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einen guten Rat!" Sie lief hin und her, ihr Taschentuch windend.

"Wenn wir nur einen Prozess oder ein Aktenstück ihm in der Ferne zeigen könnten!" rief Fancy, die nun fast ebenso ängstlich sich zeigte, als ihre Gebieterin. "Mit Speck fängt man MäuseHm! Wie? Jawasrichtigich hab's – Viktoria!"

"Was?"

"Wo ist die Assise?"

"Die Assise?"

Fancy lief auf das gestern abend gelesene Zeitungsblatt zu. "Hier!" sagte sie und zeigte mit dem Finger auf eine der Anzeigen.

Clelia lachte. – "Nun, albernes Mädchen?"

"Hinein, gnädige Frau mit der jungen Dame in mein Kabinett!" rief sie, "Sie möchten sich nicht genug verstellen können. Ich schaff den Oberamtmann fort."

Clelia eilte mit Lisbet in das Kabinett. Der Oberamtmann trat in das Zimmer. – "Ich hörte hier laut sprechen", sagte er. "Die stimme der Baronesse unterschied ich und die des Mädchens. Wo ist Ihre gnädige Frau? Wie steht es?"

"Ganz vortrefflich", versetzte Fancy mit Emphase. – "Die sogenannte Braut ist beseitigt, abgemacht, hinüber. Noch heute abend reist sie nach Hamburg und wird dort Erzieherin in einer Pension, mit sechsundfünfzig Talern Gehalt. Aber wie haben auch die gnädige Frau gesprochen! Göttlich, sage ich Ihnen, Herr Oberamtmann, von Tugend, Entsagung und uneigennütziger Liebe; Sie würden Ihr blaues Wunder gehört haben, ich wurde recht erbaut und fasste gute Vorsätze für mein ganzes Leben, wenn ich auch einmal sollte das Unglück haben, dass mich ein junger vornehmer Herr heiraten wollte. Die Lisbet bat die Baronesse zuletzt kniefällig um Verzeihung, dass sie nur im Ernst an den Grafen gedacht habe. Jetzt ist sie mit dem kind spazieren gegangen, um in der freien natur sie zu trösten und sie noch recht in der Vernunft zu befestigen. Wenn sie aber nach Hamburg abgereist ist, dann will sie auch den Herrn Vetter auf eine gute Art zu behandeln anfangen."

Kein treuer Staatsdiener, dem von seiner vorgesetzten Behörde ein glänzendes Lob zugeht, kann frohere Augen machen, als der Oberamtmann machte. Er schlug in die hände, dass es schallte, zog einen ganzen Schoppen Luft in sich und rief: "Nun, Gott sei Dank! So wäre denn also dieses schwierige Geschäft glücklich beendigt. Ach, Sie glauben nicht, Fancy, was für eine Angst ich ausgestanden habe. Aber meinen Kopf hätte ich daran gesetzt, es durchzutreiben."

"Sie können lachen", sagte Fancy. "Wir haben die Not gehabt, und Sie hatten das Zusehen. – Und was halte ich hier in der Hand, Herr Oberamtmann?" – Sie hob das Zeitungsblatt empor.

"Was denn, liebe Fancy?" – Er las. – "Zeitung vomvomei, die habe ich nicht zu sehen bekommen! – Hm! Was steht denn da? – – Assisen in Elberfeld!" rief der Geschäftsmann mit einem Freudenschrei.

"Das hat die gnädige Frau heute gefunden, und feurige Kohlen sammelt sie auf Ihrem haupt, vergibt Ihnen die Szene von gestern abend und trug mir auf, Ihnen das Blatt da zu zeigen, damit Sie Ihren Wunsch erfüllen können. Der Ort soll nicht gar zu weit von hier sein. Wenn Sie gleich Post nähmen, so kämen Sie noch spät abends dort an. Und unterdessen, dass Sie fort sind, machen wir hier alles mit dem jungen Herrn fertig."

"Also wirklich soll ich doch noch das öffentliche Verfahren kennenlernen!" sprach der Oberamtmann gerührt. – "grosser Gott, wenn sie nur nicht schon vorüber sind! Sie gingen nach der Anzeige da vor vierzehn Tagen an. Ich hoffe indessen noch zwei oder drei Tage zu erhaschen, denn wie ich am Rheine vernahm, so pflegen sie in die dritte Woche ihrer Dauer überzugreifen." – Er wischte sich die Augen. – "Deine Baronesse ist doch eine herrliche Frau", sagte er. "Empfiehl mich ihr auf das angelegentlichste und sage ihr, in drei Tagen sei ich wieder da, wenn nicht etwa gar zu interessante Sachen vorkämen, denn dann bliebe ich wohl noch etwas länger aus. Adieu, liebe Fancy."

"Sie fahren?"

"Sogleich. Ich gehe auf der Stelle selbst zum Postalter."

Er eilte fort.

Fancy sprang ausgelassen im Zimmer umher. Clelia trat mit Lisbet aus dem Kabinette. Lisbet trug den Myrtenkranz, den ihr Clelia drinnen aufgesetzt hatte. "Lauf, Fancy, lauf!" rief sie. "Schaff mir den Diakonus, lebendig oder tot", setzte sie in ihrer sprudelnden Laune hinzu. Fancy lief hinunter.

"Was haben Sie denn mit mir vor, gnädige–"

"Clelia sollst du mich nennen, werde ich nicht deine Kusine?" versetzte die Baronesse und gab ihr einen leichten Schlag mit dem Zeigefinger über die Wange. – "Was ich mit dir vorhabe? Trauen will ich euch lassen, im Augenblick!"

"Mein Gott, welche Übereilung!" rief Lisbet froh und bestürzt.

"Keine Widerrede", sagte Clelia. "Soll es geschehen, so kann es nur in der Übereilung geschehen. drei Tage bleibt der Oger weg, das Aktenungeheuer; nicht drei Viertelstunden will ich verlieren. Euer Bund ist ausser aller Ordnung und Regel,