den ersten Reden einen gewissen Zwang, denn sie war sich ja geheimer Absichten gegen seine Wünsche bewusst. Sie kürzte daher den Besuch unter dem Vorwande, dass viel Sprechen ihm noch schädlich sein möchte, ab. Dann hatte sie die Unterredung mit dem Diakonus. Darauf wollte sie die Hausfrau sprechen, aber diese hatte in ihrer Wirtschaft die hände voll zu tun. Sie verlangte daher nach dem Oberamtmanne. Der war jedoch auf dem Gerichte und sprach mit einem Beamten über Dienstsachen. Nun begehrte sie wieder den Diakonus zu sprechen, welcher sich indessen zu einer Synode hinbegeben hatte.
Die Toilettenstunde war hierüber herangekommen, und diese gab nun einige Zerstreuung. Während Fancy das Haar ihrer Dame ordnete, erfuhr sie das Projekt, welches diese beschäftigte. Sie fasste ihre eigenen verschwiegenen Gedanken. Diese halten wir uns nicht für berechtigt zu offenbaren, denn auch gegen Kammerjungfern soll man diskret sein. Nur so viel: Wie alle ihre Schwestern war Fancy eine geschworene Freundin von Mesalliancen. Zwar hätte sie auf Lisbet neidisch sein dürfen, dagegen aber stritt ihr Gemüt. Bei aller Schlauheit hatte das Mädchen ein dankbares Herz. Der junge Graf Oswald hatte einst ihrem alten invaliden Vater eine Versorgung als Kastellan ausgemacht, ihn dadurch vom Hungertode gerettet. – "Man muss hübsch erkenntlich sein", dachte Fancy und entwarf ihren Soubrettenplan.
Sie legte etwas boshaft das schöne, noch nie getragene blaue Mousseline-de-Laine-Kleid heraus und kleidete überhaupt ihre Herrin heute mit besonderer Sorgfalt. Als Clelia sich im Spiegel so schön geschmückt sah, seufzte sie und sagte: "Schade, dass man das für die Tauben und Sperlinge im hof angezogen hat."
"Recht schade!" versetzte Fancy. "Der Herr hatten sich so sehr darauf gefreut die gnädige Frau in dem neuen Kleide zu sehen."
"Nun, es wird ja hier keine Ewigkeit währen", warf die schöne Frau leicht hin.
"Die Ewigkeit ist lang", versetzte die gefällige und nachgiebige Fancy. "Nein, eine Ewigkeit wird es wohl nicht währen."
Nach Tische (sie speiste nur mit der Hausfrau, denn die Männer hatten absagen lassen, und das Mahl war deshalb etwas einsilbig, wie alle Diners zweier Damen und von sehr kurzer Dauer) liess die junge Baronesse ihre Uhr repetieren und sagte: "Halb drei. Das wird ein langer Nachmittag werden." – Sie las etwas, aber das Buch zog sie nicht an, dann sang sie etwas zur Gitarre, aber sie hörte bald auf, denn sie behauptete, heiser zu sein. – "Fancy, meine Crespine!" rief sie. Fancy brachte die schwarzseidene Crespine. Clelia ging etwas in den Garten, aber die Mücken schwärmten ihr dort zu wild, und deshalb kehrte sie bald wieder in ihr Zimmer zurück.
"Wenn mein Vetter erfährt, welcher Langenweile ich mich um sein wahres Heil ausgesetzt habe, so müsste er der undankbarste Mensch sein, sagte er mir nicht zeitlebens Dank", sprach sie zu Fancy, die ihr die Crespine abgenommen hatte und in den verknitterten Spitzen um den vollen Nacken Ordnung stiftete.
"Er müsste der undankbarste Mensch sein", erwiderte Fancy.
Sie nahm Stramin zur Hand und fing etwas an zu sticken. Inzwischen war der Oberamtmann zurückgekommen und liess anfragen, ob er aufwarten dürfe. In der Dürre dieses Tages erschien ihr der Geschäftsmann wie ein Retter aus der Not; gern wurde er angenommen. Als er seine verehrte Schöne in dem neuen, reizenden Anzuge sah, begannen seine Augen wacker zu werden, er sah ganz verklärt aus. – Das Sticken aus freier Hand schien ihr einige Beschwerde zu verursachen. Er fragte sie lebhaft, ob er ihr den Stramin halten dürfe. Sie bejahte im schmeichelndsten Tone. Mit leuchtenden Blicken setzte sich nun der Oberamtmann zum Dienste der Galanterie auf ein Fussbänkchen zu den Füssen der jungen Dame nieder, nahm den Stramin fest in seine beiden hände und sah so ernstaft auf die Rosen, die unter Clelias Nadel entstanden, als habe er ein Todesurteil vor Augen. Auch Clelia stickte eifrig, als arbeite sie um das tägliche Brot, und Fancy sass im Fenster, mit einer Beeiferung ohnegleichen nähend.
Die Spannung der nächsten Augenblicke war nicht gering. Endlich fragte Clelia ihren grauen Verehrer, wie er die Sache mit dem Vetter anzugreifen gedenke? worauf er ihr ungefähr die nämliche Auskunft gab wie dem Diakonus. Clelia fuhr aber heftig auf und erklärte, dass sie ein solches Verfahren durchaus nicht zugeben werde, dass das ein rauhes und unmenschliches Verfahren sei, welches ohnehin nicht einmal einen günstigen Erfolg zusichere, weil die Liebe durch so unmittelbaren Widerspruch nur wachse, und was dergleichen mehr war, geeignet, den ganzen Plan des Oberamtmanns umzuwerfen. Sie hatte den Stramin aus ihren Händen entlassen und der Oberamtmann hielt ihn sonach bestürzt und gedankenlos allein in den seinigen.
"Aber mein Gott", sagte er traurig, "was wollen Sie denn, dass geschehen soll?"
"Darüber habe ich meinen Entschluss gefasst", erwiderte Clelia ernst. – "Er ist auf die Kenntnis des weiblichen Herzens gegründet. Kurz, wenn ich irgend etwas auf Sie vermag, wenn Sie wirklich mir in dem Masse vertrauen, wie es den Anschein hat, so überlassen Sie mir die Leitung der Sache, denn von solchen Dingen begreift ihr Männer überhaupt nichts."
Der Geschäftsmann wollte Widerspruch erheben, aber sie sah ihn so bestimmt an, er fürchtete so sehr von ihr verabschiedet zu werden, sie kam