leider auch keine Ausnahme, sagte sie und das Übelste sei, dass sich, wenn er fest dabei verbleibe, seinen Oheim im Osnabrückschen so lange zu besuchen, als die gnädige Frau hier Geschäfte habe, gar kein Ende des verzweiflungsvollen Zustandes absehen lasse.
Am anderen Tage war Clelia sehr leidend und medizinierte. Ihr Befinden besserte sich nicht, als sie vernahm, dass Lisbet in der Frühe auf eine halbe Woche zu ihrem alten Pfleger verreiset sei, den sie nun, da sie über Oswald ganz ruhig geworden war, wiederzusehen verlangte. Sie hatte sich ausserdem zu dieser Reise deshalb bestimmt, weil sie jede Versuchung meiden wollte, den Geliebten durch ihre Gegenwart jetzt, wo er sanft und allmählich in das Leben zurückkehren sollte, aufzuregen.
Fünftes Kapitel
Worin der Hofschulze seine letzte Rede über
allerhand wichtige Gegenstände hält
An einem der nächsten Tage ging der Diakonus auf das Gerichtshaus, wo er als Zeuge vernommen werden sollte. Mehrere Menschen, die gleich ihm hinbeschieden worden waren, standen unten vor der tür, und andere sprachen mit ihnen über den Gegenstand, der vor einigen Wochen die grösste Verwunderung im Städtchen erregt hatte, dann den Leuten aus dem Sinne gekommen war und nun, als das Gericht die Sache wieder aufnahm, von neuem zu reden gab.
Die Zeugen sollten über den Patriotenkaspar und den Oberhof verhört werden. Der Oberamtmann war nämlich an jenem Tage, wo er den Einäugigen traf, über den Fall ins klare und mit einer protokollarischen Darstellung desselben zustande gekommen. Auch er überzeugte sich zwar, dass die Sache verjährt sei, gleichwohl meinte er, sie habe eine solche Gestalt, dass wenigstens das Tatsächliche in aller Form Rechtens festgestellt werden müsse. Der Amtseifer des Geschäftsmannes wurde selbst durch den traurigen Zwischenfall mit seinem jungen Freunde nicht von dieser Bahn abgeleitet. Er trug daher, was er geschrieben, zu dem Vorstande des Gerichts, gab die nötigen Erläuterungen dazu und das Gericht ging ebenfalls in die Ansicht ein, dass ein geständiger Mörder wenn auch von noch so alter Zeit her, wenigstens vorderhand nicht auf freien Füssen stehen und unverhört bleiben dürfe.
Man schritt daher gegen den Patriotenkaspar zur Verhaftung. Dieser hielt von dem Leiterwagen herunter, auf dem man ihn einbrachte, Reden an das Volk, verfluchte die Gerichte von seinesgleichen und pries die Gerichte des Königs, vor denen er nunmehr seine alte Schuld abbüssen wolle. Zugleich berühmte er sich des Torts, den er seinem Todfeinde angetan. Das Gericht wollte sich indessen auch nicht so ohne weiteres mit einer vielleicht nachher getadelten Arbeit belasten, fragte daher höheren Ortes an, von da geschah eine Rückfrage noch weiter hinauf und die Bescheidung erfolgte erst nach mehreren Wochen. Sie ging dahin, dass allerdings, um die Sache aufzuklären, die nötigen Vernehmungen geschehen sollten.
Gerade kurz vor den Tagen, von welchen hier die Rede ist, war jene Bescheidung eingetroffen.
Besichtigungen wurden daher vorgenommen, Zeugen abgehört und diese Dinge brachten die Angelegenheit wieder in das Gedächtnis der Menschen zurück. Die sonderbare Art von Macht, welche der Hofschulze ausgeübt, kam zur Sprache, der einäugige Frevler hatte kein Hehl, dass er seinem Feinde das Schwert an einen verborgenen Ort weggetan habe und obgleich dieser Tatumstand kaum ein Verbrechen, sondern mehr nur einen Mutwillen darstellte, so war er es doch gerade, und was mit ihm zusammenhing, wodurch die Leute am meisten beschäftigt wurden. Man verwunderte sich, dass ein Uraltes, längst Verschollenes sich wie eine unabhängige Macht im staat hatte hinstellen können.
Auch der Name des Diakonus geriet auf die Zeugenliste. Die Untersuchung ruhte in den Händen eines Richters, der sich viel mit historischen Studien beschäftigte, und diese fanden hier reichliche Nahrung. Er machte daher die Sache wohl weitläuftiger, als sie streng genommen zu werden brauchte, und hörte jeden ab, der einigen Aufschluss über das Wesen des Oberhofes und das Treiben seines Besitzers zu geben vermochte. Deshalb hatte er denn den Diakonus gleichfalls vorladen lassen, weil dieser, wie bekannt war, viel mit dem Hofschulzen verkehrte, obgleich er von dem eigentlichen gegenstand der Nachforschungen nicht das mindeste wusste.
Man liess den Diakonus seines Standes wegen nicht im Zeugenzimmer warten, sondern berief ihn sofort in die Verhörstube. Dort wohnte er einem sonderbaren Auftritte bei. An den Schranken stand der einäugige Mörder und in einer Ecke sass der Hofschulze, über dessen verfallenes Aussehen der Diakonus erschrak. Der Mörder stand ganz strack da und sein reicher Feind sass in zusammengekrümmter Haltung. – "Noch einmal fordere ich Euch auf", sagte der Richter zum Patriotenkaspar, "mir zu entdecken, wohin Ihr das Schwert getan habt; bedenkt, dass Ihr durch hartnäckiges Verleugnen Euer Schicksal erschwert. – Hofschulze, sagt ihm ins Gesicht, dass Ihr Euer ganzes Haus danach vergeblich durchsucht habt, dass es also nicht im Oberhofe liegen könne."
"Wenn der Mensch keine Hexenmeisterkünste ausgeübt und es in einen Balken inwendig hineingehext hat, so liegt es draussen irgendwo und der Bösewicht muss wissen, wo es liegt", sagte der Hofschulze, indem er einen blick des grimmigsten Zornes auf den Entwender warf.
Der Einäugige, der mehr seinen Feind im Auge behielt, als den Richter, versetzte: "Und dennoch liegt es im Oberhofe, Hofschulze, aber finden werdet Ihr es schwerlich, wenn Ihr nicht das ganze Haus von Grund aus umreisst. Und das ist eben meine Freude, dass Ihr das wissen sollt, und daran vergehen, dass es Euch so nahe ist und dennoch verborgen bleibt. Mein Schicksal weiss ich. Daumenschrauben und Leiter