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doch wieder etwas von seinem Besuche, und sah ihn mit scheuen Blicken von der Seite an. Der Schulmeister aber fuhr gesetzten Wesens fort: "Ich weiss, was Sie von mir denken, mein gönner. Sie halten mich für verrückt. Sie irren sich, Herr Baron; ich bin nicht verrückt. Es sollte mir leid tun, wenn ich mich in diesem Zustande befände, denn dann könnten Sie mir mit Recht dasjenige versagen, um welches ich Sie dringend ansprechen muss. Ich habe meine fünf Sinne vollkommen beisammen, und weiss, dass ich ein Nachkomme des alten Königs Agesilaus bin, dass ich folglich die Verpflichtung habe, spartanisches Leben und Wesen in mir darzustellen, welches wohl überhaupt ein herrliches Korrekti-vum für diese weichliche, abgeschwächte, übergelahrte und sophistische Zeit sein möchte."

Der Baron fragte, um nur etwas zu sagen: "Ist es denn wahr, was ich gehört habe, dass Ihr abgesetzt seid, Herr ... Herr ... Agesilaus ... nicht? so nennt Ihr Euch?"

"Abgesetzt allerdings, fortgejagt, wenn Sie so wollen, durch den Schulrat Tomasius", erwiderte Agesilaus ruhig. "Nachdem ich das grammatische Fieber, in welches ich durch jene Höllen-Lautlehre gestürzt worden war, überwunden hatte, hielt ich es für meine Schuldigkeit, die mir anvertraute Dorfjugend lakedämonisch zu bilden. Ich wies sie daher an, zu stehlen und sich nur nicht betreffen zu lassen, um ihre List und Kühnheit zu üben, ich erregte Streit und Schlägerei unter ihnen, um ihre Herzhaftigkeit zu prüfen, und ich prügelte sie allwöchentlich dreimal ohne Grund ab nach dem Muster der Geisselung am Altare der Diana. Herrlich schlug auch meine Metode an. Die Jungen fanden, dass noch nie so lustig Schule gehalten worden sei, rauften sich, dass es eine Art war, ohne zu mucksen, stahlen ihren Eltern die Äpfel vor der Nase weg, und liessen sich nicht erwischen, verschmerzten selbst die grundlosen Prügel wegen der sonstigen Ergötzlichkeiten, die sie jetzt ungestraft hatten. Aber die dummen Bauern konnten meinen Plan nicht fassen. Sie schrien, dass ich ihre Brut von Grund aus verderbe, und verklagten mich. Da hat mich nun der Schulratnun, er ist auch keiner von den hellsten Köpfenvon dannen getrieben, und also ereilte mich das Fatum."

"Ich wundre mich nur", sagte der Baron, der sich noch immer von seinem Erstaunen nicht erholen konnte, "über alle die gelehrten Anspielungen, die Euch da so vom mund stäuben, wie Federn vom Kissen, wenn das Bett gemacht wird. Woher habt Ihr das Fatum und die sophistische Zeit, und was Ihr sonst noch vorbrachtet?"

"Es kommt mir alles dieses und mehreres dergleichen, wenn ich es gebrauche, wie durch innere Eingebung und Erleuchtung", antwortete der Schulmeister. "Seit die Urerinnerung an meine tapferen und unvergleichlichen Vorfahren in mir aufgewacht ist, stehen meinem geist Dinge zu Gebote, welche freilich vordem in meinem Dorfleben mir nicht geläufig waren."

Er trug nun dem Baron sein Anliegen vor, welches darin bestand, ihm Obdach und notdürftige Leibesnahrung zu gewähren, da er nach seiner Absetzung von allem entblösst sei und nichts besitze, als was er um und an sich trage. Der Baron nahm Anstand, einen tollen Menschen (denn dafür hielt er den Schulmeister), im schloss zu beherbergen, gleichwohl litt es sein gutes Herz nicht, einen Dürftigen hungern und frieren zu lassen. Er wies ihm daher ein kleines, verfallenes Gartenhäuschen, welches in der entferntesten Ecke des französischen Gartens auf einem Schneckenberge stand, und ehemals grün angestrichen gewesen war, zum Quartier an. Damit war sein Schutzbefohlner vollkommen zufrieden. Er zog ein, nannte den Schneckenberg das Gebirge Taygetus, und taufte ein kleines Wässerchen, welches ziemlich träge unter sogenanntem Entenflott in der Nähe dahinschlich, zum Eurotas um. Einmal des Tages kam er auf das Schloss, mit den Bewohnern ihre kärgliche Mahlzeit zu teilen; die zweite hielt er in seiner Behausung ab. Sie pflegte in der Regel aus einer Art von Mehlbrei zu bestehen, den er auf dem Schneckenberge an Reisigfeuer zurichtete, und seine schwarze Suppe nannte. Ausser seinem Mantel hatte er keine Kleidungsstücke; sein Getränk schöpfte er vom Brunnen mit einem alten irdenen Topfe, der ihm den spartanischen Becher oder Koton bedeuten musste, und von welchem er rühmte, dass er, wie jenes antike Schöpfgefäss, wegen seines eingebognen Randes jegliches Trübe und Unreine vom mund abhalte; alle Woche aber holte er vom schloss sich frisches Stroh zur Lagerstatt, und hiess dies, sich Schilf im Eurotas schneiden.

Nach einiger Zeit hatte der Baron alle Furcht vor seinem gast verloren. Denn er bemerkte, dass dieser über jeden Gegenstand so verständig dachte und redete, wie der gesetzteste Alltagsmensch, und dass auch seine spartanischen Vorstellungen sich zu einer sogenannten unschädlichen Schrolle, oder zu dem, was man den Wurm bei einem Menschen nennt, gemildert hatten. In der Tat musste er gestehen, dass unter den Gesetzen Schmalhansens, des Küchenmeisters, die über Schloss und Gartenhäuschen herrschten, die lakedämonische Einfachheit vollkommen gerechtfertigt war, und dass ihrem Anhänger daher die Zugabe von der Ahnenschaft des Königs Agesilaus wohl mit durchgehen konnte. Seine Gesellschaft wurde ihm nun sehr lieb; er hatte doch jemand, mit dem er in den langen Herbst- und Winterabenden plaudern konnte; er durfte nicht mehr befürchten, an dem Ideenreichtume, den die Journale in ihm hervorbrachten, zu ersticken