gelten nicht mehr; Ihr könnt mich also höchstens länger sitzen lassen, Herr Richter, und das mögt Ihr tun, denn ich schweige und werde schweigen, müsste ich auch hundert Jahre absitzen. Wo das Schwert liegt, diese Sache geht mit mir in die Grube."
Der Richter, welcher gar zu gern das alte Schwert gesehen hätte, fuhr den hartnäckigen Verleugner heftig an, der Hofschulze aber richtete sich auf, unterbrach ihn und sagte mit plötzlicher Hoheit: "Lasset es gut sein, Herr Richter, wenn meine Bitte etwas gilt, denn ich habe mich besonnen und dieser Bösewicht wird nichts verraten. Ich werde mich ohne das Schwert zu behelfen wissen."
Der Richter liess den Patriotenkaspar abführen. "Seid nun so gut", sagte der Hofschulze, "die Sachen von mir aufzunehmen, die mit den anderen Dingen stimmen, welche bereits von mir geschrieben stehen."
Der Richter schien etwas in Verlegenheit zu geraten und erwiderte: "Das gehört ja nicht zur Sache und ich muss überhaupt erst den Herrn Diakonus vernehmen." – Dessen Verhör war kurz, es drehte sich eigentlich um nichts. Der Hofschulze wartete ruhig die Beendigung ab; dann wiederholte er seine frühere Bitte. – "Soweit ich Euch im allgemeinen verstanden habe", sagte der Richter, "wollt Ihr Sachen aufgeschrieben wissen, die sich nicht ziemen."
"Nicht ziemen!" rief der Hofschulze mit erhöhter stimme. "Ich habe Euch auf alle fragen nach der Heimlichkeit und wie ich sie verwaltet, Rede gestanden, und nun verlange ich auch mit der Manier, dass meine Auskünfte und Zusätze gehörig dazugetan werden, und soweit mir die Rechte bekannt sind, dürft Ihr mir die Zunge nicht stumm machen."
"Nun denn", rief der Richter halb ängstlich halb ärgerlich seinem Schreiber zu, "zeichnen Sie auf, was der Alte sagt."
"Ja, alt bin ich, und alt ward ich in Ehren", versetzte der Hofschulze gelassen. Der Diakonus wollte gehen. – "Nein, bleiben Sie, Herr Diakonus", sagte der Hofschulze, "es ist mir gar sehr lieb, dass Sie zufällig hier sind, denn ich ästimiere Sie als einen frommen und gelehrten Mann von Herzen, und es kann mir nicht schaden, wenn auch Sie meiner Art und Manier Zeugenschaft geben. – Herr Skribent", sagte er zu dem Schreiber so gebietend, als habe er an Gerichtsstelle zu befehlen, "schreibet genau auf, was ich zu wissen tue.
Herr Richter, ich mag mit meinem Schwerte und mit der Heimlichkeit am Stuhl wohl wie ein Narr da in den Schriften stehen, und Possen, wenn mir recht ist, nannte der junge vornehme Herr, an dem ich mich in meiner Angst vergreifen wollte, die Sachen, woran mein Herz gehangen hat. Ich will aber jetzt explizieren, was vor eine Bewandtnis es mit diesen Possen gehabt hat. – Allerhand habe ich erlebt in der Bauerschaft, Friedenszeiten und Kriegesläufte und Hagelschlag, Überschwemmung, gute Ernte und Misswachs und Viehsterben. Nun sah ich denn, seitdem ich in die Jahre getreten war, wo das Menschenkind anfängt nachzudenken, dass hin und her die Herren kamen, die sich auf die Schreiberei verstehen und auf das Besserwissen als die Leute, welche die Sache angeht, und die kuckten nach, wenn alles geschehen war, das Korn niedergetreten und das Vieh in den letzten Zügen lag und die Wässer wieder im Ablaufen sich befanden. Hatte aber gar der Feind geplündert und ravagiert, da kamen sie vollends erst lange darnach und notierten sich's auf, denn während der Gefahr war meistens keiner der Herren zu finden.
Die Herren taten dann ordinieren, wie alles wieder in Richtigkeit zu bringen sei, mehrestenteils aber sagten sie Sachen des Sinnes und Verstandes, dass wenn der Hagel nicht gefallen wäre, so hätte sich das Korn nicht umgelegt und ohne die Lungenfäule müssten die Kühe noch am Leben sein. Unterweilen wurde auch wohl einiges Geld geschickt, es kam aber selten an den Rechten, und im ganzen rappelten diejenigen sich am besten wieder heraus, welche nicht auf die hülfe der Herren da draussen warteten, sondern sich selber halfen, wohingegen ich manche Menschen habe ganz herunterkommen sehen, die immerdar bei jedem Unfall meinten, es müsse nun von da draussen ihnen das Malheur gutgemacht werden.
Erstaunend absonderlich aber war eine Sache. Mitunter machte ein Herr von der Schreiberei unter uns Bauern Dinge, worüber wir lachen mussten und dann traf es sich wohl, dass ein solcher Herr ein paar Jahre darauf von weiter mit vier Pferden durch die Bauerschaft gefahren kam und hatte eine Miene, als habe er bei Erschaffung der Welt mitgeholfen und allerhand bunte Bänder vorne am Rocke.
Dieses alles nun in meinen einfältigen Gedanken betrachtend, vermeinte ich letztlich, dass die Herren von der Schreiberei da draussen uns Bauern eigentlich wenig hülfen, und das auch eigentlich nicht wollten, sondern nur schreiben und sich nach und nach in die Wägen mit vier Pferden hineinschreiben. Und Gott verzeihe mir die schwere Sünde, einstmalen, als ich bei einem Rübsenfelde vorbeiging, worin die Pfeifer waren, so fielen mir die Herren ein und wusste nicht, wie das geschah. – Nun auf der anderen Seite hatte ich meine Reflexion, wie das Wesen in der Welt so eigentlich bestellt sei. Da dachte ich (denn ich habe immer in meinem Leben Nachgedanken gehabt) dass ein ordentlicher Mensche schon durchkommt, der auf Wind und Wetter achtet, und auf seine Füsse