gar viele Pfeile stecken; indem erstens ..."
"Es ist schon gut, Schulmeister", fiel ihm der Alte in die Rede, indem er ihn mit einem zweideutigen Blicke mass. "Warum kommt Ihr heute so spät? Wir haben alles aufgespeist."
Der Schulmeister Agesilaus liess seine Augen in die Ecke des Zimmers dringen, worin ein kleiner Tisch stand, ärmlich gedeckt. Die Knochen eines verzehrten Huhns lagen auf den Tellern verstreut. "Es wollte sich in der Eile nicht des Schilfes genug für mein Nachtlager schneiden lassen", versetzte er. "So bin ich denn hier nach dem Mahle erschienen, und werde mich zu haus mit schwarzer Suppe verköstigen müssen." Er zündete seine Blendlaterne an, schlug den groben, zerrissnen Mantelkragen, den er statt des Rockes trug, fester um sich, und entfernte sich nach höflicher Verbeugung gegen den Baron und das fräulein.
Der Alte sah sich um und murrte: "Kein zweiter Leuchter mehr hier?" Er nahm aus dem Wandschranke ein Lichtstümpfchen, steckte es in den Hals einer Flasche, und ging mit dieser Vorrichtung aus dem Stegreife davon, in tiefen Gedanken über die Erzählungen des Gastes, ohne der Tochter weiter zu achten.
Diese hatte von allen seiterigen Verhandlungen nichts bemerkt, weil sich nach der Schilderung jenes glückseligen Bergplateaus die romantische Träumerei ihrer bemächtigt hatte, in die sie nicht selten versinken konnte. Jetzt fuhr sie aus diesen Entzückungen der Abwesenheit empor, und rief: "Grosses, ungeheures Naturbild! Das Smaragdgrün der Wiesen am Abhange der Piks, vermischt mit dem Pfirsichrot der Kühe und dem Goldgelb der Kälber, sich abhebend von dem Schneeweiss der Cordillerasgipfel im Hintergrunde! O wäre ich auf Apapur ... auf Apapur ... auf der Bergebene mit dem unaussprechlichen Namen!"
Ein Windstoss warf das Fenster auf, dessen einer Flügel, nur noch morsch in seinen Nägeln hangend, zu Boden fiel, und klirrend zertrümmerte. Das fräulein aber achtete dieses Umstandes nicht sonderlich, sondern hob eine Tischplatte ab, stellte sie gegen die Lücke, und begab sich dann, gleich den übrigen Personen, zur Ruhe, um von der Bergeb'ne, mit deren langem Namen ich meine Zuhörer schon so oft habe behelligen müssen, weiter zu träumen.
Zwölftes Kapitel
Der Freiherr bringt zwar die angefangne geschichte
nicht zu Ende, handelt aber von andern
ausserordentlichen Dingen.
Münchhausen hob am folgenden Abende ohne Vorrede also an: "Der südamerikanische Indianerstamm, welcher uns gestern beschäftigte, bringt es bei seiner sauren Milchnahrung meistens zu einem sehr hohen Alter. Es ist unter ihnen gar nicht selten, dass Männer und Frauen das hunderste Jahr zurücklegen. Weil ihre Sinne und Säfte nun immer in der unmittelbarsten Gemeinschaft mit der natur verblieben, so wissen sie auch durch ein richtiges Gefühl, wenn die natur sich ihr Ziel gesetzt hat. Ein solcher Sterbegreis sagt daher ganz genau Stunde, Minute und Augenblick seines Todes voraus, flicht sich die Strohflasche, worin er sich zu bestatten gedenkt ..."
"Die Strohflasche?" fragte der Schulmeister Agesilaus. "Die Strohflasche", erwiderte der Freiherr kaltblütig. "Wenn man mir von Anfang an zugehört hätte, so würde manche Frage zu sparen sein. Holz haben sie nicht, das sagte ich schon gestern, Särge können sie folglich nicht zimmern, sie müssen sich mit getrocknetem Grase oder Stroh helfen, um ihre Leichenfutterale zu fertigen. Ein solches Futteral hat die Form desjenigen Geflechts, worin der Maraschino von Triest verschickt wird, länglicht-viereckicht, oben mit einem kurzen, etwas engeren Halse. Dahinein kriecht nun der Sterbegreis, nachdem er von seinen Angehörigen Abschied genommen hat, und endet pünktlich in dem vorhergesagten Augenblicke. Sobald er verschieden ist, binden sie eine Blase über die Mündung, und dann setzt sich die ganze Familie im Kreise um das Sterbefutteral her und isst zum Gedächtnis des Verewigten saure Milch. Hierauf tragen sie die Strohflasche nach der Felsenbank Pipirilipi, dem allgemeinen Begräbnisorte des volkes. Dort wird sie zu den übrigen gestellt. Ich habe jene Ruhestatt selbst gesehen; sie gewährt einen schönen Anblick. Wie auf Rayolen in einem wohlversehenen Keller stehen dort auf der Felsenbank viele tausend Flaschen nebeneinander, die Vorzeit des volkes ist sozusagen auf Stroh abgezogen."
"Sie waren auch auf dem smaragdgrünen Plateau?" fragte das fräulein einigermassen befremdet.
"Liebe Seele, wo wäre ich nicht gewesen!" antwortete lächelnd der Freiherr. "Ich war vor einigen Jahren europamüde, warum? weiss ich selbst nicht, denn es hatte mir niemand etwas zuleide getan, aber ich war europamüde, wie man gegen elf Uhr abends schlafmüde wird. Beschloss also, zu reisen, so weit weg, wie möglich. Weil aber heutzutage jeder Mensch, der in Betrachtung kommen will, absonderlich unterweges, interessant sein und den Spleen haben muss, reiste ich erst nach Berlin und liess mich dort im Interessantsein unterrichten; dafür zahlte ich zwei Friedrichsdor Honorar. Dann ging ich nach London, und lernte dort bei einem Master den Spleen; der Tausendsassa war aber teuer, ich musste ihm, Sie mögen es mir glauben, oder nicht, zwanzig Guineen entrichten, und ausserdem schwören, das Geheimnis nicht verraten zu wollen.
Nachdem ich so das Interessante und den Spleen weghatte, glückte es mir überall recht sehr. Ich trug mich bald als Engländer, bald als Neugrieche, zuweilen lag ich als Dame auf dem Sofa und hatte Migräne; dabei redete ich ein Kauderwelsch von Französisch und Deutsch, wie es