1836_Immermann_045_288.txt

Triumph darüber nicht verbergen. Es wäre möglich gewesen, dass Clelia ihm dennoch die ganze Angelegenheit in seine hände zurückgegeben hätte, aber dann musste er sich respektvoll, ernst und zurückhaltend nehmen. Er kam jedoch schmunzelnd, mit einer gewissen Überlegenheit in blick und Haltung, er nahm sich vor, einen Scherz aus der Sache zu machen, sie nicht zu wichtig zu nehmen. Es war der erste Scherz, den der arme Oberamtmann auf der Reise ausgehen liess und Ort und Stunde konnten dazu nicht unglücklicher gewählt sein.

Sobald Clelia das Schmunzeln ihres Geschäftsfreundes und ehemaligen Nebenvormundes sah, sobald sie bemerkte, dass er ihr leichtin imponieren wolle, und gar, als sie mit weiblicher Ahnungsgabe seine Absicht, scherzen zu wollen, spürte, kehrte sie in den Besitz ihrer ganzen Festigkeit zurück, die wir an ihr zu bewundern schon mehrmals gelegenheit gehabt haben.

Er trat ihr nahe und sagte lächelnd: "Nun, liebes Kind, muss der Ritter von der traurigen Gestalt dennoch vorrücken?" – Er wollte ihre Hand ergreifen. Clelia zog sie zurück und entfernte sich von ihm. Seine früheren Beziehungen zu ihr hatten ihm das Recht vertraulicher Anreden gegeben, und wie oft war von ihm dieses Recht geübt worden! Aber heute wollte Clelia nicht sein liebes Kind sein, heute verlangte sie die volle Courtoisie und Titulatur von ihm.

Er folgte ihr nach. – "Clelchen", sagte er noch schmunzelnder, "es ist mir lieb, dass Sie einsehen, für dergleichen nicht zu passen. Nun, schämen Sie sich nur nicht; Don Quixote tritt vor den Riss." – Abermals trachtete er nach ihrer Hand, die er zärtlich küssen wollte, denn Geschäftsmänner sind nie galanter, als wenn sie den Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit in Verlegenheit sehen. Clelia riss jedoch beinahe ihre Hand zurück und rief mit scharfem Akzent: "Herr Oberamtmann, ich weiss durchaus nicht, was Sie bei mir und von mir wollen!"

Der Oberamtmann machte ein Gesicht, ähnlich dem, was er zu machen pflegte, wenn einer seiner Inkulpaten, von dem er behaglich das unumwundenste Geständnis erwartete, plötzlich sich auf ein entschiedenes Leugnen verlegte. – Er sah Clelia starr an, dann ging er im Zimmer auf und nieder. Hierauf nahm er den Stramin in die Hand, als ob dieser ihm einen Faden in dem Labyrinte darleihen könne, dann öffnete er das Schreibzeug und blickte tiefsinnig das farbige Postpapier an, endlich stellte er seine Uhr, obgleich sie richtig ging. Nach diesen vorbereitenden Handlungen trat er vor Clelia und sagte mit dem tiefsten Ernste: "Gnädige Frau, ich bin kein Narr."

Clelia versetzte nicht minder ernstaft: "Und ich bin nicht Ihr liebes Kind und nicht Ihr Clelchen, Herr Oberamtmann."

Die Feierlichkeit dieser gegenseitigen Äusserungen war so gross, dass Fancy ein lachen verbeissen musste. Es trat wieder ein langes Schweigen ein. Endlich unterbrach es der Oberamtmann und sagte: "Ich muss Sie ersuchen, bis morgen abend die Einwilligung der sogenannten Braut, welche wie ich höre, heute abend zurückkommen wird, herbeizuschaffen. Wofern Umstände dies verhindern sollten, so werden Sie entschuldigen, wenn ich das Versprechen Ihrer Mühwaltung in der Sache als von Ihnen widerrufen betrachte und mich derselben unterziehe." – Nach diesen Worten, die er gemessen und kalt vorgebracht hatte, empfahl er sich mit einer steifen Verbeugung.

Clelia kam an diesem Abende nicht zu Tische. Fancy suchte sie durch eine Vorlesung zu zerstreuen. Sie las ihr nämlich ein vierzehn Tage altes rheinisches Zeitungsblatt vor, welches auf dem Zimmer lag. Sie las es von Anfang bis zu Ende, erst las sie von den Verwickelungen im Orient, dann von den Kreuz- und Querzügen der Christinos und Karlisten, dann, wie liebenswürdig sich der und der da und da benommen, dann von der soundsovielsten grossen ministeriellen Krisis in Frankreich, endlich von einigen deutschen Händeln. Hierauf ging sie zu den Anzeigen über, an deren Spitze die Verkündigung von Assisen in Elberfeld stand. Es folgten zu vermietende Wohnungen, brave Mädchen sagten, dass sie gut nähen und bügeln könnten und ein Anstreicher suchte einen gesitteten Jüngling für sein Geschäft. Später sehnte sich jemand nach einem entflogenen Kanarienvogel, einem anderen war dagegen ein brauner Dachshund zugelaufen. Dazwischen fuhren die Dampfschiffe regelmässig alle Morgen, auch waren reingehaltene Bleicharte zu haben, wobei aber ein zweifelsüchtiger Leser ein grosses Fragezeichen mit Rotstift gesetzt hatte. Zuletzt wurde Harmoniemusik an verschiedenen Orten gemacht, und dazu der Saison angemessene Speise dargeboten.

Clelia widmete dieser ganzen Vorlesung wenig Aufmerksamkeit. Nur als sie von den Assisen hörte, mochten ihre Gedanken, welche sich noch immer ärgerlich bei dem Oberamtmann aufhielten, angeregt werden, weil sie ihn so oft sehnsüchtig davon hatte reden hören. Sie rief: "Nun dahin könnte man ihn ja gleich schicken, wenn er sich hier lästig machen will!"

Spät hörte man einen Wagen vorfahren. Lisbet kehrte zurück.

Clelia befahl ihrer Jungfer, das Mädchen gegen die Mittagsstunde des folgendes Tages zu ihr zu rufen, "denn", sagte sie, "wenn man jemand wider seinen Willen zu etwas bestimmen will, so darf man ihn nicht im Negligé empfangen." Sie ging mit vieler Würde zu Bett und dachte in dieser Nacht, wenn sie erwachte, nicht einmal an ihren pflichtvergessenen Gemahl, sondern nur an die Aufgabe des folgenden Tages.

Siebentes Kapitel

Was Lisbet auf die Ermahnungen zu einer

uneigennützigen und entsagenden Liebe antwortete

Fancy nahm im ersten Morgenstrahl von dem Blumenbrette vor ihrem Fenster, wo der Diakonus