen waren, und nur noch unförmliche, missgestaltete Klumpen grüner Blätter und Äste zeigten. Sein Schritt war heftig, sein blick schwer. "Ja", rief er aus, "wenn ich einen Mann hätte, der mich verstände, mit dem ich laut denken könnte, der Sinn für einen weiten Gesichtskreis besässe, dann liesse sich herrlich und in Freuden leben! Immer Neues, Wunderbares muss ich haben, die Journale genügen mir schon nicht mehr, sie fangen an, mir schal vorzukommen; Hypotesen, Hypotesen begehre ich, eine gewaltiger als die andre, denn nur Hypotesen löschen den Wissensdurst, wenn er einmal entflammt worden ist. Was hilft es mir, dass ich heute von den Ungeheuern gelesen habe, die in jedem Wassertröpfchen leben, mit Kugelleibern, oder tausend Füssen, oder Rüsseln oder Sägezähnen? Bin ich danach klüger, als zuvor? Nein. Dümmer im Gegenteil. Wie entstehen sie? Was treiben sie? Was fressen sie? Wie begatten sie sich? Sind es Säugetiere, die lebendige Junge zur Welt bringen, oder eierlegende Fische? – O fände ich doch nur einen Mann, mit dem ich alles so recht durchsprechen könnte, der eine Erklärung auch für das Dunkelste gäbe, gleichviel welche! Der Schulmeister ist ein ehrlicher Kauz, aber doch im grund ein dummer Teufel mit seinen alten Spartanerflausen. Ich habe mir einen verrückten Menschen unterhaltender gedacht; der Agesel beginnt, mich zu langweilen." –
Er trat verstimmt zu einem steinernen Schäfer, der an dem einen Ende der Taxuswände stand, und vorzeiten Flöte geblasen hatte, nun aber nur noch vergeblich den Mund spitzte und die arme in der gezwungenen musikalischen Haltung leer vor sich hinstreckte, weil die Flöte ihnen längst von der Zeit entführt worden war. Der alte Mann lehnte sich düster an den verstümmelten Schäfer; vor seinem geistigen gesicht wälzten sich, schossen und kugelten riesige Infusionstiere umher, bis ihm die Gedanken in das Formlose zergingen.
Inzwischen umkreisete fräulein Emerentia ein mit Muscheln eingefasstes Becken, welches freilich schon seit geraumen Jahren so trocken lag, wie das Rote Meer, als die Israeliten hindurchgingen. Ein Delphin streckte in der Mitte dieses Beckens seine aufgestülpte Nase empor. Er hatte von Glück zu sagen, dass er aus Kupferblech bestand; ohne diese Konstitution hätte er in solcher Trocknis rettungslos verschmachten müssen. Auch ein Unbeschäftigter! Woher sollte der Wasserstrahl ihm zufliessen, den er sonst aus den Nüstern in die Höhe gesendet hatte? – Das fräulein umschritt, wie gesagt, das Becken, und sah bald auf dessen Grund, bald auf den Delphin, bald auf die bunten Kiesel, welche, in Sternen, Rauten und Blumen eingelegt, den Platz um das Becken zierten, ohne dass sie von einem dieser Gegenstände Trost für ihre wehmütigen Empfindungen zugesprochen bekommen hätte. "Hartes Los", flüsterte sie schwermutsvoll vor sich hin, "mit einem reichen Herzen, mit einem zarten Gemüte unter kalten, abstossenden Naturen leben zu müssen! Wer versteht hier die heilige sehnsucht, die mich so ganz nach Rucciopuccio erfüllt, dem Fürsten von Hechelkram im Geheimen? Ich weiss, das Schicksal, welches unser Leben wendet, will still erwartet sein, und darum greift kein ungestümes Verlangen im Busen der entwicklung der Tage vor, nein, geduldig harrt der gläubige Sinn des liebenden Weibes auf den seligen Augenblick, da der goldlackierte Wagen vor dem schloss halten und der Läufer mit Blumenhut und Schurz in die tür springen wird, fragend nach Emerentien, die in den Stunden der Andacht zu Nizza Marcebille