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Freilich war, wie wir im Anfange dieses Kapitels sagten, der Schulmeister nur eine Birne für den Durst. Über Geschichten und Anekdoten konnte sein gönner mit ihm verhandeln, und des lebhaftesten Gespräches sicher sein, wenn er wichtige Punkte der Historie zur Sprache brachte, wie zum Beispiel: Ob Brutus recht gehabt habe, Cäsarn zu erstechen, was aus der Welt geworden sein möchte, wenn die Franzosen die Revolution nicht zustande gebracht hätten, oder wenn Friedrich der Grosse und Napoleon Zeitgenossen gewesen wären, und was dergleichen mehr war. Dagegen fehlte dem vermeintlichen Abkömmlinge des Königs von Lakedämon aller Sinn für die Kuriositäten aus der Länder- und Völkerkunde, und aus dem Gebiete der Erfindungen, Handels- und Gewerbsverhältnisse, denen der Baron gerade am leidenschaftlichsten sich zuneigte.

Mit dem fräulein hatte der Schulmeister manchen Streit und sie duldete ihn eigentlich nur ihres Vaters wegen. Er war ihr besonders durch eine feurige Rede verhasst geworden, in welcher er die Sitte der Spartaner, auch die Jungfrauen bei den Festen der Götter nackt tanzen zu lassen, höchlich herausstrich. Ein Nervenanfall hatte sie nach dieser Rede ergriffen und mehrere Wochen lang unpässlich gemacht. Er nahm sich daher auch späterhin eine grössere Vorsicht in seinen Lieblingsreden zur Richtschnur, um den Boden, auf dem er seine Freistatt gefunden hatte, nicht zu unterwühlen. Andernteils wurde es nach und nach der allgemeine Grundsatz der drei Akademiker von Schnick-Schnack-Schnurr, eine zarte Schonung der gegenseitigen Schossneigungen walten zu lassen.

In diesen Verhältnissen lebten der alte Baron, das fräulein und der Schulmeister ihre seltsam-abgeschiedenen Tage hin. Eines Abends sagte der Schlossherr zu seinem Schützlinge: "Ihr seid jetzt weit ruhiger und gleichmütiger, Herr Agesilaus, als vor zeiten, wo es Euch doch im grund besser ging, als jetzunder. Damals konntet Ihr streckenlang sehr mürrisch und verdriesslich sein."

"Mürrisch und verdriesslich nun wohl nicht, mein gönner", versetzte der Schulmeister, "aber tiefsinnig und melancholisch. Wenn ich so meine schmutzigen Jungen in einem fort buchstabieren liess, eine Woche nach der andern, einen monat nach dem andern, und sich das ohne Resultate fortsetzte, diejenigen, welche lesen gelernt hatten, die Schule verliessen, und frische Rangen, die noch nichts wussten, wieder hineinkamen, und immer, immerdar wieder von vorn dasselbe angefangen werden musste, da konnte mir das ganze Leben zuletzt völlig dünn und unzusammenhangend vorkommen, und es gab Nächte, worin mir träumte, das menschliche Dasein sei nur ein langes, leeres ABC, von dem die Buchstaben XYZ in der Ewigkeit ständen, und aus welchem nie ein verständiger Satz, ja nur ein sinnvolles Wort würde. Wollte ich mir dann zu meinem Troste sagen, ich sei eben nur ein armer Dorfschulmeister, die Trübe dieser Meinung entspringe aus meiner gedrückten Lage, und glücklichere Menschen, wie hohe Obrigkeiten oder gar durchlauchtige Potentaten seien wohl in dem Falle, ihrer Existenz einen Zusammenhang zu geben, so war die Beschwichtigung doch nicht lange stichhaltend. Denn ich musste erwägen, dass das Regieren über Land und Leute doch auch nur so ein ödes, langwieriges Buchstabieren sei, und dass, wenn man es an irgend einem Zipfel zum Lesenlernen gebracht habe, dieser verschwinde, und an der andern Seite ein neues Fibelschützenwesen zu stammeln beginne. Aber seit ich meine Ahnen kenne, seit ich weiss, welche herrliche Erinnerungen in mir sich fortsetzen, und durch mich lebendig zu erhalten sind, ist alles in mir Ruhe und Freudigkeit, haben sich die Bestandteile des Lebens im Kreise um mich her gestellt, kurz, bin ich zur klarheit und zum Bewusstsein durchgedrungen."

"sonderbar!" rief der alte Baron vor sich hin, als der Schulmeister nach dieser Äusserung fortgegangen war. "Wie es scheint, muss der Mensch immer einen Sparren haben, um recht zusammenzuhalten. Die Vernunft ist wie reines Gold, zu weich, um Façon anzunehmen; es muss ein tüchtig Stück Kupfer, so eine Portion Verrückteit darunter getan werden, dann ist dem Menschen erst wohl, dann macht er Figur und steht seinen Mann. Was für ein Gimpel war der Schulmeister sonst, und wie gescheit spricht er jetzt, seitdem es bei ihm rappelt. Das Leben ist doch ein kurioses Ding, und wäre ich nicht geborner Geheimer Rat im höchsten Kollegio, so könnte mir auch vor mir bange werden. Aber da ich der bin, so muss ich natürlich meinen vollen Verstand besitzen."

Siebentes Kapitel

Der Freiherr von Münchhausen wird auf den Boden

dieser Geschichten geschleudert

Die blonde Lisbet war in das Gebirge gegangen, Zinsenrückstände von den Bauern einzutreiben. Sie hatte dieselben zufällig in einem alten vergessnen Rentenregister, welches unter anderem Gerüll in einer Polterkammer lag, verzeichnet gefunden. Ihr Pflegevater war ängstlich gewesen, das Kind so allein in das Gebirge ziehen zu lassen, sie aber hatte mutig geantwortet: "Wer wird mir etwas tun? Ich schaff' das Geld!" hatte sich an des Schulmeisters Eurotas einen Weidenstecken geschnitten, ein Reisetäschchen voll der nötigsten Wäsche umgehängt, Schnürstiefelchen angezogen, einen Strohhut verwegen auf das kecke Häuptlein gesetzt, und war so fürbass gewandert.

Während ihrer Abwesenheit gingen die drei Zurückgelassenen, der Baron, das fräulein und der Schulmeister eines Nachmittags in dem verwilderten französischen Garten spazieren. Sie verkehrten aber nicht miteinander, wie dies meistens bei solchen Gartenwanderungen zu geschehen pflegte, sondern hingen in verschiedenen Wegen und Stegen ihren eigenen Gedanken nach. Die Pfade um das Schloss her waren fast überall von Dornen versperrt, oder durch sumpfiges Erdreich feucht, der