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sagte: "Gnädige Frau, entschuldigen Sie, wenn ich an dieser Stätte noch nicht zu ruhen wage. – O mein Gott, wie weit sind wir auseinander, wie hätte ich das mir denken können, und wie soll ich es nun anfangen, alles, was mir im Herzen wogt, Ihnen auszusprechen und dennoch die Bescheidenheit gegen Sie nicht zu verletzen? – Sie wüssten mit mir zu empfinden? Gnädige Frau, ich wenigsten weiss mit Ihnen nicht zu empfinden."

"Wie? Sie fühlen keine Verpflichtung, ihm zu entsagen?" fuhr Clelia auf.

"O nein! nein! nein!" rief Lisbet mutig. "Diese Verpflichtung fühle ich durchaus nicht, Frau Baronesse. Entsagen soll ich ihm, das ist Ihre Meinung. Und warum? Dass der Findling nicht in das Haus der Grafen Waldburg eindringe, dass der Graf Oswald eine Gräfin heiraten könne oder eine Fürstin, dass er in Harmonie bleibe, wie Sie es nennen, mit den Verhältnissen des Lebens. Ja, ich weiss, so steht es geschrieben oft in den Liebesgeschichten, die ich gelesen. Das Mädchen hält eine schöne Rede von Entsagung und von Pflicht und dann verhüllt sie sich und geht weg und der Liebste sieht sie nie wieder. Gnädige Frau, wenn die Leute, die solche Geschichten aufschreiben, das nicht aus ihrem kopf erfinden, so sind solche Mädchen ungereimte Mädchen, abscheuliche Mädchen, Verräterinnen an ihren Liebsten! – Glück? – Ich kenne nur ein Glück und nur ein Elend! Und mein Glück ist, wenn ich mit Oswald zusammenbleibe und sein ehrlich Weib werde und das Elend des Gegenteils kann ich gar nicht ausdenken, denn es ist unsäglich. So also steht es mit mir. Und von ihm sollte ich geringer denken, als von mir? Von ihm, der mich sein Leben, seine Zuversicht genannt hat? Worte sollten das gewesen sein, Worte eines, der nicht weiss, was er spricht? Nein, ein treuer Mensch sagte sie, ein wahrer, ein aufrichtiger Mensch. Die Entsagung, welche Sie von mir verlangen, wäre ja also das schwerste Verbrechen, das ich nur an Oswald begehen könnte. Ich würde sündig an seiner unsterblichen Seele, zugäbe ich, dass ihm ein Name, ein Wappen werter sei, als das Heiligtum seiner Empfindungen! Zur Schelmin würde ich an dem Herzblute meines Bräutigams, welches seine Lippen verschütteten, weil er einen Tag lang sich nicht in Lisbet zu finden wusste. Zu tod wollte er sich bluten, weil ich in meiner dummen Torheit die Breite eines Landweges zwischen uns gesetzt hatte! Und er sollte leben bleiben, wenn ich die Welt und das Schweigen und die Finsternis zwischen uns würfe! Nein! Ich entsage ihm nicht, nicht entsage ich ihn in das Elend und in die Leere hinein!"

"Gott wird Sie aufklären!" eiferte Clelia. "Gott wird diese Trugschlüsse der leidenschaft zunichte machen! Das ist eben deren Entsetzliches, dass nichts für sie vorhanden ist als sie, nicht Erde nicht Himmel, und dass sie sich so in die greuliche Öde hineinstürmt, daraus nachher kein Entrinnen! – Aber Gott wird Ihnen beistehen, wird Sie schirmen vor dem geistigen tod. Sie sind fromm, ich sehe Sie in die Kirche gehen, Sie im Gesangbuche lesen. Gott wird ein Licht in Ihrer Seele anzünden."

"Gott ist bei mir in dieser Stunde, er legt mir die Worte auf meine einfältigen Lippen", erwiderte Lisbet. – "Ich weiss nicht, ob ich fromm bin, kümmerlich bin ich herangewachsen, aber zur Kirche habe ich mich freilich immer gehalten und an den Allmächtigen glaube ich. Jedoch, seit ich Oswald liebe, habe ich nur ein Gebet und das lautet: 'Vater sei mit ihm und mir!' – Ich bete nicht für ihn allein und nicht für mich allein, sondern für uns beide bete ich, und das, meine ich, ist das Licht, welches Gott mir in der Seele entzündet hat. Die Erde sehe ich unter mir, den Himmel über mir, und wo wehet der Sturm, der mich fortstürmt?"

Leidenschaftlich rief Clelia: "Bedenken Sie doch nur seine Verhältnisse, bedenken Sie seine Verwandten, von denen die meisten so stolz sind, bedenken Sie unseren König, bedenken Sie endlich Oswalds eigenes Herz, das von äusseren Umständen, von Widerspruch mit den Forderungen der Welt so leicht in Verlegenheit gesetzte Herz eines Mannes, sehen Sie doch um des himmels willen die Dinge, wie sie sind!"

"Ja, gnädige Frau, ich sehe die Dinge, wie sie sind, nicht wie sie scheinen. Hätte er noch Eltern, so wäre es etwas anderes. Der Eltern Macht ist von Gott, das weiss ich, obgleich ich arme keine hatte. Entsagen würde ich ihm zwar immer nicht, wenn er auch noch Vater und Mutter besässe, aber geduldig harren und zu ihm sprechen: 'Oswald, harre auch du in Geduld, bis Gott deiner Eltern Sinn wendet!' Jedoch so! Verhältnisse und immer Verhältnisse! Ei, ist es nicht auch ein Verhältnis, wenn ich seine Frau bin? Also Verhältnis gegen Verhältnis, und wir wollen erwarten, welches das mächtigere und bessere sei! – Nehmen seine stolzen Oheime und Tanten ihn in ihre arme, dass er darin ruhe und lächle und wachse und gedeihe? Nein. Aber ich werde es tun. Baut ihm Ihr König sein Haus auf? Nein. Aber ich werde