Mixtur nach gar nichts schmecke und liess sie, nachdem sie einige Esslöffel voll zum teil eingenommen hatte, ärgerlich zum Fenster hinauswerfen. Sie sagte, sie wolle die Naturkräfte walten lassen, die ganze ärztliche Kunst sei Scharlatanerie.
Es fiel ihr ein, dass sie einige Briefschulden abzutragen habe; Fancy musste daher das mit gepresstem braunem englischem Leder überzogene und mit Goldstäben gezierte Reiseschreibzeug auf den Tisch setzen, öffnen, die feinen roten, gelben und blauen Briefblättchen, die Stahlfedern mit silbernem Griff, die Oblaten von Mundlack mit Devisen und den bronzenen Briefbeschwerer herausnehmen. Als dieser geschmackvolle Apparat bereitgestellt war, erklärte Clelia, dass sie nicht wisse, was sie aus dem elenden Orte schreiben solle. Fancy packte still den bronzenen Briefbeschwerer, die farbigen Blättchen, die Oblaten und die Stahlfedern ein, schloss das Schreibzeug zu und stellte es wieder weg.
Gern wäre Clelia mit ihrem Vetter öfter zusammengekommen, aber es blieb bei kurzen, formellen Besuchen, denn ihre Gutmütigkeit konnte im Bewusstsein dessen, was geschehen sollte, eine befangene Stimmung nicht überwinden. Auch Oswald war einsilbig; er sehnte sich nach Lisbet und entbehrte sie schmerzlich. Diese blieb mehrere Tage lang aus, und die Qual des Harrens gab der jungen Baronesse die übelste Laune, die sich plötzlich gegen das arme Kind wendete.
"Fancy", sagte sie am dritten Tage, "wenn das Mädchen morgen nicht kommt, wenn ich noch länger hier herumgeführt werde, so fürchte ich bei der Unterredung von meiner Heftigkeit."
"Es wäre nicht zu verwundern, wenn die gnädige Frau heftig würden, denn so lange auf sich warten zu lassen, ist unerlaubt", erwiderte Francy.
Die junge Dame bedachte sich und sagte: "Aber wenn mir recht ist, so habe ich ihr ja gar nicht ankündigen lassen, dass ich mit ihr reden wollte."
"Nein, sie weiss nichts davon", sagte Fancy.
"Nun, so darf ich ihr ja auch deshalb nicht zürnen!" rief Clelia zornig.
"Wenn Sie sonst nicht wollen, gnädige Frau, nein."
Der Stramin, dieser Zeitvertreiber, wurde abermals zur Hand genommen. Clelia nähte eine halbe Dreifaltigkeitsblume, seufzte aber plötzlich, liess den Stramin in den Schoss sinken und sagte gepresst und schwer: "Edmund kann es nie verantworten, was er an mir getan hat."
Fancy seufzte auch und sprach: "Ich hätte das nimmermehr von dem Herrn gedacht."
"Jungfer", sagte ihre Gebieterin mit einem strengen Tone, "ich verbitte mir alle Bemerkungen über meinen Gemahl."
"O mein Gott!" rief Fancy und weinte, "nun sehen die gnädige Frau, was es zur Folge hat, wenn Herrschaften ihre Untergebenen durch zu grosse Güte verziehen. Ich erlaube mir schon Bemerkungen über den gnädigen Herrn."
Sie schluchzte und konnte sich über ihren Fehler gar nicht zufriedengeben.
"Lass es doch nur gut sein, das Schluchzen!" rief Clelia ärgerlich. – "Ich habe mich jetzt ganz kurz entschlossen. Meine Gesundheit kann ich hier nicht zusetzen. Ich werde die Sache doch dem Oberamtmann überlassen."
Fancy war die Beredsamkeit selbst, diesen Entschluss zu loben. "Ja", sagte sie nach einer preisenden Rede über die doch stets so richtigen Gedanken der Herrin, "ja, der Herr Oberamtmann mag nur die Leutchen, die nicht zusammengehören, auseinanderbringen. Für die gnädige Frau passt das auch nicht, Sie haben zu so etwas Feinem und Verwickeltem keine Anlage, nicht ein Kind könnten Sie, wenn es eine dumme Unart auslassen will, davon abhalten, aber der Herr Oberamtmann ist darauf gewitzigt, o der hört das Gras wachsen und macht einen mit der feinen List nach seiner Pfeife tanzen, wie er will. Ich wette darauf; womit Sie sich in Gedanken schon drei Tage lang ängstigen, das hat er morgen in einem Viertelstündchen fertig; die Mamsell reist sacht ab, weint ein paar Tränen, trocknet sie auf der nächsten Station, den jungen Herrn Grafen wird er auch bald herum haben, denn er besitzt einen ganz ausserordentlichen Verstand in dergleichen Sachen, und so klug Sie sind, gnädige Frau, darin stehen Sie ihm nach. – Nein, Ihre Gesundheit dürfen Sie nicht zusetzen und noch dazu umsonst, denn es würde Ihnen schwerlich glücken, aber der Herr Oberamtmann ist der Mann dazu. Gleich hole ich ihn her, damit Sie ihm Ihre veränderte Meinung sagen können."
Die Baronesse hätte gern den unaufhaltsamen Fluss dieser Reden gehemmt, es war ihr aber nicht möglich, Fancys Zunge zum Schweigen zu bringen. Jetzt endlich konnte sie zum Worte kommen. Hochrot und mit den kleinen Füssen stampfend, rief sie: "Nein! Nein! Nein! du sollst den Oberamtmann nicht holen, ich bin ebenso klug als er, Fancy bleib hier! Fancy! Fancy!" – Aber Fancy hörte nicht, sondern sprang fort. – "Gott!" rief Clelia, fast weinend vor Verdruss, "es ist doch zu arg mit einer solchen Gans von Mädchen, die immer das Echo von einem macht, da bringt sie wahrhaftig den Aktenmenschen schon herauf; der Himmel sei ihm gnädig, wenn er sich über mich mokiert! Aber was sage ich ihm? denn nicht um die Welt lasse ich ihn sich einmischen."
Der Oberamtmann betrat mit Fancy das Zimmer. Fancy hatte ihm wirklich gesagt, die gnädige Frau wisse sich durchaus keinen Rat, die Mesalliance zu hindern, und der erfahrene Geschäftsmann konnte seinen