Sie aber scheinen der Bitte einer Frau unnahbar zu sein, die nur begehrt, was der Augenblick gebietet, den Sie mir ja auch als Lehrer der Menschen angepriesen haben. – Wohl, ich dringe nicht weiter in Sie. Aber die Zukunft der beiden schiebe ich Ihnen in Ihr Gewissen. Für alle Quälereien, Hemmungen, Verdriesslichkeiten oder gar Missgeschicke, welche Oswald und Lisbet noch haben können, bin ich für meine person nicht ferner verantwortlich."
Der Diakonus stand betreten. Von Anfang an hatte ja eine stimme in seinem inneren für die Bitte der Baronesse gesprochen. Diese stimme redete um so lauter, als er kurz zuvor so tief bewegt worden war. Das Grosse, Echte, Menschliche war ihm in der Gerichtshalle so nahegetreten; er fühlte, dass es Dinge und Verwickelungen gebe, in denen der Mensch sich vergessen und nur an das Wesen, und an das Los anderer denken soll.
Nach einigem Schweigen erwiderte er Clelien: "Sie haben mich auf eine probe gestellt. Selten wird es vorgekommen sein, dass ein Geistlicher sich scharf tadeln lassen muss vor einer heiligen Handlung, die man von ihm begehrt. Folgte ich einer kleinlichen Empfindlichkeit, so würde ich bei meinem Versagen beharren. Ich bin aber nicht empfindlich, sondern erkläre Ihnen ganz einfach: Sie haben recht. Ich bin bereit, dem Bunde, welcher uns alle, wie es scheint, durch seine liebliche Kraft über das Gewöhnliche erhebt, Weihe und Unlösbarkeit zu geben."
Fancy hatte sich schon während der letzten Worte mit dem Ornate in der tür gezeigt. Der Diakonus ging hinaus und kam nach einigen Augenblicken im priesterlichen Kleide zurück. – "Wollen wir ihn nicht vorbereiten lassen?" fragte Clelia. – "Wozu?" versetzte der Diakonus. – "Das Göttliche regt nicht auf; es beruhigt. Still treten wir bei ihm ein und ich sage ihm dann in kurzen Worten sanft, was wir wollen; das ist wohl die beste Vorbereitung."
Er nahm Lisbet bei der Hand, die Frauen folgten. Schweigend und gefasst gingen diese guten Menschen nach dem Zimmer, in welchem sich auf den Glücklichen, der noch nichts ahnete, sogleich ein Segen herniederlassen sollte, rein, gross, himmlisch.
Ende
Zwei Briefe
I
Sie wollen mir, lieber Herr Buchbinder, wie ein Londoner Publikum, das Nachspiel zu der Tragödie, die einen heiteren Ausgang gewann, nicht erlassen. Sie fragen mich nach unterschiedlichen Dingen und Personen, und da Sie mir während der Arbeit rechtschaffen beigestanden haben, teils durch Heften des Manuskripts, teils durch guten Rat, so will ich Ihnen auch darin gern, inwieweit ich kann, gefällig sein.
Vor allen Dingen wünschen Sie zu wissen, was der Arzt zu der Vermählung gesagt habe. Herr Buchbinder, Sie sind ein schlauer Vogel. Der Doktor kam ungefähr eine Stunde nach der Trauung in das Haus und fand noch alles in Entzücken und Tränen. Er war aber gar nicht entzückt und vergoss auch keine Träne. Sondern bitterböse war er und rief: "Verdammt, dass der Humor immer wörtlich genommen wird! Allerdings war der Graf in grosser Gefahr, und noch jetzt ist ein Rückfall zu besorgen, wenn man ihn nicht vor Gemütsbewegungen in acht nimmt." Er hatte hierauf mit der Baronesse ein Gespräch unter vier Augen. Infolge desselben wusste die junge Dame die neue Gräfin zu bestimmen, dass sie noch an ihrem Hochzeittage mit ihr abreiste, und so trennte sich das Paar wenige Stunden nach seiner ewigen Vereinigung unter heissen Tränen, aber mit freiem und würdigem Entschlusse. Nachdem Clelia ihren entronnenen Gemahl aus dem Osnabrückschen sich wiedergeholt hatte, reisten sie zusammen durch Holland, Belgien, Frankreich, England bis nach Schottland. Die junge Frau oder Braut sah vieles, merkte auf alles und wechselte mit ihrem Gemahle oder Bräutigam die schönsten Briefe. Man sah ihr nirgend an, dass sie nur ein Findling war, sondern sie betrug sich wie eine geborene Gräfin. In England wurde sie der Königin vorgestellt, diese küsste sie auf die Wange und die Frau von Lehtzen nannte sie "my dear Eliza".
Endlich nach sechs oder sieben Monaten schlug die Stunde der Heimkehr. Der Graf, nun ganz wiederhergestellt, kam den Reisenden bis Rotterdam entgegen und führte sein bräutliches Weib in grosser Wonne auf das hohe Schloss am Neckar.
Der alte Baron, über welchen sich bei dem Einsturze des Schlosses schützend ein Stück Dach gespreitet hatte, wurde dadurch vor dem Zerquetschen bewahrt. Er schlug nur mit der Stirn auf einen harten Körper, einen Stein oder Balken, auf und trug eine grosse Brausche davon. Einige Tage lag er betäubt, als er aber wieder zukehrte, war er von allen und jeglichen Einbildungen geheilt. Entweder muss daher an ihm das Dogma des Dorfchirurgen vom Schock und Gegenschock sich bewährt haben, oder die fixen Ideen sind ihm früher von einem Knoten im Hirne entstanden, den ihm die Erschütterung des Falles gesprengt hat. Genug, er war auf den Kopf gefallen und dadurch zu verstand gekommen.
Einen grossen Schmerz hatte der alte Mann über die Gefühllosigkeit seiner Pflegetochter, wie er ihr Benehmen nannte. Er wollte sie auch deshalb gar nicht sehen, als sie ihn endlich besuchte, und sie musste, nachdem sie drei Tage inständig bittend verweilt hatte, unverrichteter Sache abreisen. Jede Einladung nach dem schloss am Neckar hat er beharrlich abgelehnt. Die jungen Gatten sorgen aber dennoch für ihn durch einen seiner alten Freunde, der von ihnen ins Vertrauen gezogen worden ist. Dieser zahlt ihm nämlich reichliche Summen