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bloss, damit er den armen Untertanen, die ganz ausgesogen waren, nicht viel koste. Dieses segnet ihm nun der liebe Gott an seinen alten Tagen in Fülle, und er ist wieder recht in guten Umständen und ganz wohlauf, und Gott erhalte ihn lange dabei! Und noch neulich hat er einem armen Menschen in unserer Nachbarschaft, den einer wegen Zinsen und Lasten mitten im Winter hatte vom hof herunter subhastieren lassen wollen, das Geld aus seiner tasche gegeben, und wenn er kann, soll ihm der es wiedergeben, und wenn er nicht kann, so tut es auch nichts, hat der König gesagt.

Deshalb haben wir immer, mochten wir auch von vielen Geschichten um uns herum nichts wissen, wenn wir anstiessen, gerufen: 'Der König soll leben!'

Jetzt komme ich auf meine letzte Sprache, Herr Diakonus und Herr Richter. Wenn der Mensche bei sich fertig ist, so gehen seine Gedanken wandern mit den Wolken, die da ziehen, und mit den Lastwagen, die vorbeifahren über den Hellweg. Und so gingen die meinigen auch mitunter über Börde und Haarstrang hinaus und ich dachte, wenn nun da draussen sich auch jedermann so lernte auf sich verlassen und stellte sich zusammen mit seinesgleichen, der Bürger mit dem Bürger, der Kaufmann mit dem Kaufmann, der Gelahrte mit dem Gelahrten und auch der Edelmann mit dem Edelmanne, und machten ihre Sachen mehrenteils untereinander ab ohne die Herren von der Schreiberei draussen, so wären die Pfeifer aus der Rübsaat getan und es müsste eine ganz herrliche und kostbare Wirtschaft geben. Denn die Menschen wären dann nicht wie die dummen Kinder, die immer schreien: 'Vater! Mutter!' wenn sie einen Augenblick alleine sind, sondern gleichsam ein Fürst wäre jeder bei sich zu haus und mit seinesgleichen. Dann wäre auch erst der König ein recht grosser Potentate und ein Herre sondergleichen, denn er wäre der König über vielmalhunderttausend Fürsten.

Dieses ist nun die Moral von der Heimlichkeit am stuhl und von dem Schwerte von Carolus Magnus und von den sogenannten Possen, die ich getrieben. Schreibet alles recht genau auf, Herr Skribent, was ich gesagt habe, denn ich will nicht wie ein einfältiger Mann in Euren Schriften stehen, und es soll mir ganz lieb sein, wenn meine Meinung noch andere zu lesen bekommen und es reflektiert mich nicht, wenn sie selbst bis zu dem Könige getragen wird. Von diesem habe ich nie etwas zu bitten bedurft, und ich gebrauche ihn nicht zu meines Leibes Notdurft. – Aber voll Freuden bin ich immer gewesen, sein Untertan zu sein wie ein geborener Fürst und mein Herz habe ich an ihm erfrischet all mein Lebtage."

Leuchtend waren die hellblauen Augen des Hofschulzen während des letzten Teils dieser Rede geworden, seine weissen Haare hatten sich wie Flammen emporgerichtet, die Gestalt stand wieder gross und gerade da. Der Richter sah vor sich nieder, der Diakonus dem Alten in das Antlitz; er gemahnte ihn wie ein Prophet des alten Bundes. Mit höflicher Verbeugung und stillem Gruss entfernte sich der alte Bauer.

Der Diakonus folgte ihm tiefbewegt. Draussen holte er ihn ein, legte ihm die Hand auf die Schulter, schüttelte seine Rechte und sagte ergriffen und gerührt: "Ihr habt mich erbaut, Hofschulze. Jetzt aber will ich als Euer Seelsorger und Priester Euch erbauen."

Der Alte war im Vorsaale schon wieder der schlichte Bauer geworden, der krank und angegriffen aussah. "Tuen Sie das", sagte er, "Herr Diakonus, denn Zusprache ist mir not. Ich habe gar zu viel Verdruss gehabt letztin. Ich kann es nicht überkriegen, dass die Scham geblösst ist von den heimlichen und scheuen Dingen, und sie nun umhergetragen werden in den Schriften und von dem jungen Herrn ins Reich geschleppt. Nach dem Schwerte will ich nicht weiter trachten, denn es hilft mir doch nichts, aber der Kummer darum wird mein Herz zernagen. Der Stuhl wird nun wohl eingehen."

"Lasst den Freistuhl verfallen, das Schwert aus dem Auge des Tages geschwunden sein, lasst sie die Heimlichkeit von den Dächern schreien!" rief der Diakonus mit geröteter Wange. "Habt Ihr nicht in Euch und mit Euren Freunden das Wort der Selbständigkeit gefunden? Das ist die heimliche Losung, an der Ihr Euch erkennt und die Euch nicht genommen werden kann. Gepflanzt habt Ihr den Sinn, dass der Mensch von seinen nächsten abhange, schlicht, gerade, einfach; nicht von Fremden, die nur das Werk ihrer Künstlichkeit mit ihm herauskünsteln, zusammengesetzt, erschroben, verschroben; und dieser Sinn braucht nicht der Steine unter den alten Linden, um gutes Recht zu schöpfen. Eure Freiheit, Eure Männlichkeit, Eure eisenfeste natur, Ihr alter, grosser, gewaltiger Mensch, das ist das wahre Schwert Karls des Grossen, für des Diebes Hand unantastbar!"

"Herr Diakonus, Sie machen mir viel zu viele Komplimente", erwiderte der Hofschulze bescheiden. "Indessen werde ich Ihre Worte im Herzen bewegen und sehen, was ich damit anfangen kann."

Sie gingen bis auf die Strasse zusammen. Dann trennten sie sich. Der Diakonus war in einer Erschütterung, wie er sie lange nicht empfunden hatte.

Sechstes Kapitel

Ernste und feierliche Erklärungen zwischen der

Baronesse und dem Oberamtmann

Die junge Dame Clelia hatte inzwischen die ermüdendsten Tage verlebt. Das Medizinieren unterhielt sie wohl anfangs, indessen war doch der Reiz der grossen Arzeneiflasche, welche der alte Silen gefällig verschrieben hatte, bald abgebraucht. Sie fand, dass die