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die wahre Liebe empfängt, der empfängt die Ewigkeit in seinem Herzen. An der Ewigkeit aber ist kein Vergang und so rühren Sie denn auch nicht weiter das ewige Wort meines Herzens an, gnädige Baronesse! – Die Frau unseres Wirtes hier, die sich hin und wieder mit mir beschäftiget hat und der Meinung ist, ein Mädchen brauche aus Büchern nicht viel zu lernen, aber durch den Anblick schöner Menschen lerne ein Mädchen etwas, gab mir in den letzten Wochen Briefe von einer Freundin zu lesen. Die Freundin hat mit ihrem mann in einer kurzen, himmlischen Ehe gestanden, und der Mann hatte immer gesagt, das Glück sei zu schön, als dass es lange dauern könne. So war denn auch sein Tod wirklich bald erfolgt. Von den letzten Tagen schrieb nun die Freundin unter anderem auch. Er hatte eine fürchterliche Krankheit, die den Hals zusammenschnürte, so dass der Mensch ersticken muss. Den letzten Tag nun hatte der Kranke kaum noch sprechen können, aber immerdar hatte er auf seinen Trauring gesehen und auf denselben gewiesen und dazu mit der grössten Anstrengung hervorgestossen das Wort: 'Ewig!' Er wand sich in seiner Todesqual, aber das Wort keuchte er, solange ein laut aus seinem armen mund kommen konnte. Und so starb er in der Ewigkeit der Liebe.

Also wird es nun auch mit mir sein und Oswald. Es ist möglich, dass wir nicht lange beieinander sind, denn auch uns steht ja ein grosses und unbeschreibliches Glück bevor. Aber wer nun zuerst sterben möchte, der wird dem andern, solange die Lippe lallen kann, zustammeln: 'Ewig!' als ein Wort des Trostes, dass die Erde des Grabes die Liebe nicht überschütte! – Was aber das Grab nicht vermögen wird, davon werden Sie, gnädige Frau, gewiss abstehen, denn in Ihnen ist ein liebliches und freundliches Leben. – Vergeben Sie mir, dass ich so ohne Rückhalt sprach, ich würde alles Ihrem Vetter überlassen haben, denn er ist mein Herr, wäre er schon ganz hergestellt. Da er aber noch nachleidet, so musste ich reden, weil ich zu reden aufgefordert wurde, und musste ihn und mich verteidigen gegen die Welt und den Dämon, wovon er vor einigen Tagen vorahnend gesprochen hat!"

Letztes Kapitel

Fröhliche Siege

Clelia lag erschüttert und aufgelöst im Sofa. Durch alle Torheiten der lieblichen Törin hatte sich die natur gewaltig Bahn gebrochen. Sie achtete nicht mehr darauf, die Chatelaine zu verbergen, ihr Taschentuch hatte sie erhoben und vor das Gesicht gedrückt.

Fancy trat in die tür des Seitenkabinetts. "Kommen Sie einen Augenblick herein, lassen Sie ihr Zeit", flüsterte sie. Lisbet ging etwas bestürzt in das Cabinet. Fancy nötigte sie auf einen Sessel und mass mit einem seidenen Faden den Umkreis ihres Haargeflechtes und dann legte sie das Mass an einige Zweige des Myrtenbäumchens. Sie schnitt die Zweige ab und verband sie zum Kranze.

Auch das Mädchen hatte eine Träne im Auge. Sie sagte während Ihrer Arbeit: "Wenn ich sie so weinen sehe, schäme ich mich meiner Listen, und doch waren sie notwendig. Denn hätte ich sie nicht durch meine Unterwürfigkeit konfus gemacht und sie nicht in die Verlegenheit hineingeputzt, so hätten Sie, junge gnädige Gräfin, mit ihr einen härteren Stand bekommen, oder der Herr Oberamtmann packte die Sache wieder an und dann würden Sie es nicht durchgesetzt haben. – Die Fancy ist aber dankbar. Seien Sie so gütig, dem Herrn Gemahl zu sagen, die Kastellanstochter habe sich für den alten Vater revanchiert."

Lisbet verstand nicht, was das Mädchen wollte. Sie hatte auch nicht Zeit, danach zu fragen, denn in Clelias Zimmer hörte sie laut schluchzen und dann ebenso laut lachen und darauf wieder schluchzen und so wechselte es immer ab zwischen lachen und Schluchzen. Endlich rief es leise und innig ihren Namen. Als Sie in das Zimmer trat, kam ihr Clelia entgegen, schloss sie in ihre arme, nannte sie Kusine und sagte: "Du sollst ihn haben."

Die junge liebliche Törin gehörte zu den glücklichen Naturen, die, wenn sie närrische Streiche gemacht zu haben einsehen, ohne viele Weiterungen durch Wort und Tat bekennen: Wir haben närrische Streiche gemacht. – Kein Schmollen, kein Hinzögern, kein falscher Widerstand hauchte über den Spiegel dieser komisch anmutigen Seele. Lisbet hatte sie überwunden, und sie schämte sich nun der Niederlage nicht. Sie drückte sie an sich, sie streichelte ihre Wangen, sie gab ihr die zärtlichsten Namen, nannte sie ihr kaiserlich Kind und eine geborene Prinzessin der Ehre. Lisbet war von dem plötzlichen Wechsel wie betäubt und ruhte freudetrunken an der Brust der ihr noch vor wenigen Minuten so feindlich gewesenen neuen Freundin. Clelia schlug ihren Arm um den Nakken des bräutlichen Kindes und ging mit ihr halbtanzend auf und nieder; dann stellte si'e sich mit ihr vor den Spiegel, stemmte die hände in die Seite und sagte, drollige Vergleichungen anstellend: "Cendrillon und daneben alle drei fräulein Schwestern in einer person." Sie drohte ihrem Spiegelbilde, schnitt ihm neckische Gesichter und rief: "Wie kann man sich so aufdonnern?"

Sie war in einem Taumel der Lust und trieb darin Rührendes und Possenhaftes durcheinander. Plötzlich kam aber Fancy gesprungen und rief: "Gnädige Frau, der Oberamtmann!"

"O mein Himmel!" rief Clelia. "Der muss weg, gleich weg, unter jeder Bedingung weg! Wie kriegen wir ihn weg? Fancy, gib